13.09.2015

Pressburg: Wiens Twin City


TRAVEL
Text — Gerald Sturz



Wer vor hundert Jahren von Wien nach Pressburg fuhr, der nahm die Straßenbahn. 30 Jahre lang verkehrte die Pressburger Bahn zwischen den beiden Städten. 1945 wurde sie eingestellt. Knapp 70 Kilometer lang war die Strecke, und wer den gesamten Weg fuhr, der stieg in Wien beim Hauptzollamt ein und in Pressburg am Hviezdoslavovo námestie aus...

Wer heute von Wien nach Pressburg, das nun auf slowakisch Bratislava heißt, fährt, der nimmt den Zug. Etwas mehr als eine Stunde dauert die Fahrt, die am Wiener Hauptbahnhof beginnt; wahlweise geht es übers Marchfeld nach Bratislava hlavná stanica, dem Hauptbahnhof, oder über den burgenländischen Ort Kittsee nach Bratislava-Petrzalka. Ich empfehle die Fahrt nach Bratislava hlavná stanica. Der ist ein noch recht gut erhaltenes Beispiel für die osteuropäische Architektur der 60er Jahre. Ein großes Mosaik in der Bahnhofshalle ist eine Hommage im Stil des sozialistischen Realismus an die slowakische Gesellschaft mit ihren Arbeitern, Bauern und anderen Werktätigen.

Der Hauptbahnhof von Bratislava (c) Kelovy Der Hauptbahnhof von Bratislava (c) Kelovy

Vom Pressburger Hauptbahnhof ist es nicht weit nach Stare Mesto, der Altstadt. Pressburg hat eine kleine, kompakte und übersichtliche Altstadt. Fast zur Gänze ist sie heute Fußgängerzone. Hier reihen sich die Restaurants und Cafés und Bars und Kneipen aneinander. Zu den Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt besichtigt haben sollte, zählt der Martinsdom. Hier kann man sich in Erinnerung rufen, dass Pressburg einst Hauptstadt Ungarns war und der Martinsdom jener Ort, an dem die ungarischen Könige gekrönt wurden. Daran erinnert die vergoldete Stephanskrone, die an der Spitze des Kirchenturms angebracht ist. So ließ sich hier Maria Theresia 1741 zur Königin von Ungarn krönen.

Panorma von Pressburg (c) Stano Novak Panorma von Pressburg (c) Stano Novak

Flaniermeile ist der Hviezdoslavovo Platz, ein breiter, langgestreckter Platz, der früher einmal Radetzky Platz hieß und der heute nach einem gewissen Pavel Országh Hviezdoslav benannt ist, der als der beste Dichter in der slowakischen Literaturgeschichte gilt. Das ist ein breiter Platz, eine schöne Promenade mit vielen Restaurants und Cafés, mit Eisdielen und einem kleinen Programmkino, mit in den Boden eingelassenen Schachfeldern und improvisierten Open-Air-Ausstellungen. Man kann hier ganz gemütlich viele Stunden verbringen. Das Nationaltheater am oberen Ende des Platzes wird jedem Wiener irgendwie vertraut vorkommen. Es wurde nach Plänen des Wiener Architektenbüros Ferdinand Fellner und Hermann Helmer errichtet, das bekanntlich so ziemlich jedes Theater in der k-u-k Monarchie und auch darüber hinaus geplant hat.

Hviezdoslav-Platz-(c)-Matros Hviezdoslav-Platz-(c)-Matros

Dass das Theater Opernaufführungen von einer hohen Qualität zu bieten hat, hat sich inzwischen gar bis ins verwöhnte Wien herumgesprochen und so hat es sich ergeben, dass viele Opern-Afficionados aus der österreichischen Hauptstadt gerne nach Pressburg reisen, um eine Aufführung zu besuchen. Mit dem letzten Zug zurück nach Wien kommt man bequem wieder nach Hause.

Bratislava Schiffsanlegestelle an der Donau (c) Wizzard

Pressburg hat auch einige recht interessante Museen zu bieten. Etwa die Slowakische Nationalgalerie, die zur Zeit provisorisch im Palais Esterhazy unterbracht ist und in der gerade eine recht ambitioniert gestaltete Best-of-Schau des Bestandes zu sehen ist sowie eine Ausstellung über die Biedermeier-Zeit in der Slowakei und in Ungarn. Etwas außerhalb des Stadtzentrums, im Stadtteil Cunovo, befindet sich ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, das Danubiana Meulensteen Art Museum. Origineller sind einige der kleinen Museen, die in der Stadt zu finden sind. Zum Beispiel ein Pharmazeutisches Museum. Es befindet sich gleich neben dem Michaelertor. Zu den bemerkenswerten Objekten, die das Uhrenmuseum am Fuße des Burgbergs zeigt, gehören tragbare Sonnenuhren.

Haus zum guten Hirten mit Uhrenmuseum (c) Martin Proehl Haus zum guten Hirten mit Uhrenmuseum (c) Martin Proehl

Aus der Zeit um 1700. Das Weinmuseum im Palais Apponyi beschäftigt sich mit vitikulturellen Geschichte Pressburgs und der Slowakei. Am Abend schließlich kommt man am Ufo nicht vorbei. Hoch schwebt es über der Novy most, der neuen Donaubrücke. Das Ufo ist ein Restaurant samt Aussichtsplattform. Von hier oben blicke ich auf die Stadt. Von hier oben scheint Pressburg zu leuchten.

Blick auf die Donaubrücke Richtung Petrzalka mit dem Restaurant UFO (c) DDIma Blick auf die Donaubrücke Richtung Petrzalka (c) DDIma

 
 
 
 

Gerald Sturz
arbeitete  für den Wiener, war Redakteur beim Stern (Hamburg) und der Männer Vogue (München), schrieb für Die Woche, Tempo, Weltwoche, Forbes, Vogue, Elle, Cosmopolitan u. a. Er war Mitglied der Chefredaktion von TV Movie (Hamburg) und Chefredakteur der Lifestyle-Zeitschrift H.O.M.E. (Berlin/Wien) Seit 2003 arbeitet Sturz als freier Journalist und ist Kolumnist der Zeitschrift Format.
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