Panorama von Bern

Janina On Tour: Am Gipfel der Genüsse

Unterwegs im Berner Oberland

Logo von "Janina on Tour"

Unsere Autorin Janina Lebiszczak geht für die ÖBB auf große Tour.

Die 10.000-Kalorien-Reise durchs Berner Oberland: Ob Käse-Workshop, Bergtour samt Fondue oder Schokoladenverkostung - Janina war wieder unterwegs und hat nichts ausgelassen, was die Schweiz auszeichnet.

Pickel. Nein, die Rede ist nicht von einem Eispickel, den ich wehrhaft in einen Schweizer Gletscher schlug, sondern von denen am Kinn. Die man bekommt, wenn man sich drei Tage lang ausschließlich von feinstem Käse und Schokolade ernährt. Denn das habe ich gemacht. Und immerhin: Ich war noch nie im Berner Oberland, das für seine Schönheit und kulinarischen Genüsse gleichermaßen bekannt ist. Zurück in Wien, sanft vom Nightjet durch die Nacht gebracht, quatscht mich ein Freund frech von der Seite an. Ob ich in die zweite Pubertät komme und so. Wegen der Pickel. Die habe ich sonst nie. Was ich allerdings habe: ein paar Kilo Übergewicht. Und jetzt noch ein paar mehr. So viel zum Ende meiner Reise in die stolze und verblüffend saubere Schweiz. Und nun: zum Anfang.

Zwischen den Seen

Interlaken wirkt auf den ersten Blick wie ein beschauliches Dorf, eingebettet zwischen zwei traumhaften Seen auf einer "Bödeli" genannten Ebene. Die kleine Gemeinde hieß bis 1891 "Aarmühle" und wurde dann in ihren heutigen Namen umbenannt - weil die Schweizer:innen einfach clever sind und wissen, was im Tourismus zieht.

Und deswegen ist Interlaken auch kein beschauliches Dorf. Jede nur erdenkliche Sport und Funsportart kann ausgiebig praktiziert werden, an die vielen Paragleiter:innen, die am Rande der "Matte", einer großen Event-Wiese, landen, gewöhnt man sich rasch.

Ebendort wird auch die alljährliche "Ice Magic" zelebriert - samt Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen. Die Filmbranche ist hier oft zu Gast, insbesondere Bollywood. Vor dem Casino erinnert eine Statue an den Regisseur Yash Chopra, der mit seinen Filmen beim indischen Publikum die Sehnsucht nach der Schweiz weckte. Im Sari im Schnee vor majestätischen Berggipfeln tanzen? Alles ist möglich!

Sogar James Bond war schon hier - und zwar "Im Geheimdienst Ihrer Majestät", daran erinnert eine Ausstellung im Zentrum und der "007 Walk of Fame" auf dem Schilthorn.

Ich will aber heute höher hinaus: ich will auf die Jungfrau. Mit der Oberland-Bahn geht es Richtung Grindelwald, der Blick aus dem Fenster betört durch Winterwunderland-Idylle vom Feinsten. Aber die Schweiz ist nicht nur für ihre malerische Landschaft bekannt - hier werden immer wieder Rekorde gebrochen.

Mitten in der Coronakrise haben die Jungfraubahnen den Eiger Express eröffnet. Die neue Seilbahn bringt Passagier:innen von Grindelwald nicht nur schneller zur Station Eigergletscher, bereits in der Talstation wähnt man sich in einem Science-FictionFilm, so schick und multifunktional ist der frisch eröffnete Terminal. Pro Stunde vermag die Seilbahn bis zu 2.200 Personen zu befördern, 44 Gondeln zu 26 Plätzen mit Sitzheizung, WLAN und Panoramafenstern sind dazu im Einsatz.

Ein Paraglider in bewölktem Himmel

Funsport-Mekka: In Interlaken treffen sich nicht nur Ski-und Berg- Fans. Paragleiten gehört hier fast schon zum guten Ton.

Anreise

Mit dem ÖBB Nightjet geht es ab Wien, Linz und Graz im Traum bis nach Zürich, wo Anschluss nach Bern und Interlaken besteht. Genießer:innen reisen von Zürich via Luzern und die wunderschöne Panoramastrecke über den Brünigpass nach Interlaken. Infos: nightjet.com

Auch tagsüber geht’s mit dem Railjet 5 x täglich ab Wien und Linz und 6 x täglich ab Salzburg und Innsbruck nach Zürich. Tägliche Direktverbindungen gibt es auch ab Graz und Villach. oebb.at/schweiz

Mit den Fahrausweisen des Swiss Travel System haben Sie freie Fahrt in einem Netz aus 29.000 Bahn-, Autobus- und Schiffskilometern in der gesamten Schweiz. Der Swiss Travel Pass bietet außerdem kostenlosen Eintritt in über 500 Schweizer Museen. Infos und Buchung unter oebb.at/swisstravelsystem

Janina auf dem Gipfel des Jungfraujoch

Flagge zeigen: Die Schweiz kann zu Recht stolz sein - ob in den Bergen oder im Tal, das Berner Oberland spielt alle Stückln.

Und oben?

Auf 3.463 Höhenmetern angekommen, geht mir erstmal die Puste aus. Die Luft ist dünn, die Eindrücke umwerfend. Das Jungfraujoch liegt mitten im UNESCO-Welterbe JungfrauAletsch-Bietschhorn, Schnee und Eis sind also zu jeder Jahreszeit garantiert.

Das Sphinx-Aussichtsgebäude, der Eispalast, das Plateau für Spaziergänge im ewigen Schnee - das sind ganzjährige Attraktionen am Gletscher zwischen Eiger und Mönch, stolz auch "Top of Europe" genannt. Mit der Seilrutsche Flying Fox fliegt man über das ewige Eis des Aletschgletschers, doch bevor ich mich durchringen kann, diesen Stunt zu wagen, erinnert mich mein Magen an das eigentliche Ziel der Reise: Essen! Im Restaurant Crystal entscheide ich mich daher für ein üppiges Käse-Fondue samt Brot, Erdäpfel und Mixed Pickles. Cremig, würzig, herrlich und äußerst sättigend.

Panorama des Jungfraujoch

Schnee und ewiges Eis sind garantiert: Das Jungfraujoch liegt mitten im UNESCO-Welterbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn.

Chocoholics aufgepasst!

Für ein Dessert aus der höchstgelegenen Confiserie der Schweiz ist weder Platz noch Zeit, denn unten im Tal wartet schon meine nächste Challenge: Schmecken, schöpfen, kühlen, kreieren und dekorieren im "Funky Chocolate Club". Hier gilt das Motto "all you can eat" - man kann nach Herzenslust degustieren. Warum unsere charmante Workshop-Leiterin Dori so gertenschlank und pickelfrei ist, bleibt allerdings ein Geheimnis.

Sie nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt der Verarbeitung und Veredelung von Kakaobohnen - mein Wissensstand wird gelobt, meine Fähigkeit, die selbst fabrizierten Tafeln auch ansehnlich zu dekorieren, lässt allerdings zu wünschen übrig. Während Dori schließlich mit einem Funken Mitleid im Blick meine Werke mit Fondant verziert, beschränke ich mich aufs ausgiebige Verkosten. Immerhin: Schokolade ist gesund, stärkt Herz, Hirn und die Durchblutung - also jedenfalls, wenn ihr Kakaoanteil über 70 Prozent liegt. Bitter macht lustig und am Ende des Workshops schwöre ich der Milchschokolade ab - naja, jedenfalls für eine Weile. Ich mag der Geschichte nicht vorgreifen, aber im Nachtzug zurück ging die Hälfte der hochkalorischen Mitbringsel bereits drauf.

Frau verziert Schokoladentorte

Danke, Dori: Unsere Workshop-Leiterin rettet die selbst her gestellten Schokoladetafeln mit Talent, Geduld und jede Menge Fondant.

Janina vor einem riesigen Milchbottich

Alles Käse: In der Emmentaler Schaukäserei lernt man alles über die traditionelle und moderne Herstellung der Löcher - Spezialität.

Alles Käse

Allerdings bin ich noch mehr der Käse-Typ. Und bald sehr glücklich, denn Bahn und Bus bringen mich am nächsten Tag nach Affoltern im Emmental. Ob über dem Feuer oder im modernen Kessel - in der Schaukäserei erfährt man auf 17.500 Quadratmetern alles über die Herstellung des weltbekannten Löcherkäse. Im Cheese-Dörfli samt Bauernhof vereinigen sich Tradition und Moderne nach bestem Schweizer Vorbild. Nach einer Multimedia-Show über Geschichte und Herstellung heißt es schließlich: Ärmel hochkrempeln. Im "Stöckli" aus dem Jahr 1741 kann man aus 200 Liter frischer Rohmilch seinen eigenen Käse so wie in der guten alten Zeit herstellen. Mit eigenen Händen verarbeitet, resultieren daraus am Schluss zwei acht Kilo schwere Laibe. Das Beste kommt zum Schluss, und zwar per Post. Nach vier Monaten Hege und Pflege durch die Kellermeister:innen wird der persönlich hergestellte Käse direkt nach Hause zugesandt. So lange kann ich aber nicht warten. Und entscheide mich für einen zusätzlichen Frischkäse-Workshop mit Olaxander (kein Schreibfehler). Der gebürtige Ukrainer ist von drei Dingen besessen: Seinem Job, dem Käse und Desinfektionsmittel. Das war in Afoltern schon vor Corona sehr en vogue, denn beim Käsemachen steht Hygiene an erster Stelle. Jedes Mal, wenn ich mein Werkzeug absetze, mit dem ich die Milch im großen Kessel umrühre, reicht mir Olaxander den Spray oder deutet auf die abschreckenden Fotos von Käselaiben, die unter unlauteren Umständen hergestellt wurden. Von so viel harter Arbeit muss man sich erholen. Im Restaurant mit Blick auf viele tierische Rohstoffproduzentinnen fällt meine Wahl auf Rösti mit - what else - Emmentaler.

Bezauberndes Bern

Tags darauf kann ich beim Citybummel in Bern glücklicherweise ein paar Kalorien abtrainieren. Die Schweizer Bundesstadt besticht durch einen spannenden Mix aus Natur, Kultur und absoluter Gemütlichkeit. Aus den Fenstern hängen Regenbogenfahnen, gerade findet die Abstimmung zur "Ehe für alle" statt - mit einem eindeutig positiven Ergebnis. Ich flaniere durch die historischen Arkaden, besuche das Geburtshaus von Albert Einstein und das Wahrzeichen der Stadt, den Zeitglockenturm - auch Zytglogge genannt.

Ebenso faszinierend ist das spätmittelalterliche "Münster", die vielen Figurenbrunnen aus dem 16. Jahrhundert und die Kellergeschäfte, die früher als Vorratskeller für Gemüse und Getreide dienten. Wie London hat übrigens auch Bern seinen "Speakers Corner". Die Skulptur "Keine Brunnenfigur", eine Rednerplattform mit Treppe, ist ein Werk des Künstlers Carlo E. Lischetti. Auf ihr spreche ich zum Volk, das nur mäßig interessiert ist, und stärke mich anschließend bei einem grünen Salat im "Alten Tramdepot". Ja, richtig gelesen - irgendwann kann auch ich nicht mehr. Und außerdem habe ich ja noch eine Tafel Schokolade aus Interlaken im Gepäck - die den Weg zurück nach Wien nicht überleben wird.

Die Zeitglocke im Kirchturm von Bern

In Bern ticken die Uhren anders: Im berühmten Zeitglockenturm verbirgt sich ein Uhrwerk von Kaspar Brunner aus dem Jahr 1530.

Text: Janina Lebisczak
Fotos: David Prokop