03.10.2018

Liebeserklärung an Umwege: Warum es gut tut, auch mal einen Zug zu verpassen


ENTSPANNT UNTERWEGS
Autor — Jasmin Kreulitsch



Wir sind so darauf trainiert, schnurgerade von A nach B zu kommen, dass wir auf Reisen unbekannten Variablen keinen Raum lassen. Was wiegt ein verpasster Zug gegen die Entdeckung einer neuen Stadt? Wer immer nur direkt ans Ziel kommt, verpasst das Überraschungsmoment auf dem Weg. Ein Plädoyer für Umwege und die Chancen, die sich daraus ergeben.

Wer losgeht, nur um anzukommen, verpasst Abenteuer unterwegs. Wir leben in einer Welt der Superlative. Besser, größer, schneller. Langsamkeit gilt als Schwäche, vor allem auf Reisen wird bei Verzögerungen gemeckert und geflucht. Der Urlaub, der im Stau beginnt. Das Flugzeug, das wegen Fluglotsenstreik nicht abhebt. Der Zug, der wegen eines Schadens an der Oberleitung auf der Strecke hängen bleibt. Wir harren ungeduldig aus, sind grantig, unruhig, fast schon panisch. Um Himmels Willen, ich komme zu spät!

Warum muss ein Umweg etwas Schlechtes sein? "Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen", sagte Erich Kästner - und er hatte verdammt recht damit. Umwege auf Reisen bergen Chancen. So wie man sich als Kind freute, in einer Seitenstraße einen Kirschbaum zu entdecken, sollte man sich unterwegs freuen, etwas Neues zu sehen. Der Anschlusszug hat eine Stunde Verspätung? Warum nicht ein Café ausprobieren, eine Runde um den Bahnhof drehen, eine neue Stadt entdecken? Eine Situation, die man selbst nicht ändern kann, sollte man annehmen anstatt zu verteufeln.

Der Tag, an dem ich die längste Zugfahrt meines Lebens antrat, war ein großer. Mein Vater wurde 60 und ich wollte ihn als Überraschung besuchen. Als ich in den Zug von München nach Klagenfurt stieg, ahnte ich allerdings nicht, dass ein Orkan über Europa aufzog. Ich war gerade mal 15 Minuten unterwegs, als Cyrill Bayern erreichte - und erstmals eine Schreckensnachricht wie ein Echo durch den Zug schallte: Der Zugverkehr wird demnächst eingestellt. Ich gebe zu, die Fahrt war ein Abenteuer, das mich an meine Grenzen brachte: Ich musste mehrfach den Zug wechseln, stand nachts auf mir fremden Bahnsteigen und wusste oft nicht, ob und wie ich weiterkommen würde. Für eine Strecke, die ich normal in vier Stunden gefahren wäre, brauchte ich zwölf - und kam zu Hause an, als mein Vater nach seiner Geburtstagsfeier längst im Bett lag.

Es war ein Umweg, auf dem ich keine neuen Städte entdeckt oder einen guten Kaffee in einem hippen Restaurant getrunken habe. Der Umweg zeigte mir aber etwas anderes: Menschlichkeit. Wo ich normal schweigend in der Bahn gesessen wäre, entstand in dieser Extremsituation Freundschaft unter Fremden. Wir teilten Ängste genauso wie Essen und Handys. Wir plauderten uns durch die Nacht und staunten über die heftigen Windböen vor den Fenstern. Vor allem aber teilten wir die Erfahrung, dass es Situationen und Umwege gibt, die man nicht beeinflussen kann. Höhere Mächte schicken uns manchmal auf Abwege und es kann durchaus spannend sein, wenn die Dinge nicht wie geplant ablaufen. Wir sind heutzutage so darauf abonniert, dass auf dem Weg von A nach B alles funktionieren muss, dass wir verlernt haben, uns auf Reisen überraschen zu lassen.

Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, wie wir einst als Kind Langsamkeit zelebriert haben. Umwege von Herzen gerne gegangen sind. Und der Weg immer wichtiger war als das Ziel. Dan Kieran, Autor das Klassikers "Slow Travel", ließ sich mal die Welt aus den Augen seiner Tochter zeigen. Er überließ ihr die Führung bei einem Besuch in einem Einkaufszentrum - und endete darin, dass er stundenlang Rolltreppe fahren musste: "Ausnahmsweise hat man keine Ahnung, wohin man geht. Das kann ziemlich lästig sein, weil es so umständlich ist, doch man lernt schnell, sich zu entspannen und dieser Erfahrung etwas Sinnvolles abzugewinnen".

Manchmal ist eben nicht der Weg, sondern der Umweg das Ziel, um an einen neuen Blickwinkel zu gelangen. Und manchmal kann es gut tun, einen Zug zu verpassen.

 
 
 
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