13.12.2015

Veneziana


TRAVEL
Text — Julya Rabinowich



Venedig und ich haben eine lange, teils tragikomische Vergangenheit. Immer reiste ich mit dem Zug an, so gut wie immer mit jenem in der Nacht. Nichts kommt für mich an dieses Gefühl heran, das mich beschleicht, wenn man -noch verschlafen von der Reise- aus dem Fenster blickt und das Meer links und rechts des Zuges je nach Wetterlage mal stählern grau, mal leuchtend türkis glänzt, die Wellen mit kleinen Schaumkrönchen versehen, die man in Russland die Schäfchen nennt.

Es ist, als ob der Zug ein langes schmales Schiff geworden wäre, das durch das Wasser pflügt: vor allem im Nebel, durch den die Sonnenstrahlen brechen, ein ausnehmend surreales und mittlerweilen vertrautes Gefühl. Als würde man die Welt der physikalischen Gesetze verlassen. Wer den Zeichentrickfilm von Myazaki, die ausnehmend schaurigschöne Chihiros Reise ins Zauberland , gesehen hat, der kennt diesen Zug, der verloren in Zeit und Raum durch das grünliche Wasser pflügt. Ich bin sicher, dass Myazaki sich von ebendiesem Weg inspirieren ließ. Sehe ich seinen Film nochmals, denke ich immer an Venedig, fahre ich nach Venedig, denke ich an diesen Film- die beiden sind nur durch diese kurze Sequenz untrennbar in meinem Bewusstsein miteinander verbunden. Ist das Fenster kippbar, hat man sofort den salzigen Geruch in der Nase, den man in Österreich vermisst. Ein wenig nach Fisch und ein wenig brackig und noch etwas mehr nach dem Ursprung allen Lebens. Das erste Mal hatte mich mein Vater hingebracht. Vor allem, um mir seine geliebten Kunstschätze zu zeigen, die Kirchen, die Sammlungen, die Biennale. Wir verloren beinahe den Verstand- gemeinsam und jeder für sich - als er mir drei kühle Novembertage lang versuchte, vom ersehnten Schuheinkauf abzuhalten. Wir hassten uns. Nie wieder, zischte er mich auf der Heimreise an. Nie wieder kommst du mit. Ich krallte mich in die gegen seinen Willen mit viel Gebrüll und Genöle erworbenen Rauhlederballerinas in grausigem Pink und knirschte mit den Zähnen. Es wurde tatsächlich nie wieder, denn bald darauf starb er. Ich würde viel darum geben, noch einmal mit ihm die Serenissmia aufsuchen zu können. Nun kenne ich seine Museen. Habe seine Kirchen Jahr um Jahr besichtigt. Die Biennale ist ein fixer Bestandteil meiner Sommer. Ich suche diese Orte wieder und wieder auf, als ob dieses Wiederaufsuchen das Gemeinsame wieder herstellen hätte können.

Venedig (c) Julya Rabinowich Venedig (c) Julya Rabinowich

Ich bringe meine Tochter mit nach Venedig, ich zeige ihr die Stellen, an denen ich mit ihm durch die Stadt gestrichen bin: abgesehen von den Kirchen, deren Kuppeln in einigen seiner Werke verewigt sind, hatten es ihm die Kanäle und die kleinen Brücken besonders angetan, denn sie erinnerten ihn an St. Petersburg, so wie die gesamte Stadt natürlich auch. Ich setze mich mit meiner Tochter in die Giardini: in die Gärten der Cafes, die wir uns damals nicht leisten konnten. Die fürchterliche Absteige, in der wir damals übernachtet haben, gibt es immer noch: auf dem Weg zu der kleinen Palazzina Venziana, in der ich bevorzugt wohne, schaue ich jedes Mal daran vorbei.

Palazzina Venziana (c) La Palazzina Veneziana Guest House Palazzina Venziana (c) La Palazzina Veneziana Guest House

Ich hätte meinem Vater nun ein ganz anderes Venedig zeigen können, eines, das uns beiden damals versperrt gewesen war: als unbekannter freischaffender Künstler war er bettelarm gewesen. Ich hätte ihn in das kleine Cafe geführt, das den besten Capuccino und wundervolle kleine süße Häppchen anbietet, direkt auf dem Weg zum Bahnhof. Oder in eines der kleinen Restaurants, in denen Abends die Italiener zu geselligen Runden zusammenkommen, jene Restaurants, deren Speisekarten nicht auf Deutsch verfasst sind. Ich suche auf. Aber ich finde nicht mehr alle Teile jenes Venedigs wieder, das er kannte, das er mir zeigen wollte: die Hinterhöfe mit den abgegriffenen Löwenköpfen an den Türen. Kleine Ateliers der Maler, die er kannte. Verborgene Plätzchen. Venedig hat mir allerdings auch Aspekte der Gegenwart hinzugefügt. Am Tag, an dem das Flugzeug, das von Atta gesteuert wurde, ins World Trade Center krachte, befand ich mich auch in Venedig. Meine Tochter beobachtete fassungslos die weinenden Menschen vor den Fernsehern. Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was geschehen war: mein Italienisch reichte nicht einmal zu einer sehr begrenzten Konversation. Der Architekt, bei dem wir wohnten, bekam innerhalb einer Stunde hohes Fieber vor lauter Entsetzen. Sie sind einfach weg, wiederholte er ein ums andere Mal. Einfach weg. Einfach weg: das war mein Grundgefühl, wenn ich hierher kam, auf der Suche nach meinem Vater. Venedig ist für mich nun einerseits das Zeitlose geworden, andererseits der Ort des Verschwindens. Schrittweise kommen allerdings neue Aspekte hinzu, Stückchen für Stückchen. Mit meiner Tochter sind wir hier Schuhekaufen gewesen: im Mori&Bozzi, die mittlerweile nicht nur schöne Schuhe, sondern auch schöne Kleider zu bieten haben. Jedes Jahr. Ohne Streit. Und jedes zweite Jahr besuchen wir die Biennale. Immer noch ist mein Lieblingsobjekt aller dieser Ausstellungen die gigantische Skulptur eines kauernden Kindes von Ron Muecks, die sowohl an rätselhafte Sphinxen als auch an Lems Riesenbaby in Solaris erinnert. Und immer noch ist diese Stadt ein Ort, an dem ich so gerne schreibe, wie an keinem anderen. Im Sonnenschein. Im Regen. Im Nebel.
 
 
 
 

Julya Rabinowich
geboren in St.Petersburg. 1977 entwurzelt & umgetopft nach Wien. Lebt als Autorin, Dramatikerin und Malerin in Wien. Debutroman „Spaltkopf“, edition exil, 2008, Roman “Herznovelle”, Deuticke, 2011, „Splithead“, Portobello 2011. Essays u.a. für Der Standard und Falter.
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