05.12.2018

Retro-Feeling Interrail: Warum jetzt deine Zeit gekommen ist, mit Interrail zu reisen


ENTSPANNT UNTERWEGS
Autor — Jasmin Kreulitsch



Es war einmal am Gleis: Als in den Achtzigerjahren Interrail zum Reisetrend wurde, verpassten viele die Chance, ihre erste Reise ohne Eltern im Zug quer durch Europa anzutreten. Doch die Gelegenheit ist nicht vorbei: Das Konzept Interrail ist wieder da - und hat sein Image gewandelt. Wo früher übervolle Rucksäcke und Jugendherbergen zum Interrail-Feeling dazugehörten, reist man heute mit praktischen Trolleys, übernachtet in modernen Schlafwagons oder im Hotel - und hakt mit Lifestyle diesen Punkt auf der Bucketlist ab.

Anna hat es mit 17 getan. Bernd war 18. Und Vanessa und Veronika taten es zusammen nach der Matura. Ich tat es nicht. Während meine Schulfreunde ihren Rucksack packten und sich mit einem Interrail-Ticket aufmachten, um die Welt zu erkunden, blieb ich zu Hause und träumte von fernen Ländern. Noch heute ärgere ich mich oft, dass ich damals nicht die Zeit, das Geld und den Mut hatte, in den Zug zu steigen und in die große Freiheit zu fahren.

Die begann übrigens im Jahr 1972 als ursprünglich einmalige Sache. Zum Geburtstag des Internationalen Eisenbahnverbandes wollte man Jugendlichen die Möglichkeit geben, quer durch Europa zu reisen. Damals konnte man 20 Länder erkunden, der erste Interrail-Pass kostete 1.300 Schilling. Für viele Maturanten war die Zugreise durch Europa das erste Freiheitserlebnis - ohne Eltern, dafür mit vollem Rucksack und warmem Dosenbier. Viele Geschichten wurden erzählt, die sich um kleine Pannen und große Abenteuer drehten, und die Daheimgebliebenen blickten neidisch auf die Freunde, die stolz ihren zerknitterten Interrail-Pass herumreichten.

Bierflasche und Bierglas

Weil die Aktion so gut anlief, wurde der Rahmen über die Jahre angepasst. 1979 wurde das Alterslimit von 21 auf 26 Jahre angehoben, neue Länder kamen dazu, irgendwann gab es gar keine Altersgrenze mehr und jeder konnte einfach mit dem Zug losreisen und seine ganz persönliche Europareise zusammenstellen. Bis heute haben rund acht Millionen Menschen einen Interrail-Pass gekauft.

Dann kamen die ganzen Low-Cost-Airlines - und die Menschen wurden bequem. Sie vergaßen das Abenteuer einer Zugreise quer durch Europa und die große Freiheit auf Schiene und buchten billige und schnellere (Flug-)Verbindungen. Die entschleunigte Art, Europa mit dem Zug zu entdecken, geriet in Vergessenheit. Leider. Heute trägt für viele der Begriff Interrail einen Retro-Stempel, allerdings zu Unrecht: Diese Art des Reisens ist einzigartig, damals wie heute - und längst wieder im Trend. Denn wir reisen alle wieder viel bewusster, achten mehr auf unseren ökologischen Fußabdruck - und erinnern uns daran, wie schön es sein kann, mit dem Zug zu reisen.

Backpacker auf Interrail

Und wie günstig. Ein Wochenendtrip mit dem Flugzeug innerhalb Europas kostet locker genauso viel wie der Globalpass, mit dem du einen Monat lang durch 30 Länder reisen kannst - für EUR 637. Es gibt auch einen Interrail-Pass für die erste Klasse (um EUR 850) und ein Senioren-Interrail-Ticket (um EUR 574). Altersbeschränkung? Von wegen, dafür sind alte Eisenbahnen neuen Hochgeschwindigkeitszügen gewichen. Zugreisen sind heute bequem und entspannt, vor allem aber verleihen sie dir ein Gefühl der Freiheit und Spontaneität, das dir ein Flug niemals geben kann. Was bringt dir ein Billigflieger, wenn dir vorgeschrieben wird, wann und wohin du fliegen sollst? Wenn dir die Chance genommen wird, deine Route zu ändern oder mal eine Strecke zu verpassen, weil es da, wo du gerade bist, so schön ist? Interrail gibt dir Möglichkeit, die Welt nach deinem Tempo zu erkunden.

Frau mit Buch mit Weltkartenmotiv

Hast du auch nach der Schule die Chance verpasst, mit deinen Freunden in den Zug zu steigen? Ist Interrail ein offener Punkt auf deiner Bucketlist? Dann solltest du genau jetzt losreisen! Viele denken, sie seien zu alt für diese Reiseart. Oder zu bequem. Aber das stimmt nicht. Volle Rucksäcke, warmes Dosenbier und müffelnde Hostelzimmer sind Geschichte. Qualität und der Komfort in europäischen Zügen sind gestiegen, genauso wie sich die Art des Reisens verändert hat. Wo früher Komfort meist auf der Strecke blieb, wird dieser heute von vielen Interrailern zelebriert: Warum mit einem unförmigen Rucksack reisen, wenn es handliche Trolleys gibt? Warum in Schlafsälen in Jugendherbergen schlafen, wenn man ein günstiges Hotel buchen kann? Knapp ein Viertel der Interrailer ist heute über 26 Jahre alt. Warum zögerst du also noch und trauerst einer verpassten Chance nach? Alle, für die das Konzept Interrail bisher nur eine Sehnsucht war, sollten über ihren Schatten und direkt in den nächsten Zug springen.

Es ist nie zu spät, sich ein Interrail-Ticket zu kaufen. Ich werde die Chance ergreifen. Und danach Anna, Bernd, Vanessa und Veronika anrufen und erzählen, dass ich es auch endlich getan habe.

 
 
 
Weitere Stories

ENTSPANNT UNTERWEGS
Italiens Norden: pittoreske Städte und Kultur pur
 
ENTSPANNT UNTERWEGS
Golden Girls in Bad Aussee
 
ENTSPANNT UNTERWEGS
Interrail: Südfrankreich und Spanien
 
ENTSPANNT UNTERWEGS
Transsibirische Eisenbahn