Zugbegleiter im Orient-Express sieht auf seine Uhr

Orient Express

Dem Krimi auf der Spur.
Eine Fahrt mit dem legendären Orient-Express ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Wir verbrachten eine Nacht am Schauplatz der Sehnsüchte.

Wenn der Weg wieder zum Ziel wird

Sorry, Harry Potter. Es gibt einen Zug, der mehr Menschen zum Träumen brachte als jener nach Hogwarts. Der Orient-Express ist Bühne auf Schienen, eine Zeitkapsel der Eleganz. Das Grand Hotel auf Rädern war die Sensation der Jahrhundertwende und ist noch heute ein lebendiger Mythos, der im Jahr 1883 am Bahnhof Gare de l’Est seinen Anfang nahm. Die erste durchgehende direkte Zugverbindung wurde wenige Jahre später mit Pomp und Trara eröffnet - Konstantinopel, das heutige Istanbul, wird zur Endstation des Orient-Express, Synonym für den Glamour der Gründerzeit und Inspirationsquelle für alle Generationen, die noch folgen werden. Der französische Journalist Henri Opper de Blowitz, Teilnehmer der offiziellen Einweihungsfahrt des Orient-Express, beschreibt seine Reise, die ihn zu einem Interview mit Sultan Abdülhamid II. bringen soll, in der „Times“ mit blumigen Worten:

„Das Weiß der Tischtücher und der wunderbaren, kunstvoll gefalteten Servietten, das transparente Funkeln des Glases, der Rubin des Rotweins, das reine Kristall des Wassers in den Karaffen und die silbernen Helme der Champagnerflaschen blenden die Menge draußen wie drinnen und strafen die trauernden Mienen und das unglaubwürdige Bedauern der Abreisenden Lügen.“ Auch heute kann man sie spüren: die Blicke der staunenden Menschen, die in den Stationen durchs Fenster spähen, um einen Blick in das Innere des Zuges zu erhaschen. Aber immerhin, sie bleiben halbwegs diskret - Sigmund Freud soll sich anno dazumal auf einen Sessel gestellt haben, um in Wien, wo unsere Reise in die Vergangenheit beginnen soll, durchs geöffnete Fenster hinzuordinieren: Der neurotische Geiger Jascha Heifetz hatte ihn um Beistand gebeten.

Mysteriöse Frau steht am Gang des Orient-Express

Undurchsichtige Lady: Einst spielte die große Lauren Bacall die Rolle der Witwe Hubbard, heute verleiht ihr Michelle Pfeiffer biestigen Glamour.

Ab nach Venedig

Der Venice Simplon-Orient-Express bringt uns natürlich auch nach – was sonst: Venedig! Dort übernachtet man im romantischen ****Hotel Principe nahe dem Canale Grande. Paket buchbar unter: railtours.at/ traumzuege-urlaub.html

Illustre Illusionen

Wir allerdings sind psychisch stabil, wenn auch etwas aufgeregt angesichts all der Pracht. Der heutige und nicht minder elegante Venice Simplon-Orient-Express verkehrt zwischen London, Paris und Venedig, fährt aber auch weitere europäische Städte wie Berlin, Prag, Budapest, Bukarest - und ab und an immer noch Istanbul - an. Uns soll die Reise in die Stadt der Liebe führen, die jedoch ausnahmsweise Nebendarstellerin bleibt - denn: Der Weg ist das Ziel. So überstrapaziert dieser Spruch auch klingen mag, an Bord hat er Berechtigung. Und das verdanken wir ausgerechnet einem Amerikaner: 1977 erwarb der Unternehmer James B. Sherwood zwei der Originalwagen aus den 1930er Jahren bei einer Auktion von Sotheby’s und ließ sie mit viel Liebe zum Detail restaurieren. Dem nicht genug: Zug um Zug investierte er weitere 16 Millionen Dollar um 36 Waggons, darunter Schlaf-, Salon- und Restaurantwaggons in seine luxuriöse Sammlung einzugliedern. Sein Traum: dem Orient-Express wieder neues Leben einzuhauchen.

Innere Werte

Ist ihm gelungen. Wir staunen über das Interieur unserer Kabine und ärgern uns, in unseren Alltagsoutfits nicht ganz zu entsprechen - gut, dass wir für das Dinner am Abend die feine Wäsche eingepackt haben. Hinter dramatischen Eichenpaneelen verbirgt sich ein Waschbecken, das diffuse Licht einer Jugendstil-Lampe sorgt für angenehme Kuschel-Atmosphäre, die gepolsterten Bänke laden zum Träumen ein. „Blicken Sie nicht zu oft aus dem Fenster, solange wir noch in der Station sind“, rät uns Paul, unser persönlicher, blau-gold livrierter Steward mit weicher Stimme.

Tatsache: Menschen, die in ihre Mobiltelefone schreien, Rucksack-Touristen und abgehetzte Business-Reisende, die heimlich am verbotenen Glimmstängel ziehen - dieser Anblick wirkt schnell desillusionierend.

Mann gibt Frau einen Handkuss vor dem Orient-Express

Küss die Hand, gnädige Frau: Im Remake von „Mord im Orient-Express“ gibt Regisseur Kenneth Branagh auch den Meisterdetektiv Hercule Poirot.

Mysteriöser Mann sieht durch Fenster des Orient-Express

Das Mordopfer: Als der Gangster Edward Ratchett, gespielt von Johnny Depp, im Orient- Express das Zeitliche segnet, nimmt der Film Fahrt auf.

World Travel Award

Der Venice Simplon-Orient-Express erhielt mehrmals den „World Travel Award“ als bester Zug der Welt, was draußen passiert - dafür kann er nichts. Erst als die grauen Häuserfronten von einer ländlichen Winteridylle abgelöst werden, stellt sich innere Ruhe ein. Paul bringt Tee, ohne einen Tropfen zu verschütten.

Die Gedanken schweifen - und Geschichten gibt es viele: Josephine Baker soll im Orient-Express ihren Adoranten eine private Tanzvorführung spendiert haben. Der undurchsichtige „Kaufmann des Todes“, Waffenhändler Basil Zaharoff, gab an Bord seiner zukünftigen Frau den ersten Kuss, obwohl diese damals noch mit dem Prinzen Francisco de Borbón verheiratet war. Marlene Dietrich wurde, so besagt es die Legende, in diesem Zug entdeckt, als sie sich im Restaurantwagen an das Piano setzte und zu singen begann. Leo Trotzki wurde nach seiner Verbannung aus Russland sogar zum Stammgast. James Bond jagt in „Liebesgrüße aus Moskau“ den Bösewicht durch die Gänge, um anschließend seelenruhig die schöne Spionin Tatiana Romanova im Abteil zu vernaschen.

Die Liste der echten und fiktiven Berühmtheiten, die den Luxuszug nutzten, ist scheinbar endlos. Könige und Spione, Hollywood-Stars und Päpste, Politiker und Mätressen - kurzum: die Elite des 20. Jahrhunderts.

Reisetipp

Nach Paris & London mit Stil

Im „Venice Simplon-Orient-Express“ werden Träume wahr:

  • Von Wien geht es nach Paris, inklusive Dinner und einer Nacht im Schlafabteil
  • dann weiter im 5*-Bus über den Ärmelkanal.
  • Nach der Überquerung bringt sie der glänzende British Pullman nach London, Tee und Champagner inklusive.

Wer nur nach Paris will

Auch dieses Luxuspaket gibt es - inklusive einer Nacht im Zug railtours.at/ traumzuege-urlaub.html

Illustration einer Reiseroute

Fotocredits: BACHELET Bruno / Getty Images, Lindsay Constable / Alamy Stock Photo, FANTHOMME Hubert / Getty Images, Belmond, 2017 Twentieth Century Fox, Ekaterina Krasnikova / Hemera / Thinkstock; Gina Müller, carolineseidler.com