26.12.2018

Interrail-Reisende erzählen ihre unvergesslichen Geschichten


Autor — Sandro Nicolussi



Einen mehr oder weniger ausgereiften Plan, ein Interrail-Ticket, optional FreundInnen, denen du den verrückten Trip zutraust und deinen Rucksack. Mehr braucht es nicht, um den Kontinent auf Schienen zu bereisen und dabei Sachen zu erleben, die man sonst aus Filmen kennt, nach denen man richtig gehyped ist, sofort aufzubrechen und alles hinter sich zu lassen.

So unterschiedlich wie die Routenplanungen sind auch die Storys, die Heimkehrende mit strahlenden Augen und rudernden Armen erzählen. Nur selten funktioniert nämlich auf der Rundfahrt alles nach Plan – das sind die Momente, in denen die Geschichten geschrieben werden, die wir alle hören wollen. Ein paar davon wurden uns von Interrailern anvertraut.

Christine (24), traf einen 67-jährigen Engel

Bahnhof

Ich war mit meiner Cousine gemeinsam auf Interrail in Frankreich unterwegs. In Marseille haben sich unsere Wege getrennt und ich hab’ mich alleine auf den Weg nach Lyon gemacht. Der Plan war, von dort weiter nach Genf und anschließend mit dem Nachtzug von Zürich nach Wien zu fahren.

Auf der Strecke Lyon-Genf war ich sehr nervös, weil ich Angst hatte, meinen Anschlusszug zu verpassen. Die Zeit war knapp und zusätzlich verstand ich kein Wort Französisch – und somit auch nicht die Lautsprecherdurchsagen. Ich achtete akribisch darauf, dass ich meine Station nicht verpasse. Na ja, jedenfalls verpasste ich meine Station und fand mich desorientiert an einem Randbezirk von Genf. Ich war mit meinen damals 17 Jahren sehr verzweifelt.

Plötzlich kam eine ältere Frau, ich schätze sie so auf 67, auf mich zu, erkannte meine Misere und deutete mir, ihr zu folgen. Erst zögerte ich, aber was blieb mir schon anderes übrig. Also kommunizierten wir mit Händen und Füßen.

Wir gingen zu einer Straßenbahnstation und ich nahm die Bim mit ihr. Natürlich hatte ich auch keine Franken dabei, deshalb bezahlte sie das Ticket für mich und mein schlechtes Gewissen fraß mich auf. Selbst am Hauptbahnhof wollte mich meine Retterin nicht alleine lassen und kaufte mir für 20 Franken einen Snack und Getränke.

Sie begleitete mich zu meinem Bahnsteig und wartete, bis mein Zug eintraf. Glücklicherweise kam der dann auch und wir umarmten uns herzlich. Ihr Name war Victoria und sie war mein Engel auf dieser Reise.

Alex (21), ließ sich eine Lokomotive tätowieren

Zug Tattoo

An einem sehr heißen Tag sind wir durch Berlin gelaufen und überlegten uns, was wir an diesem Nachmittag machen möchten. Irgendwie landeten wir dann in einem Restaurant und nach ein paar Spritzern hatten wir den Geistesblitz, dass ein Tattoo doch ziemlich cool wäre. Unsere Interrail-Reise machte so viel Spaß, dass wir den Einfall sofort umsetzen wollten. Und so grübelten wir nach einem passenden Motiv – was zugegeben ziemlich lange dauerte.

Ein normaler Schnellzug war uns ein bisschen zu komisch, schlussendlich wurde es deshalb eine alte Lokomotive. Und ja, dann sind wir in den nächsten Tattoo-Shop hineinspaziert und haben uns mit der gesamten Gruppe die gleiche Lokomotive stechen lassen. So erinnern wir uns alle ständig an die Zeit zurück, in der wir gemütlich mit dem Zug durch halb Europa gecruist sind.

Franka (26), hat versehentlich in einer Rotlichtgegend übernachtet

Nizza

In Nizza mussten wir in einem Hostel unterkommen, das ziemlich sicher von einer Puffmutter betrieben wurde. Diese Bleibe hatte unglaublich schlechte Bewertungen, aber wir dachten uns: "Never try, never know" – und haben dort angerufen. Die Dame am Telefon war dermaßen nett, dass wir uns keine Gedanken mehr gemacht haben und uns die ganze Zugfahrt lang auf die Ankunft dort freuten.

Dort angekommen begrüßte uns eine Frau, die uns an Cruella De Vil erinnerte. Außerdem haben wir davor noch nie eine so schmutzige Bude gesehen. Sie war so eine alte Katzenlady und überall stand ranziges Geschirr herum. Jedenfalls haben die Cruella de Vil-Frau und die Unterkunft unglaublich gestunken. Zusätzlich war das Zimmer als reines Frauenzimmer ausgeschrieben, aber im Endeffekt waren dort auch ältere Männer. Meine Freundin und ich hatten dann auch nur eine Matratze zu zweit und wir schliefen unter einem Aktbild, was die Puff-Atmosphäre weiter anheizte.

Am nächsten Morgen hat uns die Hostel-Mama gefragt, ob wir ein Frühstück wollen, worauf wir direkt unsere Sachen gepackt haben und davongelaufen sind. Das Interrail-Ticket machte uns glücklicherweise ziemlich flexibel. Im Nachhinein haben wir erst gecheckt, dass wir in der Straße übernachtet haben, die in Nizza den Strich beheimatet. Die vielen Kondomautomaten in der Gegend haben uns bestätigt.

Luca (22), landete unabsichtlich auf einer Fetisch-Party

Fetischmasken

Mein bester Freund und ich waren damals fünf Wochen auf Interrail und verbrachten die ersten vier Tage in Berlin. Am letzten Tag haben wir im Park mit ein paar Leuten Flunkyball gespielt (Fun Fact: in Berlin heißt das "Bierball"). Weil wir unbedingt noch fortgehen wollten, haben wir uns ein bisschen beraten, bis plötzlich ein Freund ankam und uns einen Club namens "KitKat" ans Herz legte.

In der Schlange haben wir uns gut unterhalten und waren sehr ins Gespräch vertieft. Erst, als wir kurz vor der Tür standen und ich einen kurzen Blick ins Innere erhaschen konnte, sah ich, wie ein komplett nackter Typ einen anderen Typ mit Ledermaske an der Leine führt. Wir haben uns dann entschieden, dass wir trotzdem reingehen und haben drinnen erst realisiert, dass wir auf einer Hardcore-Gay-Fetisch-Party gelandet sind. An der Garderobe mussten wir unsere Shirts ausziehen, waren als 18-Jährige dort ein bisschen überfordert, aber alles in allem war der Club mega geil. Ich möchte unbedingt nochmal dorthin.

Manuel (22), wurde wegen Nasenbluten im Rettungswagen behandelt

Ambulanz

Die Story spielt an unserem letzten Abend in Barcelona, was auch der letzte Halt unserer Reise war. Wir wollten unbedingt nochmal feiern gehen und waren in einem sehr verwirrenden Club, wo ich sofort alle verloren habe. Glücklicherweise habe ich ein Mädel aus Innsbruck kennengelernt, die mich ziemlich schnell geküsst hat. Leider habe ich währenddessen schon gemerkt, dass sich etwas in meiner Nase tut und ich bin schnell aufs Klo gerannt. Dort habe ich das gesamte Waschbecken vollgeblutet, was den Security dazu veranlasste, mich mit einem Haufen Taschentücher des Clubs zu verweisen.

Vor der Tür habe ich mich auf den Gehsteig gesetzt und alles vollgeblutet. Und mit alles meine ich auch die Leute, die mir geholfen und mich gefragt haben, ob ich einen Krankenwagen brauche. Eigentlich wollte ich nur ein bisschen Eis vom Burger King gegenüber.

Schlussendlich kam ein Krankenwagen, in dem mir ein fetter Watteball in die Nase geschoben wurde, um die Blutung zu stopfen. Mittlerweile hatte ich mehrere verpasste Anrufe von meinen Freunden am Handy, weil wir unseren Zug sehr früh erwischen mussten. Aus Gründen fand ich dann auch nicht nach Hause, aber meine Buddys waren so lieb und haben mir meine Sachen mit zum Bahnhof gefahren. Die 19-stündige Zugfahrt nach Vorarlberg war zwar nicht optimal, aber trotzdem entspannend und in meinem Fall das beste Fortbewegungsmittel. Ach ja, die Innsbruckerin habe ich leider nie wiedergesehen.