08.02.2015

Finnisch Zugfahren


TRAVEL
Text — Tex Rubinowitz



Zugfahren in den Norden Finnlands ist schön, in Sommernächten kann es vorkommen, dass auf der einen Seite die Sonne zu faul ist unterzugehen, und dass es gleichzeitig auf der anderen Seite regnet, mit dem dazugehörigen Regenbogen, die Zugbar hat bis 2 Uhr nachts geöffnet, und jedem der schwankenden Gäste, dem man dieses Schauspiel zeigen möchte, nächtlicher Regenbogen, das sei doch nun wirklich ganz besonders magisch, winkt ab, das ist doch gar nichts, komm mal im Winter, dann bekommst du eine Aurora Borealis, auch Polarlicht genannt, DAS ist etwas einzigartiges, ein richtiger Killer sei das.

Im Zug dann interessanterweise viele Japaner, die so genannte Aurora-and-Spa-Tours machen, angezogen von den geheimnisvollen Sonnenwinden, die auf die Magnetfelder über den Polkappen in die Stratosphäre eintreten und diese eigentümliche grünen Schlieren am tiefschwarzen Himmel zaubern, ein unheimliches, flüchtiges Lodern. Was das Spa im Programm der Japaner bedeutet, ist mir allerdings schleierhaft, vielleicht Sauna. Und wenn sie Pech haben, ist es die ganze Zeit bewölkt und sie schauen in die Röhre bzw den Saunaofen. Als wir in ebendieser sitzen und zur Abkühlung vor die Tür gehen, um uns im Schnee zu wälzen, wehen plötzlich die sonderbaren Gardinen Gottes über uns, man steht da splitterfasernackt weit oberhalb des Polarkreises und des läppischen Weihnachtsmanndorfes und staunt so sehr, dass man zu zittern vergisst. Man macht es einfach der Lapplandmeise gleich, und senkt kurzfristig die Körpertemperatur, Hypothermie nennt sie das. Endlich ein adäquater Ersatz für die vor einigen Jahren dummerweise verschlafenen Sonnenfinsternis.

Vollmond und Polarlichter - (c) Gerald Zojer Vollmond und Polarlichter - (c) Gerald Zojer

Nach Aurora-Land kommt man, wie gesagt, mit dem Zug, zuerst muss man nach Rovaniemi, das dauert so seine 10 Stunden, da hören dann die Geleise auf, dann nochmal mit dem Bus 5 Stunden, eine halbe Stunde nördlich von Rovaniemi wird das Weihnachtsmanndorf passiert, das, wenn man kein Kind oder Japaner ist, vernachlässigenswert ist.

Rovaniemi - (c) Gerald Zojer Rovaniemi - (c) Gerald Zojer

  Viel spannender ist es, durch die Nacht zu brettern, die aber nur eine gefühlte Nacht ist, weil es ja Tag ist, der nur für zwei dürre Stunden als blasse Borte am Horizont existiert. Der Bus schlingert über die Eispiste, weil der Fahrer mit der einen Hand telefoniert und mit dem Ellbogen lenkt, während die andere Hand schaltet und raucht. Aber er schafft es immer wieder, scheinbar Anschluss suchenden, auf der Straße herumstehenden Rentieren auszuweichen. Wärme spendet zuerst ein Sender im Radio, der ausschließlich Vogelstimmen spielt, den unser Kutscher später zugunsten einer Tangostation wechselt, die unter anderem auch den Klassiker des Tangopaten Olavi Virta Vaaralliset Huulet ( Die gefährlichen Lippen ) bringt, der Auskenner weiß Bescheid: Ich sehe deine Lippen glühen und locken,/ von ihnen bekomme ich einen brennenden Kuss./ ich weiß doch: Glut ist auch eine Lüge, die mich ruiniert. Inari, am verwunschenen, gleichnamigen See, natürlich mit einer meterdicken Eisschicht bepackt, inmitten von Zuckerwattewäldern, ist völlig ausgestorben, bis hierher hat es außer uns nur ein achtzigjähriger Japaner geschafft, der schon seit 10 Tagen auf die Aurora wartet, am Abend sitzt er im Speisezimmer des Hotels Kultahovi und isst wie wir eines der zwei Gerichte, die angeboten werden, Rentiergeschnetzeltes, das nach nassem Hund schmeckt. Was kann man hier tun, außer Warten? Auf den Sommer, die Aurora oder den nächsten Bus in den Süden.

Polarnacht - (c) Gerald Zojer Polarnacht - (c) Gerald Zojer

Finnische Orte, mit Ausnahme von Helsinki, einer Perle moderner Architektur, sind meist ziemlich hässliche Angelegenheiten, kein malerisches, rotgestrichenes Bullerbü, sondern Baracken und betonierte Flachbauten, in denen Supermärkte, Tankstellen und Pizzerias untergebracht sind, merkwürdig versetzt, wie zufällig hingewürfelt stehen sie da, und lassen immer wieder Platz für Brachflächen, das ist vielleicht das wahre Gesicht Finnlands. Es wird nichts beschönigt, die Atmosphäre ist trostlos und absolut deprimierend. Die Finnen wohnen versteckt im Wald in kleinen Häuschen, und kommen nur zum Tanken und einkaufen in die Städte. Jetzt im Winter mit Motorschlitten. Aber solange sie ihre überwältigende Natur haben, hunderttausend Seen inmitten gelüfteter Birkenwälder, nächtliche Regenbögen und grüne Vorhänge aus Sonnenwinden, was stört sie da das Aussehen ihrer Städte, sie brauchen doch nur zu funktionieren. Foto-Credits: © Gerald Zojer
 
 
 
 

Tex Rubinowitz

ist Zeichner, Autor und DJ. Er lebt und arbeitet in Wien.

2014 wurde er für seinen Text „Wir waren niemals hier“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

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