15.08.2018

Mythos Gänserndorf


SLOW FOOD
Autor — Eva Rossmann



Mag sein, dass manche meinen, „Mythos“ und „Gänserndorf“ sei doch eine gewagte Kombination. Ja, früher kannte man die Bezirkshauptstadt im Marchfeld wegen des Safariparks, aber hier zwischen Verwaltung, Schulen und der OMV Sagenhaftes zu entdecken, ist nicht jedem vergönnt. Am spektakulärsten sind noch die übergroßen Gänse, die Gänserndorf schmücken. Und die Säulen, die mal einzeln, mal paarweise aufgestellt, Rätsel aufgeben. Warum stehen sie da? Ob sie es in der Zukunft schaffen, zur Legende zu werden?

Und doch. Nicht den, sondern das „Mythos“ gibt’s bereits jetzt in Gänserndorf. Es handelt sich um ein griechisches Lokal, gleich an den Gleisen, keine zweihundert Meter vom Bahnhof entfernt. Das Haus hat Geschichte, vor mehr als hundert Jahren war es als Restaurant von Jakob Cerny weithin bekannt. Der Gastgarten mit den hohen Bäumen, den man auf kolorierten Postkarten von damals sieht, scheint sich seither kaum verändert zu haben. Und wer findet, dass Urlaubsflair keine langen Reisen voraussetzt, ist hier das ganze Jahr über bestens aufgehoben. Im „Mythos“ wird nämlich wirklich griechisch gekocht. Und das von Griechen. Schon die vielen liebevoll und frisch zubereiteten kalten und warmen Vorspeisen zeigen, was sie drauf haben. Skordalia, Melanzanisalata, Tsatziki, Taramas, gefüllte Weinblätter, wunderbare gegrillte Pfefferoni, gebackene Sardinen, Haloumi, Gigantes, Calamari, gegrillter Schafkäse, und, und … Wir bestellen viele (zu viele) davon, warum muss man sich immer aufs Vernünftige beschränken?

 



Ein Tisch voller Köstlichkeiten (c) Eva Rossmann

Das hier ist Urlaub, da darf man mehr. Dazu gibt’s übrigens eine Weinkarte mit ausgesuchten griechischen Weinen. Die griechischen Winzer können weit mehr als Retsina – aber auch davon kann man auf Empfehlung des Wirtes besonders guten bekommen. Dimitrios schaut immer wieder vorbei, auch um zu fragen, ob es schmeckt. Das tut es, und wie. Seine Geschichte hat übrigens mit der griechischen Wirtschaftskrise zu tun. Als der gefragte Küchenchef plötzlich um weniger als die Hälfte wie bisher arbeiten sollte, ging er nach Österreich. Und nach einigen arbeitsamen Jahren in Wien hatte er genug Geld beisammen, um sein eigenes Lokal aufzumachen. Die erste Zeit sei hart, sehr hart gewesen, sagt Dimitrios. Aber er lacht dabei. Er ist zum Glück Optimist geblieben und inzwischen haben nicht nur die Gänserndorfer begriffen, was sie an ihrem neuen Wirt haben. Als er fragt, was wir denn jetzt gerne als Hauptspeise wollen, müssen wir passen. Dabei: Das Bifteki Gemisto – mit Käse und Paradeisern gefülltes Faschiertes wäre wunderbar. Oder auch die Lammspieße. Aber zum Glück kann man ja wiederkommen.



Dimitrios und ein zufriedener Gast (c) Eva Rossmann


Unter anderem mit der Bahn. Als das eher verschlafene Dorf im Jahr 1838 an die Nordbahn angeschlossen wurde, hat der Aufschwung Gänserndorfs begonnen. Der Bahnhof selbst ist übrigens auch eine Reise wert. Sorgfältig renoviert (natürlich auch modernisiert), ein Gebäude mit Geschichte. Im ersten Weltkrieg hat hier Egon Schiele russische Kriegsgefangene eskortiert.



Egon Schiele auf besonderer Mission in Gänserndorf



Berühmter Sohn aus der Bahnhofsrestauration (c) Eva Rossmann

Und dass Bahnhofsrestaurationen besondere Menschen hervorbringen können, beweist der als Sohn der Pächter im Bahnhofsgebäude Gänserndorf geborene Jacob Freundlich. Er gehörte zu den führenden Köpfen der aufstrebenden sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, war Mitbegründer der Arbeiterbank (später BAWAG) und wurde später Mitglied des Verfassungsgerichtshofes. In der Nazizeit musste seine Familie nach Amerika fliehen.


Aber zurück zur Gegenwart. Auch jetzt kann der Bahnhof mehr, als die vielen Pendler nach Wien und wieder zurück zu bringen. Von Gänserndorf aus ist man mit der Bahn in nur 45 Minuten in Bratislava, und über die Nordbahn bis zur tschechischen Grenze dauert es etwa gleich lang.


Besonderes gibt es für alle, die mit dem Rad unterwegs sein wollen. Von hier aus startet ein ganz besonderer Rundweg: „Radeln zwischen schwarzem und weißem Gold" heißt er. Wem die 45 Kilometer zu wenig sind, der nimmt als erweiterte Route den OMV-Erlebnisradweg. Dass Erdöl und Erdgas in Zeiten der Klimaerhitzung lange nicht mehr so positiv gesehen werden wie vor einigen Jahrzehnten, ist klar. Aber sie haben diese Gegend geprägt.



Radln im Erdölland (c) Eva Rossmann

Und vorbei an Bohrtürmen, inzwischen auch an Windrädern, mitten durch die Weingärten, bekommt man hier anhand von elf Schautafeln und eines Lehrpfades in Prottes eine Menge über Geschichte, Förderung, Produktion und Lagerung dieser Rohstoffe erzählt. In Prottes ist unter anderem auch der „Stalinec“ zu bewundern, eines der letzten erhaltenen Raupenfahrzeuge, die in der russischen Besatzungszeit für Transporte im Erdölgebiet eingesetzt wurden. Wen das dann doch nicht so interessiert, der kann einfach die hügelige Weinlandschaft genießen.



Stanlinec


Und jedenfalls zahlt es sich aus, bei einem der noch wirklich authentischen Heurigen Rast zu machen. Mein Lieblingsheuriger liegt übrigens direkt am Radweg in Auersthal, er hat allerdings nur sehr selten geöffnet. Dafür sitzt man dann aber auch am „Wunderberg“ - gibt es einen schöneren Namen für eine Kellergasse? Wer näheres wissen will, sucht einfach unter „Döllinger“ und wer erfahren möchte, wer entlang der Route sonst noch ausgesteckt hat, ist bei einschlägigen Heurigenkalendern und Apps der Weinviertel-Homepages gut aufgehoben.



Weingärten bei Auersthal (c) Eva Rossmann



Idylle beim Döllinger am Wunderberg


Wenn ich über diese Gegend besonders viel erzählen kann, dann hat das übrigens damit zu tun, dass ich hier lebe. Das südliche Weinviertel ist keine Idylle, aber darum geht es auch nicht. Umgeben von Wein und unaufgeregten freundlichen Menschen, mit dem Blick auf Ölpumpen und Windräder, lässt es sich gut leben. Und gut reisen. Zum Beispiel mit der Bahn. Gleich von Gänserndorf aus.



Dreimal Energie: Ölpumpe - Windrad - Sonnenblume (c) Eva Rossmann

 
 
 

Eva Rossmann

1962 in Graz geboren; lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, Journalistin, Autorin, Köchin, ORF-Moderatorin. Sachbücher, Drehbücher, Kochbuch „Mira kocht“, Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“.
In ihren Kriminalromanen rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner geht es um aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. 2017 erschien ihr Roman „PATRIOTEN“ (Folio) über Europa am Scheideweg zwischen Nationalismen und weltoffener Gemeinschaft.
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Österreichischer Buchliebling 2009. Großer Josef Krainer Preis für Literatur 2013. Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur der Stadt Wien 2014.

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