Fußgänger in Triest

Mein Triest

Es gibt immer gute Gründe, um nach Triest zu kommen. Im Herbst allerdings schmeckt die alte Hafenstadt am besten, verrät uns City-Expertin Jasmin. Denn da entfaltet sich die wahre Schönheit der Stadt.

Das erste Mal war ich 2011 in Triest. Müde und ener gielos habe ich, von meiner ersten Heimat Wien aus betrachtet, die nächstbeste Möglichkeit gesucht, um meinen geschundenen Körper schnell mal ins Meer zu tauchen. Der Kaiser ist damals mit der K utsche gereist, ich nehme immer noch am liebsten den Nachtzug und die Verbindung über Udine. Der Regionalzug steht dort dann schon am Bahnhof bereit und fährt knapp eine Stunde die Küste entlang - ich empfehle, unbedingt einen Platz auf der rechten Seite zu wählen und sich im Ausblick auf das glitzernde Meer zu verlieren. Falls ich doch lieber ausschlafen will, fahre ich einfach bis nach Venedig, bummle durch die Altstadt und lasse mich dann erst nach Triest chauffieren. Hand aufs Herz: Ich habe keine Ahnung, warum man jemals auf die Idee kommen könnte, diese Gegend nicht mit dem Zug zu bereisen. Demnächst werde ich auch den neuen Direktzug ausprobieren.

Im Herbst der volle Genuss

Bei meinem ersten Besuch habe ich mir im Hotel Miramare am Stadtrand ein Zimmer genommen, direkt am Meer. Wenn man sportlich ist, kann man vom Fenster aus ins Wasser spucken, so nah ist das. Nach dem vierten Tag und einem leichten Sonnenstich beschloss ich, mir einen Tag auch mal die Innenstadt anzusehen - allora, da ist es passiert: Ich verliebte mich Hals über Kopf in Triest. Seit einigen Jahren lege ich mir deshalb meine Aufträge so, dass ich die Sommermonate in Italien arbeite und jedes Wochenende nach Wien pendle. Im Herbst komme ich dann zum privaten Relaxen wieder, denn dann entfaltet die Stadt ihre wahre Pracht abseits der Tourist:innenströme. Jeden Oktober findet die "Barcolana" statt, eine Segelregatta, die mit über 1800 teilnehmenden Schiffen die größte der Welt ist - ein Top-Event, das von vielen Open- Air-Festivitäten flankiert wird.

Der Wettergott ist dem Happening noch immer hold gewesen, denn Triest profitiert bis in den November hinein vom milden Klima. Solange die Sonnenstühle am Strand des Hotels "Riviera & Maximilian" gleich neben dem Schloss Miramare draußen stehen, ist noch Badesaison - so lautet die goldene Regel. Auch das Schloss selbst hat man an manchen Herbsttagen fast für sich allein, im August braucht man es dafür meiner Meinung nach erst gar nicht probieren - außer man interessiert sich mehr für die Hinterköpfe der Wartenden in der Schlange vor sich als für die Pracht der k.u.k.-Monarchie.

Dasselbe gilt für das Bora-Museum, das dem berühmten Fallwind der Gegend gewidmet ist. Bei starker Bora heult es aus jeder Ritze, die Sturmböen reißen Flachdächer auf und lassen selbst Autos umkippen. Überall hört man ein Pfeifen, und dieses Konzert kann Tage dauern - ich empfehle allerdings die musikalischen Darbietungen im Teatro Verdi. Triest ist keine Großstadt, aber eine kosmopolitische Metropole mit Menschen aus allen möglichen Länder, die sich seit über 200 Jahren ein hochkarätiges Opernhaus leistet. Es ist kein spektakuläres Gebäude, aber bietet ein tolles Programm und sogar ein eigenes Orchester. Für mich als Fitnesstrainerin ist aber auch Sport eine Art von Kultur. Der italienische Fußball hat Kultfaktor - für ein Heimspiel der Unione Triestina muss man zwar ein wenig raus aus dem Stadtzentrum, kann dort aber ausgelassenes Soccer-Fieber mit viel Temperament erleben. Aktuell spielt die US Triestina in der Seria C, ein unterschätzter Verein mit viel Potenzial und ich juble ihm jedes Mal aus voller Kehle zu.

Stadtskizze von Triest

Essen wie Gott in Triest

Nun aber zu jenen Themen, die ich besonders schätze: das Essen, Trinken und Genießen. Unweit vom Bahnhof befindet sich die Gelateria Zampolli, ich nenne sie San Zampolli, also heiliger Zampolli - und die Einheimischen geben mir recht. Nicht nur gefühlte, sondern gezählte 70 verschiedene Eissorten gibt es dort zur Auswahl. Es ist eine Lebensaufgabe, sich durchzukosten und Lebensglück, so man seine Favoriten gefunden hat.

Mein Geheimtipp sind die vier "namenlosen" Sorten - und wenn man im Zampolli mindestens 24 Stunden vor Abreise Bescheid gibt, friert der Chef das Eis auf kälter als minus 40 Grad ein. Es hält dann bis Wien - wenn man es im Zug nicht schon aufgefuttert hat. Meinen schnellen Kaffee trinke ich am Canale Grande beim Standl gegenüber der Orthodoxen Kirche, den langsamen genieße ich im "Viezzoli" in der Via della Cassa di Risparmio. Die Einheimischen versammeln sich ab 7 Uhr morgens rund um den Tresen für ihre Dosis Koffein und gönnen sich kleine Pasticcini dazu.

Den "Nero", so sagt man in Triest zum Espresso, gibt es auf Wunsch "korrigiert" - also mit einem Schluck Grappa dazu, dann heißt er "Corretto". Derart beflügelt wandere ich gerne von Markt zu Markt, zu meinen Fixpunkten gehören der Bauernmarkt am Kanal vor der Sant’Antonio Kirche und der Fischmarkt Pescheria Grassilli, außerdem findet hinter der Piazza Unità r egelmäßig ein toller Flohmarkt statt. W er alles auf einmal erleben will, der muss an den Hafen. Im "Eataly" gibt es die geballte Ladung an kulinarischen Köstlichkeiten auf einem Fleck. Drei Stockwerke und 3000 Quadratmeter gefüllt mit den feinsten Spezialitäten, ich bin jedes Mal kurz vor davor, durchzudrehen. Das Motto? "Kaufen, essen und lernen" - und mit dem kann ich nur zu gut leben.

Anreise

Schon gesehen? Die ÖBB bieten einen neuen Direktzug von Wien (ab 07:58 Uhr) über Graz (ab 10:39 Uhr) und Ljubljana bis nach Triest. So können Reisende täglich, ohne Umstieg, direkt an die Adriaküste fahren und die wunderschöne Landschaft genießen. Retour ab Triest geht’s täglich ab 13:03 Uhr.

Nostalgische Gefühle sind vorprogrammiert: Denn damit kehrt auch kaiserliches Flair ein - immerhin ist es dieselbe Strecke wie die der "k.u.k. privilegierte Südbahn". 164 Jahre später kann man wieder drei großartige Städte in einem Zug genießen: oebb.at/italien

Tipps

1. Bauernmarkt am Canale Grande

Kulinarische Schätze aus dem Triestiner Karst: An der Piazza del Ponterosso schlemmt man sich durch die besten Spezialitäten. Unbedingt probieren: "Schinco" - gekochter Schinken nach k.u.k.-Tradition, der auch für Schinkenfleckerl verwendet wird.

2. Teatro Verdi

Nicht sehr auffällig, aber der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und Ikone der kulturellen Identität der Stadt. Das kleine Triest leistet sich seit über 200 Jahren ein hochkarätiges Opernhaus samt Orchester. Unbedingt reservieren.

3. Eataly

Bis in den November hinein kann man in den Gärten der Trattorien sitzen und genießen. Am schönsten ist es am Hafen: Über 4000 rein italienische Produkte warten darauf, im "Eataly" - mit Ausblick auf die Boote - entdeckt zu werden.

4. Fußballstadion US Triestina Calcio

Das 1992 eröffnete Stadio Nereo Rocco ist die aktuelle Spielstätte des US Triestina Calcio und huldigt dem bekanntesten Erfolgstrainer der Stadt. Vor allem aus der Vogelperspektive ist es ein absolutes Schmuckstück unter den italienischen Stadien.

Beitrag aus: Railaxed Magazin Herbst 2021