Einsiedelei in Saalfelden

Janina On Tour: Gemeinsam, nicht einsam

Als Eremit isoliert in purer Natur.

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Unsere Autorin Janina Lebiszczak geht für die ÖBB auf große Tour.

Als Eremit am Saalfeldner Palfen ist er Experte für freiwillige Isolation in purer Natur. Wir trafen Matthias Gschwandtner, um über ein Leben fernab von Menschenmassen und Entertainment zu plaudern.

Bevor wir uns gemeinsam auf den Weg machen, um von Wien über Salzburg bis ans Steinerne Meer zu reisen, gibt es zuvor noch einen etwas unbequemeren Trip zu absolvieren: Den in die Vergangenheit. Genauer gesagt: Zu den Geschehnissen der letzten 12 Monate. Ein Jahr ist es her, dass auch unsere Heimat ihre Pforten schloss, um sich vor einem unsichtbaren Feind zu schützen, dessen Wucht uns alle auf die eine oder andere Art traf. Am 15. März 2020 wurde das öffentliche Leben in Österreich erstmals massiv eingeschränkt.  Lockdown Nummer 1 von einigen, die da noch folgen sollten.

Drei Begriffe prägten fortan unser Leben. Corona. Krise. Isolation. Freiwillige Selbstisolation, um genau zu sein. Social Distancing.

Wer hätte denn vor einem Jahr damit gerechnet, dass wir unsere Freund:innen nicht mehr umarmen werden? Dass wir nicht mehr ins Restaurant, Theater oder Kabarett dürfen und auch nicht mehr in Clubs zu lauter Musik tanzen können? Dass gesellige Zusammenkünfte zu Clustern werden, wir unsere Alten und Kranken nicht mehr besuchen können, dass Kinder aus ihrer Struktur gerissen werden und Teenager vorübergehend erfahrungslos bleiben, dass wir uns Fremden wie Bekannten nicht mal mehr auf 2 Meter nähern sollen.

Nun, schon klar: Man muss nicht einsam sein, nur weil man allein ist. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns auch vernetzen können, ohne außer Haus zu gehen. Dank WhatsApp, Facebook, Zoom & Co. können wir immer noch miteinander reden, einander unterstützen und aufmuntern. Das virtuelle Tratscherl, das über den Bildschirm geteilte Arbeitsprojekt oder einfach ein kurzer Anruf bei der verunsicherten Oma können Wunder wirken. Nur ein Ersatz für menschliche Nähe ist es nicht.

Mit Covid-19 kam die Leere, ein Gefühl, das viele nicht kannten. Dabei hängt die Widerstandskraft der Menschen gerade in Zeiten der Krise von ihr en sozialen Beziehungen ab. Und mit steigender Einsamkeit sinkt die Wahrscheinlichkeit, die Situation zu akzeptieren, sie auch positiv deuten zu können und ihr mit Humor zu begegnen. So weit, so ungut. Lassen Sie uns nun in den Zug nach Saalfelden steigen, um Antworten beim Experten zu finden - und vor allem: neue Zuversicht.

Janina im Zug
Der Eremit Michael Geißler

Der Eremit und die Einsamkeit

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Einsamkeit und dem Alleinsein? Letzteres lässt sich anhand von Kontakten messen. Einsamkeit bedeutet dagegen das nagende, negative Gefühl, dass etwas fehlt, das man gerne hätte. Eine Nähe, einen Sinn. Nicht jeder, der sozial isoliert ist, ist einsam, und nicht jeder, der sozial eingebunden ist, fühlt sich geborgen. Unser Gesprächspartner kann das bestätigen: Denn er ist Österreichs einziger und derzeit letzter Eremit; wenn gerade auch (noch) außer Dienst. Matthias Gschwandtner ist evangelisch und sportliche 64 Jahre alt, Jazzfan, Bücherwurm und aus Bad Ischl.

Nach seiner Pensionierung wollte er mal etwas Anderes ausprobieren, raus aus dem Trott des Alltags - manche gehen da pilgern, golfen oder machen eine Weltreise.  Er jedoch wollte alleine sein. "Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, eine Art klösterliches Leben zu führen, mit fixer Struktur, ohne viel Ablenkung und viel Zeit dafür, das eine oder andere persönliche oder gesellschaftliche Thema zu reflektieren", erzählt er uns er im Heimatmuseum  Saalfelden, in dem auch die 350-jährige Gesichte der Saalfeldner Eremitage beleuchtet wird.

Die Einsiedelei am Palfen, wie sie auch genannt wird, wurde samt kleiner Kapelle im 17. Jahrhundert oberhalb des Schlosses Lichtenberg auf einem Felsen erbaut. 35 Jahre lebte der erste Klausen-Bewohner hier alleine und damals noch wirklich abgeschieden, ein einfacher Bergbauernsohn aus Embach, ein Franziskaner. Ihm folgten viele weitere Eremiten, deren Existenz von den Menschen rundum gesichert wurde, da Klausner auch die Aufgabe des Feuerwächters übernahmen. Für ihr "Frühwarnsystem" durch Glockengebimmel gab es Verpflegung frei Haus.

Echtheit versus Erlebnishunger

Heute dient die letzte bewohnte Eremitage in Europa vielen Urlaubsgästen wie auch Einheimischen als Rastplatz der Seele. "Ort der Stille", wird er in der Gemeinde genannt - aber Matthias Gschwandtner hat da andere Pläne: "Ich finde, es ist ein Ort der Begegnung. Mit sich selbst, mit den Anderen, mit der Natur und mit Gott." Und eben diese Begegnungen konnte er sechs Monate lang pflegen, bevor er witterungsbedingt seine unbeheizte und karge Unterkunft ohne Strom inmitten von prachtvoller Natur wieder verlassen musste. Wie es kam? Nachdem der aus Belgien stammende Einsiedler Stan Vanuytrecht durch seinen Abschied verkündete, machten sich Stadtgemeinde und Pfarre auf die Suche nach einem neuen Bewohner.

Wegweiser zur Einsiedlerei
Treppenaufstieg

Die Corona- Krise verzögerte den Bewerbungsprozess, erst Anfang Juni 2020 stand es fest: Matthias Gschwandtner, der Saalfelden als Stammgast am berührten Jazzfestival gut kennt, würde seine Chance auf Isolation erhalten. Doch so einsam wie man glauben möchte, ist es dort oben nicht. Nur die Stunden am Morgen und die Nacht gehörten dem Eremiten ganz allein: "Tagwache ist vor sechs, da muss das Feuer entfacht werden -  gegen kleine Mitbewohner und gegen die Feuchtigkeit. Holz hacken, Wasser holen, dann ein Frühstück in Stille mit Blick weit über die Täler bis hin zum Kitzsteinhorn und etwas Zeit zum Innehalten, bevor ich das erste Mal zum Gebet geläutet habe, wie man es dort oben seit Jahrhunderten macht."

Trotzdem war es dem Ehemann und Vater auch wichtig, eigene Spuren zu hinterlassen, sich selbst treu zu bleiben: "Manche sehen die Klause als eine Art Freilichtmuseum, und da soll dann halt einer sitzen mit Schnapserl und Kutte und Rauschebart - weil manche in fixen Denkmustern gefangen sind. Aus diesem Tunnelblick wollte ich die Menschen gerne rausreißen, denn diese Sicht lässt keine wahre Auseinandersetzung zu. Außerdem muss ich sagen: Ich bin ja kein Franziskaner, kein Benediktiner, ich kann auch nicht eine Polizeiuniform anziehen, wenn ich kein Polizist bin." Doch ob in Kutte oder in Shorts: Die Menschen kamen. Viele Menschen. Wander:innen, Pilger:innen, Weltliche, Geistliche, Moderne, die Alten und die Jungen aus dem ganzen Land.

Manche mag der Glaube motiviert haben, manche die Neugier - aber die meisten kamen zum Reden. "Du bist Einsiedler, du bist Fremdenführer, du bist Schaufigur, du bist Seelsorger", so Gschwandtner, der unzählige Unterhaltungen mit den Besucher:innen der Klause führen konnte: "Der Großteil ist einfach Smalltalk über die Gegend und die Geschichte. Manche kommen zum Beten. Und dann gibt es auch ganz tiefgehende und lange Seelsorgegespräche. Es kommen Leute her, setzen sich ohne Vorankündigung und sagen, sie haben das und das Problem. Hier herrscht so eine offene und einladende Stimmung, da werden Herzen ausgeschüttet, es wird geredet, zugehört und auch ab und an werden ein paar Tränen vergossen."

An manche Begegnungen erinnert sich der Eremit allerdings mit gebotener Skepsis: "Manche waren hier, weil man es erlebt haben muss, sie konnten keine Tiefe zulassen. Pose. Foto. Zack, weg. Sie müssen bespaßt werden, aber ohne je irgendetwas davon mitzunehmen. Eine Gruppe Pensionist:innen etwa erzählte mir ganz aufgeregt, was sie auf ihr er Reise schon alles gesehen hätten und was sie noch alles sehen würden. Unsere Gesellschaft giert immer nach dem nächsten Erlebnis, dem nächsten Highlight - und weiß vielleicht nicht einmal, wie es ihren Nachbarn geht. Deswegen - und nicht nur wegen Corona - klagen viele über Einsamkeit. Und einsam, das kann man unter sehr vielen Menschen sein."

Stiegenaufgang
Janina im Interview
Anreise

Von Wien aus erreicht man Saalfelden ab 4h 24min mit Umstieg in Salzburg, ab Graz 2x täglich direkt ab 4h 08min. Im Sommer werden an den Wochenenden zwischen dem 2. Juli und dem 12. September auch RJ-Direktverbindungen zwischen Wien und Saalfelden angeboten, die u.a. auch in  Bischofshofen, St.  Johann im Pongau, Schwarzach-St. Veit und Zell am See halten.

Was uns wirklich trägt

Was wären die Gegenstrategien des Eremiten? "Mehr Reflektion. Innehalten, stehenbleiben, reinhorchen - gerade, wenn alles zu schnell geht. Ein bisschen mehr die Intuition sprechen lassen. Wenn man immer wartet, was der Kopf dazu sagt, wären viele Dinge nicht möglich. Man muss auch auf das hören, was man fühlt, bevor man denkt. Weiters tut es gut, das Leben auf eine  'Basisversion' herunterzufahren und zu sehen, was mir fehlt oder auch nicht fehlt - und damit meine ich jetzt nicht nur meine eigene Geschichte. Ich hoffe, dass sich die Leute durch aufgezwungene Isolation mehr damit beschäftigen, was sie wirklich trägt. Was hält mich, was hilft mir, was stützt mich? Dass wir alle eins sind, dass wir geliebt werden, eine Gemeinschaft sind - und ein Teil dieser Schöpfung." Apropos Schöpfung: Als Umweltbeauftragter der evangelischen Diözese Oberösterreich ist es Matthias Gschwandtner ein großes Anliegen, Verantwortung für unsere Umwelt zu übernehmen. "Vielleicht kann ich als Einsiedler Mut machen für Veränderungen, Mut machen für ein neues Miteinander. Vielleicht gelingt es mir, den Menschen Mut zu machen, damit sie austreten aus dieser Ersatzreligion des totalen Marktes und des Konsum- und Wachstumszwanges. Die Einstellung 'Ich will alles und das sofort' kann auf Dauer nicht funktionieren. Und hier an diesem Ort, der für seine besondere Energie und Kraft geschätzt wird, werden diese Botschaften intensiver wahrgenommen. Solche Orte sind wichtiger denn je zuvor, scheint mir."  Gelernt hat Matthias Gschwandtner vieles in seiner Zeit als Einsiedler, angefangen bei pragmatischen Dingen wie der Gestaltung des Einkaufs oder wie es ist, wenn man sich mit seinen täglichen Launen auseinandersetzen muss, weil nichts da ist, was ablenkt. Also bleibt zu hoffen, dass der Eremit diesen Sommer noch einmal rauf zum Palfen steigt, oder eine würdige Nachfolge gefunden wird. Auch 2021 werden wir Menschen brauchen, die zuhören. Irgendwie paradox, wie uns gerade in der Einsamkeit bewusst wird, dass wir doch alle zusammengehören.

Text: Janina Lebisczak
Fotos:
Best Mountain Artists, Michael Geißler, Nectar and Pulse