11.10.2015

Hamburg ist immer eine Reise wert. Eine Liebeserklärung


TRAVEL
Text — Theresa Prammer



Ich habe eine heimliche Liebe. Wir kennen uns noch gar nicht so lange. Aber wie das bei der Liebe so ist, frag ich mich, wie ich bisher überhaupt ohne sie leben konnte. Sie hat irgendwas an sich, das so ganz anders ist als bei ihren Artgenossen. Ich genieße schon die Fahrt zu ihr. Weil sie mir von Wien kommend neun Stunden Zeit lässt, ohne Ablenkung zu schreiben. Ich schreibe gern im Zug.

Während die Welt vor den Fenstern an mir vorbeibraust, mache ich es mir gemütlich, lasse mich von Musik aus meinen Ohrstöpseln berieseln und haue in die Tasten des Laptops. Auf Bahnfahrten habe ich schon Mörder gestellt, Liebende zusammengeführt und Korruption aufgedeckt. Doch spätestens eine halbe Stunde vor der Ankunft klappe ich den Computer zu. Und freue mich auf ihren Anblick. Kaum bin ich da und steige aus der Bahn, fühle ich mich in ihr auch schon ein bisschen zu Hause. Als würde mich Hamburg mit offenen Armen empfangen, mir auf die Schulter klopfen und Moin, Moin sagen. Am Hauptbahnhof muss ich gleich mein erstes Franzbrötchen kaufen. Das ist ein süßes Feingebäck aus Plunderteig, mit Zimt und Zucker. Die beste Version hat eine karamellisierte Zuckerkruste wie Crème brûlée, aber nach der muss man suchen. Dieses Gebäck schmilzt so köstlich buttrig auf der Zunge, dass ich bei jedem Bissen seufzen muss. Und dann geht das Sightseeing-Programm auch schon los.   Ein Muss bei jedem Hamburg-Besuch ist für mich die historische Speicherstadt. Sie ist wie die Kulisse eines Märchens mit ihren dunkelroten Backsteinfassaden, kleinen Schlösschen und Türmchen. Und irgendwie warte ich immer, dass ein modernes Schneewittchen mit ihren sieben Zwergen im nächsten Moment um die Ecke biegt. Dazu passend gibt es dort auch ein märchenhaftes Museum, das Miniatur Wunderland Hamburg - die größte Modelleisenbahn der Welt (siehe Tipp im Kasten unten).

Hamburger Speicherstadt (c) Thomas Wolf, www.foto-tw.de Hamburger Speicherstadt (c) Thomas Wolf, www.foto-tw.de

Hafencity, Landungsbrücken, ein Drink mit Blick auf die Alster, eine Rundfahrt mit Matjesbrötchen in der Hand auf der Elbe, das sind Pflichtpunkte auf der Touristenliste. Auch toll ist eine Fahrt mit der S-Bahn vorbei an den großen Zeitschriftenverlagshäusern (Spiegel, Stern, Brigitte, Geo, etc.), in deren Büros man durch die Fenster einen Blick werfen kann. Doch mein auserkorener Lieblingsstadtteil ist das Schanzenviertel, genauer gesagt: die Sternschanze. Gut, ich bin da vorbelastet, die beste aller Literaturagentinnen hat dort ihr Büro. Aber trotzdem, die Sternschanze mit ihren kleinen innovativen Boutiquen, den Cafés und Restaurants hat so viel charmante Gelassenheit. Als würde sie sagen: He, entspann dich, alles halb so wild. Schwing dich aufs Rad und dreh eine Runde.

Alster Fontäne (c) Lukas aus München (Wikipedia) Alster Fontäne (c) Lukas aus München (Wikipedia)

Okay, ja, Hamburg hat auch schlechte Angewohnheiten. Nein, ich meine nicht die Reeperbahn und St.Pauli. Ich meine die Luft. Hamburg hat laut der Umweltschutzorganisation BUND aufgrund der Schifffahrt die höchsten Stickstoffoxidwerte in ganz Deutschland. Doch in dieser Luft schwingt halt die Sehnsucht nach Reisen zu fernen Orten. Vielleicht drücken ja deshalb die Hamburger bei dem Thema beide Augen zu. Es ist ein bisschen so wie mit dem Alkohol, der in den vielen Lokalen auf der Reeperbahn serviert wird. Man weiß, mehr als ein kleines Glaserl ist ungesund, aber das hindert hier niemanden daran, die ganze Flasche auszutrinken. Prost! Apropos St. Pauli. Ich bin von Berufs wegen furchtbar neugierig. (Das ist eine Ausrede, ich geb s zu. Der Beruf hat damit nix zu tun.) Jedenfalls habe ich es als meine Autorinnenpflicht angesehen, unbedingt einen Blick in die Herbertstraße werfen. Aber die ist ja verboten. Also, für Frauen.

St_Pauli Herbertstraße (c) Alexander-Dreyer St_Pauli Herbertstraße (c) Alexander-Dreyer

Deshalb hat mein Mann einmal Schmiere gestanden, während ich hineingelugt habe. Aber was sein muss, muss sein. Hübsch ist es dort drinnen. Rotbeleuchtete Schaufenster, ein bisschen wie in Amsterdam. Hoffentlich sind die Fenster gut abgedichtet, denn die Damen haben nicht wirklich viel an und in Hamburg kann es ordentlich kalt und stürmisch sein. Wer ein großartiges Buch über Hamburg, das Land südlich der Elbe und dessen Geschichte lesen will, dem lege ich Altes Land von Dörte Hansen ans Herz. Zu Recht steht es schon wochenlang auf Nummer eins der Spiegel-Bestsellerliste. Und es liest sich perfekt auf einer Zugfahrt nach Hamburg. Wenn ich dann wieder am Bahnhof bin und auf den Zug nach Hause warte, habe ich einen Vorrat an Franzbrötchen in meiner Tasche. Und mein Mann lacht, weil er daran zweifelt, dass die Süßigkeiten es bis nach Wien schaffen werden. Aber ich habe sowieso fest vor, ganz bald wiederzukommen. Bis zum nächsten Mal, zauberhaftes Hamburg. Moin, Moin.

Franzbroetchen (c) W. Meinhart Franzbroetchen (c) W. Meinhart

 
 
 
 

Theresa Prammer
ist Autorin und Schauspielerin. Ihr Krimidebüt “Wiener Totenlieder” (erschienen im Ullstein Verlag) wurde 2015 mit dem Leo-Perutz-Krimipreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Sie lebt abwechselnd in Wien und Reichenau an der Rax. Frühjahr 2016 erscheint ihr zweiter Krimi “Mörderische Wahrheit” bei List.
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