10.10.2018

Mit der Oma unterwegs - es darf ruhig länger dauern


ENTSPANNT UNTERWEGS
Autor — Iris Gassenbauer



Alle paar Jahre hat Oma Lust, ihre Freundinnen und Cousinen im Waldviertel zu besuchen und das Wochenende in ihrer früheren Heimat zu verbringen. Jetzt, wo das Gehen beschwerlicher wird, begleite ich sie als pflichtbewusste Enkelin auf eine nostalgische Reise, die mich die Gemütlichkeit dieser Generation spüren lässt.

An der Seite eines älteren Menschen läuft die Zeit anders. Da kann es dauern, bis die Tasche zum Fortgehen gepackt und die Haustür versperrt ist. Während ich selbst damit beschäftigt bin, vor dem Ticketkauf noch einen Kaffee zu besorgen und von einer der Auslagen im Bahnhofskomplex dazu verlockt werde, ins Geschäft zu springen, um noch geschwind eine Paar Herbststiefeletten zu probieren, studiert Oma den Fahrplan. In ihrem Fahrplanheft.

Ticket und Platzreservierung stecken säuberlich in ihrem Taschenkalender - ich buche, als ich mich hinter ihr in den Rex 2112, den Waldviertelexpress schiebe, online. Oma, die zwar seit den Sechzigerjahren einen Festnetzanschluss, aber kein Handy hat, wundert sich über mein Zeitmanagement. Ich verkneife mir, ihr aufzuzählen, was sonst noch so auf den letzten Drücker erledigt wird. Der Wiesel (Doppelstockwagen im Regionalverkehr) setzt sich lautlos in Bewegung und unsere kleine Reise in die Vergangenheit beginnt.

Routentipp 1

Oma ist eine resolute Frau mit wachen, hellen Augen und einem Zopf aus silbrig weißen Haaren, der mit Haarnadeln festgesteckt wird. Es macht ihr nichts aus, die Stufen in das obere Deck des Wiesel zu nehmen, weil ihr die Aussicht wichtig ist. "Wenn ich nicht hinausschauen kann, ist es so, als wäre ich gar nicht gereist", sagt sie zu mir. Ich trinke vom lauwarmen Pappbecherkaffee und warte auf das erste Damals in ihrer Erzählung, aber es kommt nicht. Schweigend sitzt Oma an der gebogenen Scheibe und lässt den Blick schweifen. Aus der Stadt heraus wechseln Häuser mit Kleingärten, Felder mit Waldstücken und nur selten kreuzen Landstraßen. Ich widerstehe dem Drang, meine E-Mails zu checken und lege das Handy mit dem Display nach unten auf das Tischchen. Der Rhythmus der vorbeiziehenden Welt bringt mich in einen wohligen Zustand der Müdigkeit, daran kann auch der Kaffee nichts ändern.

Kurz vor Sigmundsherberg tippt Oma mit ihrem knorrigen Zeigefinger an die Scheibe. "Da habe ich deinen Opa kennengelernt", sagt sie. "Bei der Weinlese. Damals hat er sich noch ordentlich bücken können." Ein Schmunzeln kommt über ihre Lippen, als sie aus dem Fenster in einen Herbsttag der späten Fünfzigerjahre blickt. Dann erzählt sie von den Heurigen in der Umgebung, die es auch heute noch gibt und vom Wetterkreuz zwischen Wald und Weinreben, unter dem sie mit Opa damals eine Rast eingelegt hatte. "Bis zu den Pöllauer Bergen haben wir gesehen, so klar war der Tag." Die Wanderung hatte sie durch das Pulkautal an den alten Mühlen vorbeigeführt, vorbei auch an der Teufelswand und der Ruine Neudegg. "Ein Haufen Steine, wenn man nicht genau hinsieht", sagt Oma. "Aber mit ein bisserl Phantasie kann man sich denken, man wäre ein Burgfräulein."
"Und war Opa dein Ritter?", frage ich. Oma hört mich nicht. In Gedanken erschlägt Opa wahrscheinlich gerade einen Drachen für sie.

Routentipp 2

Dass der Waldviertelexpress ein Regionalexpress ist, bedeutet auch, dass er nicht mit der Hast des Railjets durch die Landschaft braust, sondern viele kleine Stopps einlegt. Hat mich die Bummelei zu Beginn der Reise noch abgeschreckt, beginne ich jetzt, die Gemächlichkeit zu genießen. Göpfritz an der Wild und Schwarzenau ziehen an uns vorbei und ich nehme mir vor, das nächste Mal auszusteigen, durch die Orte zu spazieren und die Waldvierteler-Luft an den Wangen zu spüren. Oma scheint meine Gedanken erraten zu haben. Sie erzählt vom Schloss Schwarzenau mit seiner zweigeschossigen Schlosskapelle, in dem sie im Krieg vor der Besatzung Zuflucht gefunden hatte, und vom Ottensteiner Stausee einige Kilometer weiter südlich. Nachdem der Stausee 1956 eröffnet wurde, hatte Oma mit den Cousinen regelmäßig faule Sommertage an seinen steilen Ufern verbracht. Im Föhrenschatten hatten sie Karten gespielt und waren mit einem kleinen Ruderboot hinausgefahren. "Ich habe mich immer vor dem dunklen Wasser gefürchtet", erzählt Oma. "Bis ich einmal einfach hineingesprungen bin. Dann war der Bann gebrochen."

Routentipp 3

Der Waldviertelexpress nähert sich dem letzten Halt, Gmünd. Oma möchte rechtzeitig am Ausgang sein, auf einmal hat sich ihre Gemütlichkeit verflüchtigt. Ich komme ihr mit Tasche, Schirm und Mantel die Stufen hinunter nach, lange bevor wir in Gmünd einfahren. Oma steht an der Tür und ist bereit für das Wochenende, bereit für die Nostalgie.

"Habe ich dir von Milena erzählt?", fragte sie und wartet meine Antwort nicht ab. "Milena war meine Freundin, eine richtige Böhmin. Sie wohnte in Scheiben, in Sejby wie sie sagte, gleich über der heutigen Grenze zu Tschechien. Als Kinder fuhren wir mit ihrem Rad über die Dorfstraßen bis nach Großpertholz und in den Taschen hatten wir Mohnzelten für die Jause. Manchmal hatte ihre Mutter auch Buchteln gemacht.“ Oma schließt die Augen und denkt an die Mehlspeise, dann entschlüpft ihr mit einem wohligen Seufzer: "Buchticky. Mit Vanillesauce." Ich lächle über meine Zucker-affine Oma und nehme mir vor, Buchteln in den Speiseplan des Wochenendes zu integrieren.

Routentipp 4

Der Waldviertelexpress wird langsamer, Oma zupft an den Haarnadeln im Zopf, damit auch alles richtig sitzt. Am Bahnsteig stehen die Cousinen, die uns abholen kommen, und winken. Ich gehe im Kopf durch, was wir uns anschauen können und lege mir einen Plan zurecht, um möglichst viel unterzubringen. Aber Oma durchkreuzt meine eifrigen Gedanken mit einem lakonischen: "Jetzt gibt es einmal eine Jause. Und nachher ein Schlaferl, das wird uns guttun."

Da ist sie wieder, die Gemütlichkeit.

Unsere Routentipps

Tipp 1: Mit dem Waldviertelexpress übers Wochenende von Wien nach Gmünd und retour.

Tipp 2: Wandern im Pulkautal. Mit den ÖBB nach Sigmundsherberg und dem ÖBB-Postbus nach Rohrendorf/Pulkau Ortsmitte. Von hier aus starten mehrere schöne Wanderwege ins Pulkautal. Durch die Weingärten zum Hochkogelkreuz oder auf unmarkierten Steigen zur Ruine Neudegg - die Gegend verzaubert vor allem im Herbst mit beeindruckenden Farbenspielen.

Tipp 3: Eine Bootsfahrt am Ottensteiner Stausee. Mit den ÖBB nach Horn und dem ÖBB-Postbus nach Ottenstein B38/Abzw. Schloss. Von hier aus erreicht man nach einem Fußmarsch den 4,5m2 großen Ottensteiner Stausee, der dazu einlädt, die Seele baumeln zu lassen. Das Seerestaurant Ottenstein verleiht Boote und bietet auch 30-minütige Seerundfahrten an.
Wichtig: Postbus-Fahrplan checken, wenn du deine Reise planst!

Tipp 4: Naturpark Nordwald Großpertholz. Mit den ÖBB nach Gmünd und dem ÖBB-Postbus über Weitra nach Großpertholz. Entdecke Teiche, Hochmoore und Nadelwälder in der Waldviertler Kulturlandschaft. Themenwege, Tiergehege und ein Abenteuerspielplatz machen nicht nur den Kleinen Spaß.
Wichtig: Postbus-Fahrplan checken, wenn du deine Reise planst!

 
 
 
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