Die Spitzen der Kathedralen und Kirchen über den Dächern in Przemysl

Janina On Tour: Im Grenzland

Erster Halt: Polen

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Unsere Autorin Janina Lebiszczak geht für die ÖBB auf große Tour. Erster Halt: Polen.

Eine spannende Reise in die eigene Vergangenheit zwischen Pierogi und Babuschkas.

Eine spannende Reise in die eigene Vergangenheit

Es ist unüblich - aber ich beginne meine Geschichte mit dem Ende meiner Reise. Nach einer langen, gemütlichen Zugfahrt vom südöstlichen Polen direkt nach Wien Hauptbahnhof war ich auf dem Geburtstagsfest meiner besten Freundin.

Müde, aber glücklich. Gespannt lauschte man meinen Erzählungen - und fragte anschließend: Warum waren wir eigentlich noch nie in Polen? Mein reiselustiger Freundeskreis kennt Rom, Paris und Brüssel - aber Polen? Ich bin 1975 geboren, unsere Generation wollte alles, nur nicht am ehemaligen Ostblock anstreifen. So auch ich nicht.

Obwohl meine Familie mütterlicherseits aus Tschechien stammt und jene väterlicherseits aus einer kleinen Grenzstadt zwischen Polen und der Ukraine. Deshalb sehe ich so aus, wie ich aussehe, und deshalb vertrage ich Wodka besser als Wein. Nun also: Ostpolen, Kresy - zu deutsch: Grenzland.

Meinem Vater hatte ich vor seinem Tod versprochen, wir würden zusammen jene Gegend entdecken, die uns formte. Es kam nicht mehr dazu. Deshalb auch meine ungewöhnliche Reisebegleitung: eine farbenfrohe Babuschka-Puppe. Ein Geschenk des Vaters. Ja, wir OstlerInnen sind Drama Queens. Aber wir halten unsere Versprechen.

Babuschka im Zug

Eine Erinnerung an den verstorbenen Vater mit den polnisch-ukrainischen Wurzeln reiste mit.

Der Förderturm des Salzbergwerks Bochnia

Der Förderturm des Salzbergwerks Bochnia. Darunter liegt ein 3,6 Kilometer langes Stollensystem.

Unter Tage

Über Katowice geht es aber erst mal ins südpolnische Bochnia, etwa 40 Kilometer östlich von Krakau entfernt. Hier dreht sich alles um das weiße Gold: Das Salzbergwerk ist eines von der UNESCO gelistete Stätten des Weltkulturerbes, seit den 1990ern dürfen auch TouristInnen in die Tiefe, der Betrieb ist bis auf die Gewinnung von hochwertigen Badesalzen und Peelings eingestellt.

Im Aufzug hinab kämpfe ich mit einem Anfall von Klaustrophobie, dieser legt sich aber beim Anblick des magischen Ortes tief unter der Erde. Vor 20 Millionen Jahren bedeckt in Meer die Region im Südosten Polens, das Wasser verschwand, zurück blieb Salz - und im Jahr 1248 begann man damit, es aus der Erde zu fördern. Mehr als 750 Jahre lang war das älteste polnische Bergwerk aktiv. In dieser Zeit entstanden immer neue Räume in dem unterirdischen Reich, von denen ein Teil auch für Kuraufenthalte oder Veranstaltungen genutzt wird. Bisschen schräg, aber der Schlafsaal mit den Stockbetten und der Dancefloor samt Discokugel so weit unter der Erde haben etwas Faszinierendes. Die Gänge verbinden sich nicht nur zu einer unterirdischen Route mit einer sehr kurzweiligen Multimedia-Show, sondern führen auch durch die Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Dramatische Kapellen in Holz und Stein gehauen, mystische Skulpturen und Denkmäler erschaffen eine geheimnisvolle Welt fernab der Gegenwart. Hier wurde bei großem Risiko hart gearbeitet - diese Energie kann man auch heute noch spüren. Angeblich spukt es sogar, der "Schatzmeister", ein langbärtiger Geist, soll seine Runden drehen.

Dominanter als dieses Mysterium sind nur die vielen deutschsprachigen Schilder: Bis 1918 befand sich das Salzbergwerk unter Kontrolle des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs. Wieder über Tage lässt das Salz mich nicht los. Im April 2020 eröffnet mitten in Bochnia ein Gradierwerk. In seiner Umgebung entsteht salzhaltige, feuchte Luft, die beim Einatmen einige Beschwerden lindern soll. Zu diesem Zweck wird handverlesenes Reisig so verlegt, dass die Verästelungen einen Salznebel produzieren: eine Wohltat für Hustengeplagte, PollenallergikerInnen und Asthmakranke. Gleich nebenan ein wenig Lokalkolorit: Das Mini-Museum "Arthropoda" rühmt sich der größten Schmetterlingsausstellung des Landes, die über 5.200 Exemplare aus aller Welt umfasst. Mir flattern aber bereits die Lider, nach einem üppigen Salat (Mayonnaise ist in Polen omnipräsent) geht es ins Bett.

Beschauliche Fußgängerzone in Przemysl

Authentisch: In der beschaulichen Fußgängerzone findet man keine großen Konsumketten.

Unaussprechlich schön

Die Stadt Przemysl - zu deutsch sehr putzig "Prömsel" - befindet sich wenige Zugstun - den entfernt im östlichen Polen am Fluss San, der so sauber ist, dass jeder Danubianer neidig werden könnte. Die Monotonie der Umgebung, akzentuiert durch so manche kommunistische Bausünde, wird durch den Charme dieser herausragend schönen Stadt unterbrochen.

Der Reichtum ihrer Vergangenheit trifft auf traurige Erinnerungen an die Weltkriege, die Eindrücke überschneiden sich auf kleinsten Raum, alles hier ist sehr dicht, fast überwältigend. Der Westen küsst in Prömsel den Osten, zur Zeit der habsburgischen Monarchie befand sich die heute 60.000 EinwohnerInnen starke Stadt in dem Grenzraum, der West- und Ostgalizien voneinander trennte.

Unter österreichischer Herrschaft wurde die Stadt ab 1876 zu einer der größten Festungen Europas ausgebaut, die Ruinen der Befestigungsanlagen prägen heute noch das Stadtbild. Helene Deutsch, die berühmte Mitarbeiterin Siegmund Freuds und die erste Psychoanalytikerin, die sich auf weibliche Sexualität spezialisierte, hat hier ihre Jugend verbracht und nannte ihre Heimat den "Mittelpunkt der Welt". Wie schon erwähnt: Wir OstlerInnen sind Drama Queens - und hier ist alles dramatisch, hier in einer der ältesten Städte Polens.

Janina genießt die Sonnenstrahlen vor einem Cafe

Paris in Polen - in einem Café im Przemysl die ersten Frühlingssonnenstrahlen genießen.

Die Kathedrale von Sankt Johannes von innen

Ikonen: In der griechisch-katholischen Kathedrale St. Johannes beten die ansässigen Ukrainer.

So viele Kirchen

Vom Turm des Glocken- und Pfeifenmuseums - wer auf skurrile Sammlungen steht, ist in Polen offenbar genau richtig - hat man eine fantastische Aussicht: Vor mir liegen dicht an dicht der römisch-katholische Dom, der griechisch-katholische Dom, die barocke Franziskanerkirche, die Karmeliterkirche der heiligen Teresa, die orthodoxe Bazylianó w-Kirche und die neue Synagoge. Wer sich für Religionsgeschichte interessiert, wird im Przemysl aus dem Staunen nicht herauskommen - eine geführte Tour ist dringend empfehlenswert, denn die spannenden Geschichten rund um die vielen Umwidmungen der Kirchen verlangen genügend Zeit. Sogar Papst Johannes Paul II. reiste zu Lebzeiten persönlich an, um zwischen den römisch-katholischen Polen und den byzantinisch-katholischen Ukrainern zu vermitteln. Schuld an dem Streit? Sind eigentlich die Österreicher. Kaiser Joseph II., ein bekannt radikaler Reformer, vertrieb die Karmeliter aus Przemysl und ließ im Jahre 1784 ihre Kirche an die griechisch-katholische Diözese verkaufen, die eine eigene Kathedrale haben wollte - der Anfang, aber nicht das Ende eines langen Tauziehens.

Mir aber steht der Sinn nun nach weltlichen Genüssen: In einer winzigen Keramikwerkstatt greife ich erst zum Pinsel, dann genieße ich den Spazier gang über den schrägen Marktplatz mit seinen Bürgerhäusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert und dem Denkmal des braven Soldaten Schwejk. Ich möchte verkosten, was in meiner Familie zu Weihnachten immer noch auf den Tisch kommt: "Barszcz czerwony", also Borschtsch, die berühmte Rote-Beete-Suppe, und herrlich üppige Piroggen versorgen mich mit frischer Energie, der samtige Büffelgras-Wodka sorgt für Laune. Prömsel ist bekannt für seine vielfältige Blues- und Jazzszene, im Sommer und im Herbst finden große Musikfestivals statt. Ich lausche einem Konzert und mache letzten Halt in einem urigen Pub namens "Goldfassl". Zurück geht es nach Wien direkt und ohne Umsteigen, endlich ist Zeit, die vielen Eindrücke (und die tatsächlich sehr üppigen Pierogi) zu verdauen. Es war wunderschön, mehr über die Herkunft meiner Ahnen zu erfahren. Noch schöner allerdings ist nur Przemysl.

Jazz Musiker im Klub Akwarium

Jazz: Przemysl liebt die Musik. Im kleinen Klub Akwarium oder auf großen Festivals im Sommer.

Janina arbeitet in einer kleinen Kunstgalerie

Selbst ist die Frau: Janina greift in einer kleinen Kunstgalerie im Kirchenviertel zum Pinsel.

Janina im Bergstollen der Salzmine von Przemysl

Im Schacht: Immer noch glitzert das Salz in den Stollen; es hat Bochnia einst reich gemacht.

Text: Janina Lebisczak
Fotos: David Prokop