28.06.2018

Rossmann on tour #4: Der Bäck, der See und die Zukunft


Autor — Eva Rossmann



Es gab eine Zeit, da war Pörtschach ein verschlafenes Dörfchen. Nichts von Fete Blanche und Tennisturnieren und Big Party. Dann kamen die Sommerfrischler. Und als Pörtschach 1864 Station der neuen Südbahn von Wien nach Italien wurde, kamen noch mehr von ihnen.

 

Auch Kaiser Franz Josef und Gustav Mahler und Johannes Brahms waren dabei. Soll man wohin fahren, wo sozusagen ALLE sind? Ich gebe zu, ich habe viele Jahre einen Bogen um die schicken Kärntner Urlaubsorte gemacht. Dann kam es anders. Und ich komme seither immer wieder. Auch gerne in der Jahreszeit, wo der Wörthersee auch heute noch still und geheimnisvoll da liegt. Meist mit der Bahn. Das ist einfach bequemer. Und weil es in diesem Blog ja um Lokale nah beim Bahnhof geht: So viel Auswahl hat man selten. Zumindest während der Saison. Ich habe mich für das Kaffeehaus Wienerroither entschieden. Es hat auch in den verschlafenen Monaten geöffnet und das bereits seit achtzig Jahren. Sie haben mich verlockt. Bisweilen jogge ich ein Stück den See entlang und nehme dann die Straße hinauf Richtung Bahnhof, dort duftet es in der Früh himmlisch nach Croissants und anderem frischen Gebäck. Höchste Zeit, endlich einmal, am Nachmittag und unverschwitzt, hineinzuschauen.



Die Bäckerei Wienerroither



Ein Genuss: Das Brot vom Wienerroither  (c) Eva Rossmann


Das da nicht bloß möglichst viele Touristen abgespeist werden sollen, merkt man sofort. Hierher kommen auch die Einheimischen, um sich Kaffee und etwas von den hausgemachten Kuchen und Torten oder aber die berühmten Frühstücksvarianten zu gönnen. Die gibt’s übrigens den ganzen Tag über. Und zusätzlich noch pikante Kleinigkeiten. Da ich eher zum Salzigen als zum Süßen tendiere, bestelle ich mir ein warmes Lachs-Chiapatta. Ernest, mein Mann und Begleiter auch in den guten Zeiten des Lebens, nimmt Kasnudeln. Noch schnell ein Abzweiger auf die Toilette. Allein die ist einen Besuch wert. Dass man hier eintaucht in hundertfünfzig Jahre Bade- und Seegeschichte ist in diesem Fall vielleicht ein etwas schräges Bild, aber durchaus passend.



Damen im Bad (c) Eva Rossmann



Wasserski dazumals (c) Eva Rossmann

Inzwischen sind unsere Gerichte gekommen. Gäbe es Verdienstmedaillien für den Verzehr von hundert einschlägigen Gerichten, Ernest hätte mehrere Kasnudelabzeichen. Die vom Wienerroither finden seine volle Begeisterung. Auch ich darf kosten: Hausgemacht von der Norischen Nudelwerkstatt, der Teig nicht zu dick, die Butter darüber elegant, die Fülle zart und mit dem richtigen Hauch Minze. Besser geht es nicht. Mein Lachs-Ciabatta ist übrigens auch sehr fein, vor allem das superknusprige und trotzdem ganz lockere Brot rundum. Und die Sauce. Natürlich auch hausgemacht.



Kasnudeln und Lachs-Ciabatta (c) Eva Rossmann

Da man ganz ohne Süßes vom Wienerroither doch nicht weggehen kann, bestelle ich noch ein Punschkrapferl. Ich weiß nicht, wer den alten Witz kennt: "Was ist außen rosa und innen braun?" Achtung, die Antwort ist politisch: "Die Kärntner SPÖ." Heute ist auch das tatsächlich ganz anders, heute hat Kärnten einen Kaiser. Und einen guten noch dazu. Aber in einigen vergangenen Jahrzehnten soll es schon gepasst haben.



Das ultimative Punschkrapferl vom Wienerroither (c) Eva Rossmann

Naja. Lieber zurück zum Punschkrapferl. Da bin nämlich ich Expertin. Und das vom Wienerroither ist ab heute mein Favorit. Nicht mehr dazu. Einfach kosten! Es spottet jeder Beschreibung. Oder der Blog wird zu lang.



Bahnhof Pörtschach mit Fassade aus Pörtschacher Mamor  (c) Eva Rossmann

Ich sollte ja auch noch erwähnen, dass die Bahnhofsfassade aus Pörtschacher Marmor ist. Tatsächlich, es gibt Marmor in Pörtschach. Es gibt aber nicht nur Stein (übrigens ist auch der Kranzelbinder sehr zu empfehlen - neben edlen Steinen findet man dort auch wunderhübsche Fossilien aus der Gegend) sondern auch Hightech gleich beim Bahnhof. Hier fährt ein elektrischen Minibus. Ohne Fahrer. Autonom. Wer will, kann in die Zukunft einsteigen.



Zukunft zum Mitfahren (c) Eva Rossmann

SURAAA steht auf dem entzückenden Ding (für mich als Elektroautofahrerin überhaupt ein Erlebnis). Der Name steht für "Smart Urban Region Austria Alps Adriatic" und bis zum 6. Juli läuft noch ein Gewinnspiel: Wer findet den endgültigen und passenden Namen für den schnurrenden und surrenden Prototyp künftiger Mobilität? Das Beste: Der kleine Bus bringt mich genau dort hin, wohin ich möchte. Dafür hat er allerdings nicht meine Hirnströme ausgelesen, es ist ein glücklicher Zufall.

Und der Umstand, dass auch das Parkhotel Pörtschach nicht allzu weit vom Bahnhof entfernt ist. Mit diesem Hotel und einem Aufenthalt bei Schneefall und Vorweihnachtsstimmung hat es zu tun, dass ich vor Jahren meine Vorurteile in den See geworfen und mich zur Freundin dieser Gegend entwickelt habe. Es gibt ja Leute, die finden den Blick aufs Parkhotel scheußlich, ein klarer hoher Bau, der an ein Schiff erinnert. Ich mag es auch von außen.



Parkhotel (c) Eva Rossmann

Und ich liebe es, dass hier das Flair der Hochblüte der Sommerfrische erhalten geblieben ist. Mit allem Komfort, versteht sich und Zimmern mit einzigartigem Blick über den See. Und einer Lobby, ja, auch mit Blick auf den See. Näher als im Palmen-Restaurant oder auf der Terrasse ist man dem Wasser nur selten. Nur falls es jemanden interessiert: Hier lese ich inzwischen jedes Jahr aus meinem aktuellen Roman und dazu gibt´s echt Gutes zu essen.

Für heute freilich nehme ich den Zukunftsbus zurück zum Bahnhof. Und erinnere mich an eine Geschichte, die mir hier, beim Zugfahren, passiert ist: Ich kam von einer Lesung, ich glaube aus Salzburg. Und wen treffe ich, als ich Richtung Ausstieg gehe?



Martin Walker und ich ... ganz nah bei Pörtschach (c) Eva Rossmann

Martin Walker, seit einem gemeinsamen Literaturwochenende in Innsbruck ein ganz besonders lieber Kollege und einer, der seine großen Lesetouren fast durchgehend per Bahn absolviert. Er müsse auch hier raus, sagt er, er lese heute in Klagenfurt. Gerade noch rechtzeitig konnte ich ihm klar machen, dass das da Pörtschach ist. "Dann komme ich ein anderes Mal", hat er gesagt. Wir bleiben auf der Reise.

 
 
 

Eva Rossmann

1962 in Graz geboren; lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, Journalistin, Autorin, Köchin, ORF-Moderatorin. Sachbücher, Drehbücher, Kochbuch „Mira kocht“, Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“.
In ihren Kriminalromanen rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner geht es um aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. 2017 erschien ihr Roman „PATRIOTEN“ (Folio) über Europa am Scheideweg zwischen Nationalismen und weltoffener Gemeinschaft.
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Österreichischer Buchliebling 2009. Großer Josef Krainer Preis für Literatur 2013. Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur der Stadt Wien 2014.

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