23.08.2015

Endstation Sehnsucht - Hohenems


TRAVEL
Text — Christof Habres



Sie wirkt fast wie ein Fremdkörper in der Stadt. Die hypermoderne, silberfarbene Straßenbahn schlängelt sich vom Westen in den Osten, durch oft sehr enge Viertel der tausende Jahre alten Metropole. Seit fast vier Jahren verbindet die Bahn die Stadtteile Jerusalems vom Mount Herzl im Westen, weiter durch die Yaffa-Street an der Altstadt vorbei bis in den Nordosten nach »Heil Ha-Avir«. Sie durchquert sowohl die jüdischen als auch die arabischen Viertel und stellt damit eine er wenigen aktiven Verbindungslinien zwischen den Völkern dar.

Eine Fahrt mit der Tram spiegelt für kurze Zeit die Utopie des friedlichen Zusammenlebens wieder: Zwischen den einzelnen Stationen drängen sich säkulare und orthodoxe Juden, muslimische Araber, christliche Priester und Pilger, und Touristen aus allen Ländern auf engstem Raum zusammen, reisen kurze Zeit gemeinsam. Friedlich, wenn auch unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. Bis zur nächsten Haltestelle. Oder bis zur Endstation Sehnsucht. Ankunft am Bahnhof von Hohenems. Von dort zahlt es sich aus, zu Fuß ins Stadtzentrum, zum Jüdischen Museum der Stadt zu marschieren. Denn auch in dieser kleinen Stadt in Vorarlberg ist es Besuchern möglich, alte jüdische Geschichte quasi hautnah zu mitzuverfolgen: Hohenems war über Jahrhunderte seit dem Jahr 1617 Heimat einer geachteten, verhältnismäßig großen jüdischen Gemeinde. Bis Abwanderung, Vertreibung und die Verbrechen der Nationalsozialisten die Gemeinde vollkommen zerstörten. Geblieben sind Erinnerungen wie einzigartige Gebäudeensembles im jüdischen Viertel. Auf dem Weg ins Zentrum kommt man bei Villen jüdischer Familien vorbei (wie etwa das Haus der Familie Elkan in der Schweizer Straße), bei der Mikwe, dem rituellen Bad, oder bei der ehemaligen Synagoge, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs unter anderem als Garage für die Feuerwehr missbraucht wurde. In den letzten Jahren wurde die Synagoge aufwendig renoviert und nennt sich nun Salomon-Sulzer-Saal nach dem bekannten Kantor Salomon Sulzer, der aus Hohenems stammte. Hier finden nun Konzerte, Lesungen und Buchpräsentationen statt. Der Besucher passiert das Haus Kitzinger von Herz Jakob Kitzinger, das das erste Kaffeehaus in Vorarlberg gewesen ist, sowie das gegenüber liegende israelitische Armenhaus und die ehemalige Bäckerei und das Gasthaus »Zur Frohen Aussicht« der Familie Landauer. An der Nummer fünf in der Schweizer Straße findet man die Villa Heimann-Rosenthal: Das 1864 errichtete Gebäude beherbergt seit 1991 das Jüdische Museum Hohenems. Seit dem Jahr 2004 leitet der Frankfurter Literatur- und Medienwissenschafter Hanno Loewy das Museum. Es ist ihm seit Beginn seiner Amtszeit gelungen, mit sehr gut konzeptionierten und spannenden Ausstellungen, die selbstverständlich auch internationale Inhalte zum Thema hatten, regelmäßig bei ausländischen Medien und Besuchern Aufsehen zu erregen. Das Museum wurde in den letzten Jahren, neben seinen Ausstellungen und Präsentationen, zu einem Ort der Zusammenkunft in Vorarlberg, wo offen und teilweise auch kontrovers über Geschichte, Politik und Zukunftsperspektiven diskutiert werden kann.

Direktor Dr. Hanno Loewy (c) Dietmar Walser Direktor Dr. Hanno Loewy (c) Dietmar Walser

Es gibt in Vorarlberg keine aktive jüdische Gemeinde mehr, aber nichtsdestotrotz leben jüdische Familien im Ländle. Manche hat die Liebe hierher verschlagen, andere haben sich aufgrund eines Jobangebots für Vorarlberg entschieden. Für diese kleine Diaspora-Gemeinde sind die Eröffnungen des Museums eine sehr gute Möglichkeit, sich zu treffen und auszutauschen. Plötzlich vernimmt man neben Gesprächen, die im breiten Vorarlberger Dialekt geführt werden, einzelne Sätze in hebräischer Sprache. Ein Moment, der uns wieder nach Jerusalem zum Anfang der Geschichte bringt. Denn im Mai 2015 hat das Hohenemser Museum die neue Jahresausstellung eröffnet: Unter dem Titel »Endstation Sehnsucht« wird den Besuchern das Projekt der Straßenbahn durch Jerusalem näher gebracht. Die vom Historiker Hannes Sulzenbacher mit den beeindruckenden Fotografien der israelischen Künstlerin Galia Gur Zeev kuratierte Ausstellung vermittelt ungemein einprägsam, was hinter einem in fast jeder anderen Großstadt alltäglichen Projekt Bau einer Straßenbahn stecken kann: die religiösen, politischen, geschichtlichen und sozialen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Palästinensern. Aber sie bringt auch die wunderschönen Seiten dieser magischen Stadt näher: wie den unglaublich lebendigen Markt Mahane Jehuda, der mit seinem vielfältigen Angebot an Früchten, Gemüse oder Kräutern in Staunen zu versetzten mag. Oder die Yaffa-Street, die mit ihren Flagship-Stores, Cafés und Straßenmusikanten an europäische Boulevards erinnert. Oder die arabischen Händler beim Damaskus-Tor der Altstadt. Diese Momente und Orte hat Galia Gur Zeev gefühlvoll festgehalten und sie werden bei allen noch offenen Fragen und Diskussionen zu einem Schimmer der Hoffnung.

Markt Mahane Jehuda(c) Galia Gur Zeev Markt Mahane Jehuda(c) Galia Gur Zeev

  Ein Schimmer, der oft im Kleinen zu leuchten beginnt: Wie wenn man etwa durch das Damaskus-Tor in die Altstadt Jerusalems spaziert und bald einmal zum Österreichischen Hospiz gelangt. Seit Jahrhunderten eine Unterkunft für Pilger. Aber abseits davon ein Ort der Ruhe in der hektischen Altstadt. Ein Zentrum der Begegnung das dortige Wiener Kaffeehaus!!! , wo Juden, Christen, Muslime und Atheisten bei Melange und Apfelstrudel friedlich miteinander diskutieren. Genau wie im tausende Kilometer weit entfernten Café des Jüdischen Museum Hohenems, wo sich nach der Besichtigung der Ausstellung »Endstation Sehnsucht« ebenfalls interessierte, tiefgreifende Diskussionen über ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben stattfinden.
 
 
 
 

Christof Habres
geboren 1967 in Wien. Studium der Handelswissenschaft, Kommunikations- und Politikwissenschaft. Lebt und arbeitet als freier Journalist, Autor und Kunsthändler in Wien. Zuletzt erschienen: Das „Wiener Barbuch“ (Premium Edition im Wiener Metro Verlag, 192 Seiten, € 19,90)
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