Prag

Janina On Tour: Revolution, Baby!

Prag zwischen Kommunismus und Freigeistigkeit.

Logo von "Janina on Tour"

Unsere Autorin Janina Lebiszczak geht für die ÖBB auf große Tour.

Der Spirit der "Velvet Revolution" ist immer noch spürbar. Unsere Autorin begibt sich auf eine Reise von der Vergangenheit in die Zukunft, bei der die Stadt mit ihrer Vielseitigkeit fasziniert.

Prag ist eine facettenreiche, lebhafte und wunderschöne Stadt - ich bin mir sicher, die meisten von Ihnen wissen das und besuchen die Moldau-Metropole oft und gerne. Sich von ihr nicht verzaubern zu lassen, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. An manchen Ecken wähnt man sich in Paris oder in Venedig, manchmal erinnert es an Wien - aber doch ist Prag unverwechselbar. Es bietet Unterhaltung und Inspiration für jeden Geschmack von Hochkultur bis Kneipentour, es ist jung und zugleich steinalt. Mir bietet es auf meiner Reise etwas ganz Spezielles - denn darum geht es immerhin, wenn ich mich für die ÖBB „on tour“ begebe. So lange ich denken kann, haben mich Revolutionen fasziniert. Als Wienerin mit polnisch-ukrainisch-tschechischen Wurzeln gibt es da auch abseits der ständigen Horizonterweiterung zu diesem Thema reichlich Stoff für Vergangenheitsbewältigung. Wer in der Freiheit schläft, wacht hinter Mauern wieder auf, da bin ich mir sicher. Ein Hoch also auf die Zivilcourage! Doch welche Dynamiken stecken hinter einer Revolution, woher stammt die Kraft, sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu stemmen?

Dutzende Male habe ich mir den Film "Der Bockerer" von Franz Antel angesehen. Der ist zwar kein klassischer Widerstandskämpfer, geht aber in aller Menschlichkeit seinen eigenen Weg. Er steht zu seinen Werten. Er weiß, dass der Wert eines Menschen unabhängig ist von Religionszugehörigkeit, Nationalität oder Sexualität. Als ich also von der Möglichkeit hörte, mich auf meiner Prag-Reise auf die Spuren des zivilen Ungehorsams zu heften, war ich sofort entflammt. Das wunderschöne Prag, die goldene Stadt, magischer Anziehungspunkt für Millionen Gäst:innen - es hat schon so einiges erlebt. Und doch fanden die Tschech:innen ihren Weg in die Freiheit.

Besonders ihre "Velvet Revolution" hat mich in ihrer ganzen Sanftheit und Stärke immer besonders fasziniert: Im Herbst 1989 legte die Mehrheit der Bevölkerung die Arbeit als Protest gegen das kommunistische Regime nieder. Rufe nach Reformen beantworteten Polizei und Sicherheitsdienst mit Gewalt. Doch die massiven, noch dazu völlig friedlichen Proteste durch Studierende auf der Straße zwangen die Regierung innerhalb von wenigen Tagen zur Aufgabe. Der 17. November 1989 gilt als Wendepunkt der "Samtenen Revolution" und ihr Wortführer Václav Havel wurde wenige Monate dar auf Staatspräsident. Es war vollbracht. Freiheit. Demokratie. "The Times - they are changing", sang es Bob Dylan einst so schön.

Relikte des kalten Krieges

Und ich? Ich stehe in einem Bunker und denke daran, ob ich vielleicht auch heute in einem Bunker stehen würde, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die sich beherzt für die Freiheit eingesetzt haben. Unter dem Hotel Jalta, einst glamouröser Treffpunkt für Staatsmitarbeitende und Spion:innen, befindet sich Abhörzentale und Bunker zugleich. Zehn Meter unter der Erdoberfläche saß in ihm bis zum Jahr e 1989 auch die Staatssicherheit, die von hier aus Hotelgäst:innen belauschte, zugleich diente er als Unterschlupf für hohe Offizier:innen des Warschauer Pakts im Falle eines Angriffs. Heute allerdings dient der Bunker als "Museum des Kalten Kriegs" - und ich gebe zu, mir wurde beim Besuch etwas schwummrig - was nicht nur an meiner latenten Angst vor engen Räumen liegt. Plakate zeigen, wie man sich im Falle eines atomaren Fallouts verhält, Waffen und Gasmasken erinnern an die vergangene Bedrohung. Am Wenzelsplatz gleich gegenüber vom schaurig-schönen Bunker-Hotel treffen wir unseren City-Guide Hanka Fuková. Die Fremdenführerin und Lehrerin erzählt mir alles über die eingangs geschilderten Vorkommnisse, die Proteste, den Umbruch, die "Velvet Revolution" - und zeigt uns sogleich jenen Ort, wo sie passierte. In der Národní-Straße gleich beim Nationalmuseum wurde im Herbst 1989 friedvoll demonstriert, heute erinnert dort ein Denkmal an die Kraft des gewaltfreien Widerstandes: offene Hände strecken sich uns entgegen, auch das "Peace"-Zeichen kann man bewundern.

Boutique-Hotels Jalta, ein geheimer Atomschutzbunker

Relikte aus grauen Zeiten: Eine Besonderheit des Boutique-Hotels Jalta ist der geheime Atomschutzbunker aus den 1950er Jahr en.

Lennon Wall in Prag

Die Lennon Wall ist heute eher ein Instagram-Spot. Vielleicht kommen aber manche ins Grübeln.

Einer verkappten Revoluzzerin wie mir geht das nahe: Auch ein kalter Krieg kann wohl nur mit flammender Leidenschaft beantwortet werden.

Prag und der Pazifismus

Wie das Grau den Farben wich, wird auch an der John Lennon Wall deutlich. Die liegt gegenüber in der Nähe der berühmten Karlsbrücke und gehört eigentlich dem Malteserorden, der die Graffiti darauf inzwischen erlaubt hat. Wieder spürt man, wie sich das freie Leben in Prag stets seinen Weg bahnte: Nach der Ermordung Lennons im Jahr e 1980 malten Unbekannte an der Mauer ein Portrait des Künstlers und stellten eine Gedenkkerze darunter, bald schon wurden weitere Liedzitate und regimekritische Sprüche aufgemalt. Die Obrigkeit ließ das Gemälde und die Parolen entfernen, doch ohne Erfolg: Immer und immer wieder tauchten neue Parolen und Bilder auf. Heute, so kritisiert Cityguide Hanka, ist die Lennon Wall eine touristische Attraktion und Instagram-Highlight für vor allem jünger e Besucher:innen. "Aber es freut mich, wenn manche davon ins Grübeln kommen. Ob die John Lennon Wall oder die Samtene Revolution - das ist alles typisch für die Prager Bevölkerung. Wir lieben den Frieden und die Freiheit, auch wenn wir manchmal etwas brauchen, um in die Gänge zu kommen. Die Kunst hat uns dabei immer sehr geholfen."

Die Seele kultivieren

Tatsache: Die Goldene Stadt ist voller Kunst, die uns erinnern und ermutigen soll. Also nicht wundern, wenn Sie in der Lucerna-Passage ein Pferd von der Decke baumeln sehen, eine Persiflage auf das Reiterdenkmal des Heiligen Wenzel. Das wahrscheinlich meistfotografierte Werk des Künstlers David Černý führt uns die Absurdität des Krieges vor Augen - jedenfalls lautet so eine der vielen Interpretationen. Der Bildhauer ist in Prag omnipräsent: Sein neuestes Objekt, eine bewegliche Franz-Kafka-Büste, steht vor
dem Einkaufszentrum Quadrio und besteht aus 42 beweglichen Schichten, die den Kopf in ständiger Unruhe erscheinen lassen. Und mit der Skulptur "Quo Vadis" würdigt Černý die Vorkommnisse vom September 1989, als tausende DDR-Bürger:innen in die Deutsche Botschaft in Prag flüchteten und vor Ort ihreTrabis zurückließen. Kulturverliebte sollten jedoch auch nicht das Trickfilmmuseum, das Karel Zeman gewidmet ist, verpassen. Der Visionär, den sogar S teven Spielberg sein Vorbild nennt, konnte sein Publikum für die Länge eines Filmes in eine andere Welt entführen und außerdem: Wer wollte nicht schon immer mal auf der berühmten Kanonenkugel Platz nehmen, auf der Baron Münchhausen ritt? Und in der Prager Burg kann man die beeindruckende Kunstsammlung des Lobkowicz-Palasts genießen: Das Museum zeigt weltberühmte Gemälde von Bruegel, Canaletto, Velázquez und handkommentierte Manuskripte von den größten Komponisten der Welt, darunter Haydn, Mozart und Beethoven.

Wenzelsplatz

Volksnah: Wenn sich die Stadt wieder mal im Umbruch befindet, dann versammelt sich Jung und Alt am berühmten Wenzelsplatz.

Zeitmaschine, das Metronom hoch über dem Letná Park

Zeitmaschine: Das Metronom hoch über dem Letná Park soll die Vergänglichkeit symbolisieren. In Prags grüner Lunge feiert die Jugend.  

Die in Prag hochgeschätzte, blaublütige Familie Lobkowicz konnte erst durch die "Velvet Revolution" wieder in ihre Heimat zurückkehren und so ihre Kunstschätze zurückerhalten - wieder ein Beweis dafür, wie wichtig Frieden und Freiheit für unsere Gesellschaft sind.

In der Zeitmaschine

Beeindruckend ist auch das riesige Metronom hoch über Prags hipper, grüner Lunge, dem Letná Park. Es nimmt auf dem Stadtplan einen symbolischen Platz ein, an diesem Ort ragte einst das gigantische Denkmal Stalins empor. Heute bewegt sich der riesige Zeiger Tag und Nacht und erinnert so an den Lauf der Zeit - und an die Vergänglichkeit der Macht. Hier treffen sich abends die Jugend und die Junggebliebenen auf einen Sundowner hoch über den Dächern der Goldenen Stadt. Bei meinem Besuch legte eine DJ dazu sphärische Klänge auf, überall sah ich glückliche Gesichter, ein unvergesslicher Moment. Hoffentlich bleiben die jungen, coolen Prager:innen so friedvoll und achtsam wie ihre Vorfahr:innen. Denn ihre Stadt ist viel mehr als Bier, Brücken und Behaglichkeit. Prag lässt uns nicht vergessen.

Text: Janina Lebisczak
Fotos: Wolfgang Stecher