22.11.2015

Entschleunigt ins Mühlviertel


TRAVEL
Text — Alfred Rubatschek



Eigentlich mag ich Flugreisen nicht so sehr. Ganz einfach, weil ich Probleme habe, meine innere Uhr mit dem Tempo der Ortsveränderung zu synchronisieren. Es dauert oft recht lange, bis ich mental meinen bereits am Ziel angelangten Körper eingeholt habe.

Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne mit der Bahn fahre. Und je mehr Entschleunigung dabei stattfindet, desto lieber ist es mir. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Summerauer Bahn, die von Linz quer durch das untere Mühlviertel nach Summerau führt. Mein liebstes Ziel längs dieser Strecke ist Freistadt, für mich ein echter Geheimtipp. Die Summerauer Bahn und Freistadt haben eine Gemeinsamkeit - nachvollziehbare und erlebbare Vergangenheit. Die Bahnlinie, weil sie Nachfolgerin der zweiten europäischen und mit 128 Kilometern weltweit zu ihrer Zeit längsten Pferdeeisenbahn ist. Freistadt, weil es die österreichische Stadt mit den am schönsten erhaltenen mittelalterlichen Befestigungsanlagen und Barockgebäuden ist. Aber eines nach dem anderen: Vorläufer der Summerauer Bahn war die Pferdeeisenbahn Gmunden - Linz - Budweis (?eské Bud?jovice), die entlang des seit Jahrhunderten bekannten Handelsweges über den Kerschbaumer Sattel nach Böhmen errichtet wurde. Sie wurde in Teilstrecken zwischen 1827 und 1836 in Betrieb genommen und diente vorrangig dem Transport von Erz und dem weißen Gold Salz aus den Sudhütten von Hallstatt, Bad Ischl und Ebensee. Freistadt war in der ursprünglichen Trassenführung noch nicht an die Bahnlinie angebunden. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kaiserin-Elisabeth-Bahn, die heutige Westbahnstrecke, eröffnet. In diesem Zusammenhang wurde die Streckenführung der Summerauer Bahn geändert und Freistadt erhielt seinen Bahnhof. Die Fahrzeit von Linz nach Freistadt dauert rund eine Stunde, das bedeutet bei einer Streckenlänge von 46 Kilometern ein eher gemächliches Tempo. Das liegt einerseits an den elf Stationen, an denen der Zug hält, und andererseits an einer - selten erreichten - Höchstgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern. Wer sich darauf einlässt, kann die sanfte hügelige Landschaft des Mühlviertels genießen, sich sein Leben ohne Stress und Hektik vorstellen und ausmalen, wie entspannend Radtouren oder ausgedehnte Spaziergänge hier sein könnten. Dass sich eine Nahverbindungsbahn für einen Gast anders darstellt als für Pendler, versteht sich von selbst. Unter den Pendlern mit dem Ziel Freistadt befinden sich zahlreiche Schüler und Schülerinnen - rund 2.500, und das bei einer Gesamteinwohnerzahl der Stadt von etwas über 7.500. Die heutige Schulstadt wurde vermutlich um 1220 vom Babenberger Herzog Leopold VI. gegründet. Das freie Eigen , das der Stadt den Namen gab, waren der Grund und Boden auf dem Siedler ihre Häuser errichteten. Als wehrhaftes Zentrum gegen Böhmen einerseits und die Passauer Bischöfe andererseits. Wahlversprechen waren um diese Zeit noch nicht üblich, aber die Erteilung von Privilegien sehr wohl. Etwa das Stapel- und Niederlagsrecht, demzufolge alle Waren, die aus oder nach Böhmen unterwegs waren, drei Tage in Freistadt zum Kauf angeboten werden mussten. Hinzu kam das Meilenrecht, das es ausschließlich den Bürgern gestattete, innerhalb einer festgelegten Bannmeile in Handel und Gewerbe tätig zu sein. Der daraus folgende wirtschaftliche Aufschwung ging Hand in Hand mit der Errichtung einer massiven Stadtmauer, zwei Tortürmen mit Zugbrücken, den damals einzigen Zugängen in die und aus der Stadt. Es gab genug zu verteidigen. Diese Wehranlagen umgeben auch heute noch die gesamte Altstadt. Der Hauptplatz bildet das Stadtzentrum. Er ist umrahmt von Barockhäusern mit sehenswerten Fassaden. Sie wurden nach zwei Bränden im 16. Jahrhundert, denen die zuvor bestehenden Holzbauten zum Opfer fielen, errichtet.

Böhmertor Innenseite (c) Alfred Rubatschek Böhmertor Innenseite (c) Alfred Rubatschek

Außerhalb der Mauern, gegenüber dem nordseitig gelegenen Böhmertor, befindet sich die Liebfrauenkirche, ein kleiner gotischer Bau. Und steinerner Zeuge meiner nicht mehr vorhandenen Lateinkenntnisse, wie ich beim Lesen der Grabinschriften feststellen musste.

Gotisches Haus Waaggasse 13 (c) Alfred Rubatschek Gotisches Haus Waaggasse 13 (c) Alfred Rubatschek



Liebfrauenkirche_14_Jhdt (c) Alfred Rubatschek Liebfrauenkirche_14_Jhdt (c) Alfred Rubatschek

Erwähnenswert ist auch die Freistädter Brauerei. Sie wurde als Braucommune im Jahr 1770 von allen 149 Hausbesitzern der Altstadt gegründet und besteht in dieser Rechtsform, als letzte in Europa, bis heute. Im Brauhaus, einem dreiflügeligen und dreigeschossigen Barockbau, kann man sich an zehn Biersorten und allerlei kulinarischen Köstlichkeiten gütlich tun. Und wer beim Bier auf den Genuss gekommen ist, dem sei empfohlen, nochmals die Summerauer Bahn zu besteigen, zehn Kilometer nach Summerau zu fahren und dort in die Budweiser Bahn umzusteigen. Dann sind es noch rund 75 Kilometer bis Budweis, einem der Tore zum Bierparadies.
 
 
 
 

Alfred Rubatschek
ist Gründungsmitglied der Musikgruppe „Schmetterlinge“ und später Mitglied des „Kabarett Keif“. Danach 10 Jahre „Ensemble Theater Wien“ (Regieassistenz, Regie). Arbeitet seit 30 Jahren als Regisseur und Filmemacher mit Schwerpunkt Wirtschaftsvideos in Wien. Seit kurzem ist er Teilzeitpensionist.
Weitere Stories

PEOPLE & LIFESTYLE
Über den Blues, Begegnungen und Bier in fremden Städten
 
SERVICE
Digitale Reiseplanung
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Events im Sommer
 
SERVICE
Tipps für Bahnreisen mit Kindern