30.08.2015

Schienenverkehr


TRAVEL
Text — Thomas Glavinic



 

Meine zweite Freundin lernte ich im Zug kennen, im Speisewagen zwischen Wien und Graz. Ich setzte mich zu ihr, weil nichts anderes frei war, und der Rest ergab sich. Kurz darauf verständigten wir uns darauf, zusammen zu sein, das geschah ebenfalls im Zug, aber diesmal zwischen Wien und Linz, wo sie zu tun hatte. Zwei Wochen darauf waren wir noch immer zusammen und hatten noch immer nichts miteinander gehabt. An mir lag es nicht.

Heute verstehe ich jeden, der fragt: Zusammen, aber das noch nicht gemacht? Wie gibt es das? Frage ich mich jetzt ebenfalls, denn es prüfe, wer sich bindet, gerade in diesem essentiellen Lebensbereich. Damals herrschten wohl romantischere Zeiten, oder ich war blöd, jedenfalls waren wir bereits zusammen, noch ehe ich wusste, dass es zwischen uns noch zu Unstimmigkeiten kommen würde, zumal Rita meinte, einmal in drei Wochen sei völlig normal, und nicht sie habe ein Problem, sondern die restliche Welt, die das anders sähe. Ich war weit davon entfernt, ihr das zu glauben, aber wenn man verliebt ist, will man keine Hindernisse zur Kenntnis nehmen. Ich akzeptierte also ein paar Wochen nächtliches Händchenhalten als Limit. Nach einem Monat fuhren wir zu Freunden nach Graz, natürlich im Speisewagen, mit Erinnerungen an jene glückliche Fügung, die mich an Ritas Tisch geführt hatte. Bei diesen Freunden würde es klappen, davon war ich überzeugt. Dort wurde meist viel getrunken, und wann macht man so etwas, wenn nicht betrunken, das würde auch die lustskeptische Rita überzeugen. Der erste Abend ließ sich ganz gut an. Sie trank und tanzte. Sie tanzte gut. Ich kann Tanzen ja nicht ausstehen, aber um schlechte Laune zu vermeiden, tanzte ich mit ihr. Ich glaube, sie war die Einzige im Raum, die nicht gelacht hat. Sie lachte sowieso selten. Obwohl sie Humor hatte, absolut, er war nur anders als meiner. Und als der der anderen. Im Nachhinein gab ich der Bowle die Schuld. Bowle ist süß, und wenn man nichts verträgt, und Rita vertrug nicht viel, wird einem schlecht. Gerade wenn man herumhüpft. Den ganzen Abend lang tanzen und Bowle in sich hineinkippen äußerte sich bei ihr auf furchtbare, jeden Gedanken an etwas anderes verdrängende Weise. Tags darauf saß sie missmutig und blass herum und ließ sich von unseren Freunden mit Magentee und Zwieback versorgen. Ich muss sagen: Wir hatten aufrichtig Mitleid. So etwas kennt ja jeder. Die anderen hatten allerdings mehr Mitleid als ich. Ich wartete auf den Abend, auf eine Besserung ihres Zustands. Als sich der nicht und nicht einstellen wollte, überredete ich sie zu dem, was in Österreich Reparaturseidel und in Deutschland Konterbier genannt wird, weil ich wusste, dass ein solches zum einen wirklich hilft und zum anderen die Laune hebt. Es klappte. Rita war zwar nicht dazu zu bewegen, mit mir noch vor dem Clubbesuch im Schlafzimmer zu verschwinden, aber ich rechnete mir Chancen für hinterher aus. Sie war wirklich gut drauf. Waren wir alle. Unsere Freunde machten es dann in der Clubtoilette. Offenbar ist das ein Initiationsritus junger Erwachsener, von solchen Erfahrung erzählt einem fast jeder. Ich kann nichts dergleichen berichten und bin nicht traurig darüber. An jenem Tag war ich es schon, denn mir wäre lieber gewesen, Rita hätte sich mit mir in die Clubtoilette verzogen, als müde zu werden und schlafen zu gehen. In entsprechender Stimmung traten wir die Heimfahrt an. Der Zug von Graz nach Wien fährt seit eh und je zwei Stunden sechsunddreißig Minuten, und meistens ist er leer, oder er war es zumindest damals. Was mir sehr recht war, weil ich mit Menschen nicht gut kann, speziell mit denen nicht, die ein Zugabteil mit ihrem Wohnzimmer verwechseln und ungeniert ihre Schuhe ausziehen und ihre Füße auf die Sitze legen. Aber gut. Wir alle machen Fehler. Auch ich, aber dazu komme ich erst. Fahrt über den Semmering Von Graz nach Bruck verläuft die Fahrt ohne Überraschungen. Zwischen Bruck und Mürzzuschlag rückt Rita mir näher. Sie gebrauchte oft die mir gerade im konkreten Zusammenhang mit unserem Problem unlieben Worte Streicheln und Kuscheln, und zunächst denke ich, bei ihren Annäherungsversuchen handle es sich um diese irgendwann enervierende, weil unbefriedigende Form des körperlichen Austauschs. Hinter Mürzzuschlag fällt bei mir der Groschen, und ich schiebe die sechs Sitze zu einem romantischen Bett zusammen. Und wenn jemand kommt? fragt Rita, doch sie wirkt nicht, als würde sie sich davon abhalten lassen. Zur Sicherheit ziehe ich die Tür zu. Der Zugbegleiter, der damals noch Schaffner hieß, ist gerade erst durchgegangen, also erwarte ich aus dieser Richtung keine Störung. Du musst aufpassen , erklärt sie mir. Ich verhüte nach der Temperaturmethode. Keine Ahnung, was das ist. Ich habe gerade meine gefährlichen Tage. Aha. Na gut. Wir passen auf. Ich werde aufpassen. Endlich. Das erste Mal mit der neuen Freundin. Was will man da? Das Neue genießen. Das Neue kennenlernen. Sich auf allen Ebenen austauschen. Sich Zeit lassen. Und aufpassen. Gut aufpassen. Man strebt ja keine frühe Elternschaft an. Alles wird gut, denke ich. Alles ist gut. Bis der Semmering zeigt, wozu er fähig ist. Wir liegen quer, ich auf ihr, in den Kurven schiebt mich der Zug vor und zurück, und damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Das ist heimtückisch. Das ist zu viel. Ich habe selten so viel Hysterie und Freude in ein und derselben Sekunde erlebt. Wirklich passiert. Danach waren wir bald nicht mehr zusammen. Ich denke trotzdem gern an Rita zurück. Wie das umgekehrt ist keine Ahnung.
 
 
 
 

Thomas Glavinic
wurde 1972 in Graz geboren. 1998 erschien sein Debüt Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Es folgten u.a.  Die Arbeit der Nacht (2006),  Das bin doch ich (2007), Das Leben der Wünsche  (2009) und Das größere Wunder (2013). Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.
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