21.09.2018

Schmutzige Sinnlichkeit: Wie man die wahre Natur Neapels entdecken kann


KULTUR ENTDECKEN
Autor — Janina Lebiszczak



Manche meinen, es liegt am Vesuv. Am Rande der Millionenstadt Neapel gelegen, gilt er als der am besten überwachte, aktive Vulkan Europas. Seit Jahrzehnten verhält er sich ruhig. Und doch strahlt er eine Energie aus, die das Leben der Einwohner und Gäste im Bann hält. Es brodelt in dieser Stadt – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Metropole Kampaniens gilt als laut, turbulent, sinnlich, chaotisch, überladen von Kunst, verrückt. Pazza (geisteskrank), sagen die Italiener dazu.

In den engen Gassen und dicht befahrenen Straßen pulsiert das Leben roh und urkräftig. Die Türen der Erdgeschosswohnungen sind offen, die Wäsche flattert vor den Fenstern, Moped-Fahrer hupen, Menschen streiten oder lachen oder beides, jedenfalls lautstark. Des Nächtens treffen sich große Gruppen von Jungen und Junggebliebenen, um auf den vielen Piazzas der Altstadt gemeinsam zu feiern. Bis in die Früh, versteht sich, denn die Energie Neapels wirkt wie ein dreifacher Espresso ex.

Neapel

Nitsch knows best

Nun, wer auf der Suche nach einem entspannten Italien-Urlaub ist, könnte jetzt aufhören zu lesen. Sollte er aber nicht. Wir haben einen Österreicher und Neapel-Experten getroffen, der weiß, wie man die Stadt am Vesuv mit allen Sinnen genießen kann. Es ist der berühmte Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch, gerade 80 Jahre jung geworden. Der Mann polarisiert wie Neapel, vielleicht liebt er diese Stadt ja deswegen so sehr. Dort wurde auch – neben dem Nitsch-Museum in Mistelbach – ein ihm gewidmetes Museum eröffnet. Geleitet wird es von Giuseppe „Peppe“ Morra, seinem langjährigen Wegbegleiter und Lebensfreund. Das private Museo Nitsch feierte vor wenigen Tagen sein 10-jähriges Jubiläum.

Auf der Terrasse des ehemaligen E-Werks spürt man die vibrierende Energie der Kunst wie auch der Stadt. Hier treffen wir Nitsch vor den großen Feierlichkeiten, um ihm Insider-Tipps zu entlocken: „Ich habe es immer so empfunden, dass Neapel in gewisser Hinsicht viel Ähnlichkeit mit Wien und der Wiener Kultur hat. In Wien gibt es dieses analytische Forschen in Richtung des Unbewussten. In Neapel gibt es einen Tiefgang in Richtung Expression.

Das Dramatische ereignet sich permanent in dieser beweglichen Stadt. Nirgends gibt es so viel Weinliteratur wie in Wien und in Neapel gibt es eine Unzahl von Liedern, die den Wein und die Liebe besingen“, schwärmt er und lässt sich regelmäßig zu kulinarischen Ausflügen entführen. „Ich vertraue auf meinen Freund Peppe, der alle guten Plätze kennt. Er weiß auch, dass ich jene Lokale, die die neapolitanische Küche repräsentieren, am liebsten mag. Ich mag keine allzu gepflegten Sterne-Restaurants. Ich liebe die neapolitanische traditionelle Küche. Das Leon d’Oro auf der Piazza Dante ist mein Favorit. Auch im Museo Nitsch wird es in Kürze ein Lokal geben, das an einem wunderbaren Platz liegt. Dort wird sich die wahre Natur Neapels zeigen.“

Über und unter der Erde

Für Freunde der Kultur ist Neapel ein Must, und zwar nicht nur für Fans der omnipräsenten Street Art.

Michelangelo Merisi da Caravaggio ist einer der großen Maler des 17. Jahrhunderts. Er rebellierte gegen den Stil der Renaissance und der Suche nach lieblicher Schönheit. Für seine Madonnen posieren Prostituierte, seine Helden sind jugendliche Bad Boys. Verständlich, dass Nitsch uns rät, sich auf seine Spuren zu heften – in der Kirche Pio Monte della Misericordia kann man seine „Sieben Werke der Barmherzigkeit“ bewundern. „Ich liebe Caravaggio wegen seiner ungeheuerlichen Ausdruckskraft, die er zutage brachte. Er ist ein Dramatiker - die Gesellschaft sprengende Dynamik seiner Kunst ist mir extrem wichtig,“ so der Maler. „Und dann faszinieren mich auch die Katakomben, das Unterirdische, das Abgründige.“

Entspannen und Napoli

Wir folgen seinem Rat. Das unterirdische Neapel ist nicht nur faszinierend – hier findet man die Ruhe, die man überirdisch manchmal vermisst. Aber kann man das überhaupt – entspannen in Napoli? Nitsch findet dafür eine einfache, aber einleuchtende Antwort: „Ich glaube das gelingt, indem man sich intensiv der Stadt hingibt. Das kann man vielleicht nicht als Ruhe bezeichnen, sondern als harmonisches Aufgehen im Exzess.“

Dem wollen wir nichts mehr hinzufügen. Nur noch drei schnelle, scusi: harmonische Relax-Tipps der Redaktion vielleicht.

Neapel Inside

Drei Orte, an denen du in der vibrierenden Stadt am Vesuv entspannen kannst:

  • Vomero, Neapels Edelbezirk mit seinen Bürgerhäusern und hübschen Restaurants, lädt zum Verweilen ein. Eine Fahrt mit der Standseilbahn Funicolare begeistert.

  • Posillipo am Meer steht für das wunderschöne und wohlhabende Napoli. Von der Steilküste eröffnen sich Panoramablicke auf den Golf von Neapel, die schon viele Künstler inspiriert haben.

  • Der Capodimonte ist für Kulturfans ein Muss, aber auch für alle, die eine Verschnaufpause in der Stadt brauchen. Neben dem Museum lädt der größte Park Neapels zu ausgedehnten Spaziergängen ein.

 
 
 
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