17.01.2016

Brünn unaussprechlich sehenswert


TRAVEL
Text — Gudrun Krinzinger



Nach exakt einer Stunde und siebenundzwanzig Minuten Zugfahrt mit dem Railjet stehe ich am Hauptbahnhof in Brünn. In meinen Ohren klingt die tschechische Sprache wie ein Zungenbrecher. Dobrý den! Guten Tag! Nemluvím cesky Ich spreche kein Tschechisch. Jeste jedno pivo, prosím! Noch ein Bier, bitte!

Laut Statistik sind die Einwohner Tschechiens sehr trinkfest, zumindest was Bier anbelangt. Pro Kopf werden 160 Liter getrunken. Ein Bruchteil davon stammt aus der im Jahr 2014 gegründeten Dampfbrauerei Hauskrecht in Brünn. Gelernt haben die Eigentümer die hohe Kunst des Bierbrauens in einer der berühmtesten Brauerei des Landes, die ebenfalls in Brünn beheimatet ist, bei Starobrno. Nachdem Starobrno an Heineken verkauft wurde, machte sich Petar Hauskrecht mit zwei Freunden selbständig. Sie suchten nach geeigneten Räumlichkeiten und fanden diese in einem ehemaligen Schlachthof. Mittlerweile zählen 40 Restaurants in Brünn und Umgebung zu den Abnehmern, die Nachfrage ist jedoch viel größer. Leider braue man noch zuwenig um an Craft-Beer-Festivals teilzunehmen oder um die Liefertätigkeiten nach Prag auszuweiten, meint Petar Hauskrecht, der mich und die anderen Besucher höchstpersönlich durch sein kleines Reich führt und uns die Kunst des Bierbrauens näherbringt. Nun werde der Betrieb Schritt für Schritt ausgebaut um den Bierausstoß zu erhöhen, erklärt uns der ehemalige Eishockeyspieler, der jeden Monat ein Spezialbier braut. Zur Eishockeysaison wurde zum Beispiel blaues Bier kreiert und in Flaschen abgefüllt. Die Nachfrage war enorm.

Brauerei Petar Hauskrecht (c) Gudrun Krinzinger Brauerei Petar Hauskrecht (c) Gudrun Krinzinger

Enormes Glück haben alle, die sich für Musik, Theater und Ballett interessieren. Das Brünner Nationaltheater vereint drei geschichtsträchtige Theaterbühnen unter einem Dach. Das Mahen Theater war das erste voll elektrifizierte Theater auf europäischem Kontinent. Grund dafür war der Ringtheaterbrand in Wien. Die Sicherheitsvorschriften wurden erhöht und auf die damals übliche Gasbeleuchtung komplett verzichtet. Der Assistent von Thomas Edison, Francis Jehl, machte sich auf den Weg nach Brünn und installierte die Beleuchtung. Im Reduta Theater stand der damals elfjährige Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Schwester Nannerl auf der Bühne und das Janácek Theater geht wohl als Theater mit der längsten Planungsphase in die Geschichte ein. Nicht weniger als achtzig Jahre brauchte man um Finanzierung, Umsetzung und Bau sicher zu stellen. Am 2.Oktober 1969 war es dann endlich so weit. Das Theater eröffnete mit der neu einstudierten Oper Das schlaue Füchslein von Leos Janácek. Zu diesem Zeitpunkt war das Theater das größte und technisch am besten ausgestattete der damaligen Tschechoslowakei. Den Baustil nennt man funktional-klassizistisch, wie man mir bei einer Führung durch das Haus erklärt. Vor 20 Jahren hätte ich den Stil vielleicht als typisch Ostblock bezeichnet, heute wirkt das Theater überraschend modern und sogar ein bisschen futuristisch. Besonders die Sessel in der Präsidenten-Loge haben es mir angetan, wobei niemals ein Präsident darin Platz nahm. Sowohl von der Präsidenten-Loge als auch von den anderen Plätzen hat man einen ausgezeichneten Blick auf die Bühne. Am heutigen Spielplan steht eine Ballettaufführung. Diese Tanzform ist in Tschechien sehr beliebt und ich kann mit Fug und Recht behaupten, den Altersschnitt der Zuschauer am heutigen Abend nach oben gedrückt zu haben. Vielleicht liegt es auch an der Aufführung, denn getanzt wird nach den Klängen von Peter Tschaikowskys Nussknacker, einem Stück, das besonders in der Vorweihnachtszeit mit Kindern besucht wird. Und so lasse ich mich gemeinsam mit den Kindern, Eltern, Jugendlichen, Omas und Opas von den virtuosen Tanzeinlagen beeindrucken und von der Musik umgarnen. Ein Vorteil hat eine Ballettvorführung, man braucht nichts zu verstehen, getanzt wird in allen Sprachen.

Nussknacker (c) Gudrun Krinzinger Nussknacker (c) Gudrun Krinzinger

Sprachlos machte mich hingegen die Geschichte des Hauses Tugendhat. Der Großindustrielle Alfred Löw-Beer erwarb im Jahre 1913 eine Jugendstilvilla mit großem Park in der ehemaligen Parkstrasse, als Kaufpreis werden 290.000 Kronen kolportiert. Anlässlich ihrer Hochzeit mit dem Textilindustriellen Fritz Tugendhat bekam Tochter Grete einen Teil des Parks geschenkt und beauftragte 1928 den berühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe mit dem Bau einer Villa. Grete Tugendhat wünschte sich ein geräumiges, modernes Haus mit klaren einfachen Formen . Und genau das bekam sie. Leider war der Familie kein langer Aufenthalt in Brünn beschieden. Die jüdische Familie flüchtete Richtung Großbritannien. Das Haus wurde von der Gestapo beschlagnahmt und im Lauf der weiteren Jahre als Konstruktionsbüro, Pferdestall und Turnhalle benutzt. Viele Jahre dauerte die Restaurierung. Die Villa zählt mittlerweile zu den berühmtesten Werken des Architekten Mies van der Rohe und wurde 2001 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Seit 2012 steht sie für Besucher offen. Wie viele Sprachen in diesen Räumen wohl gesprochen wurden? Wie viele Fragen wurden gestellt?

Villa Tugendhat (c) Gudrun Krinzinger Villa Tugendhat (c) Gudrun Krinzinger

Kde je vlakové nádrazí? Wo ist der Bahnhof? lautet meine letzte Frage. Logischerweise müsste man in Brünn mindestens eine Nacht in einem Hotel einplanen, aber die Verbindung mit dem Railjet Richtung Wien ist einfach zu gut und zu schnell. Na shledanou! Auf Wiedersehen!
 
 
 
 

Gudrun Krinzinger
Gudrun Krinzinger ist begeisterte Reisebloggerin und seit ihrer Kindheit gerne mit dem Zug unterwegs. Ihre abenteuerlichste Zugfahrt führte sie von Pjöngjang nach Peking, die schnellste von Paris nach Marseille und die unspektakulärste von Wels nach Passau. Seit 2011 schreibt sie auf ihrem Reiseblog reisebloggerin.at nicht nur vom Zugfahren.
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