16.08.2015

Nächste Haltestelle Golling-Abtenau


TRAVEL
Text — Franziska Lipp



Sieben Jahre gehörte die Bahnstrecke Golling-Abtenau Salzburg Hauptbahnhof zu meinem Leben: Fünf Schul- und zwei Studienjahre lang war der Zug meine Fahrkarte in die große, weite Welt. Weg von zuhause, raus aus dem Dorf und rein in die Stadt. Heute schmunzle ich darüber. Wer zwanzig Jahre in der Stadt Salzburg lebt, weiß: Sie ist nichts anderes als ein etwas größeres Dorf.

Wie oft habe ich als Teenager überlegt, auf dem Weg nach Hause einfach im Zug sitzen zu bleiben und nicht auszusteigen: Weiter durch den Tunnel in Richtung Innergebirg und nach Süden zu fahren. Der verlockendste aller Züge war jener mit der Tafel München Zagreb . Die Destination beflügelte meine Fantasie: Ein Zug mit einem über 400 Kilometer weit entferntem Ziel am Balkan. Aber auch ein Zug, der direkt in den damals tobenden Krieg führte. Inzwischen kenne ich auch Zagreb: Sitzen bleiben lohnt sich. Heute ist die Strecke von Salzburg nach Golling-Abtenau scheinbar geschrumpft: Man fährt nun auch mit der S-Bahn dorthin. Alle halbe Stunde. Davon haben wir früher geträumt: Wobei zumindest ich jede Minute benötigte, um die noch fehlenden Matheaufgaben abzuschreiben. An der verwackelten Schrift hat man später erkannt, dass sie nicht am Schreibtisch verfasst worden sind. Die Strecke mit ihren Bahnhöfen kenne ich schier auswendig: Von der Stadt Salzburg geht s in Richtung Süden nach Elsbethen mit dem schönen Schloss Goldenstein, das heute eine Privatschule ist. Schon Michael Haydn hat hier musiziert und Romy Schneider ging in Elsbethen zur Schule. Weiter geht s über Puch und Oberalm nach Hallein: die schöne Bezirkshauptstadt des Tennengaus in klassischer Inn-Salzach-Architektur mit Keltenmuseum, Pernerinsel und den Salzwelten am Dürrnberg. Weiter über Bad Vigaun und Kuchl nach Golling. Der Bahnhof Golling-Abtenau ist aber nicht nur eine kleine S-Bahn-Haltestelle: Ohne umzusteigen schafft man es im Intercity sogar bis nach Wien. Das ist schon was. Eine so vertraute Strecke erneut zu fahren, versetzt einen zwangsläufig in die Vergangenheit: Man erinnert sich an den Streit mit der besten Freundin, den Flirt mit dem Austauschschüler, die Müdigkeit nach einem langen Schultag. Die Zugfahrt hat immer auch eine Distanz geschaffen: Zwischen dem, was war den Pflichten, Aufgaben und Herausforderungen und dem Leben zuhause. Für alle, die sich nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance sehnen, empfehle ich, den Arbeitsweg auf Schienen zurückzulegen. Nach einer Bahnfahrt ist man ein anderer Mensch als davor. Mich zumindest verwandeln (langsame) Zugfahrten: Im Rhythmus der vorüberziehenden Landschaft, den Geräuschen und Bewegungen geraten meine Gedanken ebenfalls in Bewegung. Ein einfaches und völlig legitimes Hausmittelchen gegen kreative Blockaden. Ideal ist eine Strecke, bei der man durch viel Grün bummelt . Eine meiner Lieblingsstrecken ist jene von Salzburg über Laufen und Tüssling nach Mühldorf am Inn, das lange Zeit eine Salzburger Enklave im bayerischen Herzogtum war. Das aber nur als kleiner Tipp am Rande. Jede Zugfahrt in den Luftkurort Golling ist für mich auch eine Reise in einen Ort, der sich in den letzten zwanzig Jahren stetig verändert hat. Vielleicht hat es aber auch mit dem Alter zu tun, dass ich die schönen Häuserfassaden heute intensiver wahrnehme als früher. Die Burg, die Kirche, das gesamte Ortsbild es ist einerseits fremd und dennoch vertraut. Der Pass Lueg mit den gigantischen Salzachöfen die man inzwischen per Flying-Fox durchqueren kann spielt auch im Jubiläumsjahr 2016 eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Landesausstellung im Salzburg Museum Bischof. Kaiser. Jedermann. 200 Jahre Salzburg bei Österreich ist er Teil der Sonderausstellung Am Schauplatz : 1809 kämpften Salzburger Schützen hier gegen bayerische und französische Truppen. An seinem Fuße aufzuwachsen, hatte zur Folge, dass Wörter wie Franzosenkrieg oder Schützenstellungen zu meinen Kindheitserinnerungen gehörten. Die Geschichte ist an manchen Orten lebendiger als man denken möchte.

Marktstrasse Golling (c) TVB Golling Marktstrasse Golling (c) TVB Golling



Burg Golling (c) TVB Golling Burg Golling (c) TVB Golling

 

Bluntautal (c) TVB Golling Bluntautal (c) TVB Golling

Heute bummle ich durch das schmucke Golling als Fremde: Ein paar Leute kenne ich noch vom Sehen. Namen hab ich längst vergessen. Umgekehrt ist es in meinem eigenen Dorf Salzburg so, dass ich nicht durch die Straßen gehen kann, ohne nach links und rechts zu grüßen. So ändern sich die Zeiten. Ist Heimat also dort, wo man auf der Straße erkannt wird? Oder dort, wo man das Schulgebäude am Geruch erkennt? Oder ist Heimat einfach der Ort, an dem eine Reise beginnt und für den man schon im Vorhinein ein Rückfahrticket gelöst hat. Wo immer diese Reise auch hinführen mag: In die Nähe oder in die Ferne. In die Vergangenheit oder in die Zukunft. Nach Hause zu kommen, ist und bleibt das Vergnügen. Ein Happy End , das sich niemals abnutzt. Weitere Reisetipps aus dem Salzburger Land finden Sie in Franziska Lipp´s Buch Beste Aussichten im Salzburger Land Von den hohen Tauern bis ins Salzkammergut 192 S. / 14 x 21 cm / Paperback, Juni 2014,  14,99 Verlag Gmeiner ISBN 978-3-8392-1553-1
 
 
 
 

Franziska Lipp
lebt als freie Journalistin, Autorin und Texterin in der Stadt Salzburg. 2014 erschien ihr Buch „Beste Aussichten im Salzburger Land – 66 Lieblingsplätze und 11 Almhütten“, in dem sie ihre liebsten Ausflugsziele in ihrer Heimat verrät. Weitere Bücher von ihr: „Köstliches von der Müllerin“ und „Imker werden“ (Servus Verlag).
Weitere Stories

SERVICE
Digitale Reiseplanung
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Zugstars
 
TRAVEL
Warum man nicht nur eine Stadt lieben kann
 
SERVICE
Eisenbahn einfach erklärt