Glacier-Express fährt durch die Alpen

Höhenrausch & Glücksgefühle

Mit dem Glacier Express durch die schweizer Alpen.
Eine Panorama- Zugfahrt durch die Schweizer Alpenlandschaft ist voller Superlative - und entschleunigt doch nachhaltig.

Wenn du es eilig hast, lass dir Zeit

Höher, schneller, weiter, besser, mehr! Hurtig, hurtig, keine Zeit, keine Zeit! Wer hat den tollsten Job, wer den knackigsten Po, die Kinder mit den meisten Hobbys, den vollsten Terminkalender? Geht sich zwischen dem Businesslunch und dem geplanten Kaiserschnitt noch eine Stunde Spinning aus? Gilt ein ordentlicher Dauerlauf überhaupt, wenn er nicht mittels App auf Social Media mitgeteilt wurde? Die leistungsorientierte Gegenwartsgesellschaft fordert uns. Aber manchmal muss man da raus. Will Muße statt Maxime. Langsam werden. Und lachen. Etwa wenn der Zugführer mit dem Zwirbelschnurrbart seine Gäste mit „Grüezi, hello, ciao und konnichiwa“ begrüßt. Die Gruppe Japaner knipst sich die Finger wund. Wenn sie wüssten, dass die wahren „Kodak Momente“ noch kommen!

Eine Reise mit dem Glacier Express ist keine Zugfahrt. Sie ist ein Erlebnis. Bis zum Matterhorn schlängelt sich die Strecke quer durch die Urschweizer Alpenlandschaft. Vom mondänen St. Moritz aus windet sie sich der Albula-UNESCO-Welterbe-Strecke entlang, drückt sich in der Rheinschlucht an schroffen Felsen vorbei, klettert über den Oberalppass und erblickt am Ende des Furkatunnels das Licht der Walliser Sonne. Und dafür benötigt der Glacier Express das, was auch wir am dringendsten brauchen: Zeit. Für die 291 km lange Strecke nach Zermatt immerhin siebeneinhalb Stunden. Aber, oh Wunder: Im lichtdurchfluteten Waggon blickt niemand in ein Buch oder schläft, kein Laptop brummt, kein hektisches Businessgespräch hallt durch die Reihen. Die Stimmung? Fast andächtig. Sogar die Japaner schweigen.

Glacier-Express fährt über einen kleinen Wasserfall

Die Kipfenschlucht im Mattertal beeindruckt durch seine raue Ursprünglichkeit. Am Ende des Tals kann man das mächtige Matterhorn bereits erkennen.

Was für ein Käse

Während die Landschaft in all ihrer Pracht vorbeizieht, kann man sich im Glacier Express kulinarisch verwöhnen lassen. Auf der Speisekarte findet man Typisches wie Bündner Gerstensuppe, Walliser Marillenkuchen, Prättigauer Bauernteller und natürlich feinsten Bergkäse. Dazu ein Calanda Edelbräu oder Malanser Riesling. Einfach gluschtig (lecker, wohlschmeckend)!

Höhenrausch & Glücksgefühle

Der Zugführer mit dem Zwirbelschnurrbart kennt die Ergriffenheit seiner Passagiere - die bis zum ersten der 91 Tunnel in einer Tour wohlige Seufzer ausstoßen. Doch ab und zu wird es eben dunkel, und die fast unwirkliche Traumkulisse entzieht sich wie eine neckische Liebhaberin - vor allem wenn der Glacier Express durch den fünfzehn Kilometer langen Furkabasistunnel gleitet.

Ein schweizerischer Kabarettist hat einmal gesagt: „Die Tunnel, die sind fast wie Erholung, weil es sonst zu schön wird und die Seele vielleicht übergeht.“ Wir verstehen, was er meint. Am Wahrzeichen der Strecke sind die Passagiere trotzdem wieder überwältigt: Das 65 Meter hohe Landwasserviadukt ist eine architektonische Meisterleistung; die drei Hauptpfeiler wurden 1901 ohne Gerüst mit zwei Kränen erbaut. Hollywood liebt die Location - zuletzt drehte hier Thriller-Regisseur Gore Verbinski.

Frischer Wind

Der kleine Bruder des Glacier weiß ebenfalls zu beeindrucken. Der knallrote Bernina Express schafft die weltsteilste Steigung lässig und ohne Zahnradbetrieb bis zum Höhepunkt auf 2.253 Meter. „Bähnli“ nennen ihn die Schweizer liebevoll, keine andere Bahn­linie der Welt verbindet den Norden und den Süden auf so wundervolle Weise - harmonisch in die Natur eingebettet. Hoch hinauf zum Glitzern der Gletscher und wieder hinab zu den Palmen, durch Obst-, Kastanien- und Weingebiete gleiten wir dahin. Wer das Glück hat, einen Traumtag zu erwischen, kann sich auch oben rum freimachen: Bis Ende Oktober nehmen Mutige im Cabrio-Waggon Platz: Scheiben haben die offenen Aussichtswagen keine, Heizung ebenfalls nicht. Dafür gibt es Fahrtwind, Frischluft und dieses Gefühl, mitten drin zu sein statt nur dabei. Ein Hochschaubahn-Feeling, nur dass hier die Kulisse echt ist und derart bezaubernd, dass man fast erwartet, dass Heidi herself in der nächsten Kurve winkend wartet. Entlang der mystischen Strecke vorbei am Morteratschgletscher bis nach Alp Grüm ranken sich tatsächlich viele Sagen der Gebirgs- und Gletscherwelt. Noch heute glauben viele Alpenbewohner an die Existenz des Nachtvolks, der Zwerge und der wilden Weiber, die schon manchem Junggesellen zum Verhängnis wurden.

Glacier-Express fährt über eine Steinbrücke

Atemberaubend: Das Landwasserviadukt ist das meist fotografierte Kunstwerk der Rhätischen Bahn. Es wird im legendären Glacier Express überquert.

Passagiere schauen aus einem verregneten Panoramafenster auf die vorbeiziehende Landschaft

Unterwegs mit dem Bernina Express über die höchste Bahntransversale der Alpen.

Heiß auf Eis

Doch zurück in die Wirklichkeit, denn die ist fantastisch genug. Der Lago Bianco auf 2.234 Meter ü. M. wird aus den Panoramafenstern bestaunt, er ist zugleich Stausee und Wasserscheide. Ostwärts fließt das Wasser ins Schwarze Meer, südwärts in die Adria. Sein Wasser ist milchig-weiß, gefroren wirkt es tiefschwarz, ein Naturphänomen, das niemanden kalt lässt. Am besten ist das Schwarzeis des Engadin im späten Herbst zu genießen, wenn es sehr kalt und trocken ist und der Wind nicht allzu stärk bläst.

Vom Gipfel des Ospizio Bernina abwärts erscheint bald südliches Flair, das Bähnli hat sein Ziel nach drei abwechslungsreichen Stunden erreicht: Im kleinen Bahnhof von Tirano gönnt man sich Gefrorenes höchstens aus Stanitzeln.

Wer richtig Hunger hat, probiert die Spezialität dieser Gegend: „Pizzoccheri“, eine Mischung aus Buchweizennudeln, Spinat, Karotten, Knoblauch sowie Zwiebeln - und das alles mit reichlich Käse überbacken. Bei einem Glas Valtellina oder einem Cappuccino lässt man das Erlebte Revue passieren: Bilder, die nicht nur das Auge verwöhnt, sondern auch die Seele gespeist haben. Denn für alle Alpenstrecken der Schweiz gilt: immer schön langsam.

Reisetipp

Glacier und Bernina Express

Die zwei Züge bilden eine ideale Kombination für eine abwechslungsreiche Reise durch die Schweizer Alpenwelt.

Reiseverlauf

  • Um 9.30 Uhr wird in St. Moritz der Bernina Express Richtung Tirano bestiegen, um Dolce Vita zu inhalieren.
  • Zurück geht es dann um 14.03 Uhr Richtung St. Moritz.
  • Tags darauf fährt der Glacier Express um 9.02 Uhr in Richtung Zermatt ab. Dort übernachtet man auf luftiger Höhe.

Reiseangebote finden Sie auf:

railtours.at/bahnerlebnis-schweiz.html

Illustration der Reiseroute

Good to know

1: Der Weg ist das Ziel

Nach 25 Jahren Bauzeit, in denen 89.000 Arbeiter 9.302 km Schienen verlegten, wurde die Strecke 1916 in Betrieb genommen. Die Hauptstrecke beträgt 9.298 km. Acht Zeitzonen, zwei Kontinente, 189 Städte, die Überquerung von 16 Flüssen und Strömen und durchschnittlich 58 Kilometer Wegstrecke pro Stunde nimmt man „mit“.

2: Höhenrausch für Genießer

Am Ziel Zermatt warten die Superlative: Die höchstgelegene Bahnstation Europas ist die Bergstation der Luftseilbahn auf das Klein Matterhorn im Schigebiet „glacier paradise“ in 3.820 Metern Höhe.

3: Völkerverbindung deluxe

Gletscher und Palmen: Der Bernina Express verbindet als höchste Bahnstrecke über die Alpen den Norden mit dem Süden Europas. Die Strecke von Thusis - Valposchiavo - Tirano gehört zum UNESCO Welterbe.

Fotocredits: Rhaetische Bahn, Christof Sonderegger, Glacier Express, Rhaetische Bahn, Andy Mettler, Erik Süsskind, Tibert Keller, Gina Müller, carolineseidler.com