07.12.2018

Komfortzone vs. Interrail


Autor — Samantha Tobisch



Warum es für mich keine Ausreden mehr gibt, nicht auf Interrail zu gehen

Es ist wahr, ich war noch nie auf Interrail. Irgendwie habe ich allerdings das Gefühl, dass mir dabei etwas für mich und meine persönliche Entwicklung fehlt. Interrail gehört zu einem Leben dazu wie die Maturareise - aber auf der war ich auch nicht. Ich denke, ihr versteht jetzt mein Dilemma?

Im Vergleich zur Maturareise ist es mir allerdings weiterhin möglich, mir einen großen Rucksack zu nehmen und mit diesem zumindest etwas die Welt zu erkundschaften. Also: Warum habe ich das bis jetzt nicht gemacht? Vermutlich wegen der Zwiespältigkeit, die sich auftut bei dem Gedanken, sich so spärlich gerüstet ins vermeintlich Fremde aufzumachen. Man ist zwar frei, aber der Preis dafür ist, seine eigene Komfortzone zu verlassen. Und ich persönlich bin leider ein unglaublich gemütlicher Mensch.

Wenn ich an Interrail denke, dann sehe ich mich selber, wie ich in der gleißenden Hitze irgendwo einen riesigen Rucksack auf meinem Rücken bugsiere, wahrscheinlich dringend pinkeln muss und mich nach etlichen Stunden Zugfahrt auch nicht mehr riechen kann. Ich bin sicher nicht der einzige Mensch auf Erden, der gerne sauber ist - dennoch, war ich schon öfters auf Festivals und habe tagelang nicht geduscht. Viel schlimmer sogar: Dort gibt es Dixie-Klos. Und da stelle ich mir jetzt einfach diese Fragen: Hat mir dieses Defizit an Möglichkeit jeglicher Hygienemaßnahmen je den Spaß nehmen können? Auf gar keinen Fall.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann habe ich daran hauptsächlich gute Erinnerungen, trotz der ungewaschenen Haare. Und ich glaube, das öffnet mir ein bisschen die Augen: Ich muss mich vom Komfort lösen, um frei zu sein. Also eigentlich genau das, was man in den meisten Psycho-Artikeln in diversen Zeitschriften liest. Zwei bis drei Wochen nicht deinen Lieblings-Föhn bei der Hand zu haben bedeutet nämlich, dass in dieser Zeit deine Haare nicht die oberste Priorität haben können. Auch wenn dir dieser Vergleich etwas plump vorkommen mag, aber du verstehst sicher, was ich meine. Ein Freund von mir, der schon öfters auf Interrail war, hat mir nämlich gesagt: Je weniger du dabei hast, umso freier fühlst du dich. Und weißt du, was dieses fast-nichts-Mithaben auch noch bedeutet? Ein Rucksack, der vielleicht doch nicht so schwer ist, wie ich es immer befürchte - aber ja, träumen kann man ja.

Außerdem leben wir im 21. Jahrhundert. Das nimmt mir persönlich sehr viele Ängste. Dank der Abschaffung von Roaminggebühren kann ich mir jederzeit irgendwo in Europa alle Sprachen übersetzen lassen und nachsehen, wo ich bin. Dass ich also irgendwo in Europa verloren gehe, ist de facto schier unmöglich. Auch, wenn ich persönlich sehr talentiert darin bin, von Haus aus in die falsche Richtung zu gehen. Es gibt von den technischen Möglichkeiten her wirklich gar keine guten Ausreden mehr für mich, es nicht endlich zu wagen.

Zugegebenermaßen hört man übers Interrail natürlich auch unglaublich viele Horrorgeschichten. Wie etwa: Du brauchst deinen Reisepass und kommst darauf, dass er in deinem Rucksack ganz unten eingepackt ist, und auch über das eine oder andere Hostel hört man so dies und jenes über Privatsphären und etwaige Haare in der Dusche. Aber unangenehme Anekdoten gibt es zu ziemlich jeder Angelegenheit im Leben. Und wann läuft denn beim Reisen generell schon mal alles perfekt ab? Trotzdem fahren wir alle immer wieder auf Urlaub. All diese Überlegungen lassen mich gerade diese vermeintliche Komfortzone infrage stellen. Denn was passiert darin schon Aufregendes? Welche lustigen Geschichten beginnen überhaupt mit dem Satz "Eines Tages, als ich es mir in meiner Komfortzone mal wieder bequem gemacht habe, …"?

Alles Neue oder Interessante in unserem Leben entwickelt sich meistens außerhalb von ihr, wie etwa Freunde kennenzulernen oder ein Vorstellungsgespräch für den Traumjob. Außerdem läuft mir die Komfortzone nicht weg und wartet bestimmt zu Hause geduldig auf mich. Also, Interrail 2019 - wer ist dabei?