26.07.2015

Monte Rosa classic oder die Kunst des Träumens


TRAVEL
Text — Andreas Ermacora



Meinen Fernweh-Tipp für diesen Blog verdanke ich einem Abend in gemütlicher Runde. Ein lieber Freund berichtete von einer seiner Hochtouren, die ihn auf die höchste Hütte der Alpen geführt hat, den Refugio Margherita in der Schweiz. Dieser Abend ist jetzt Jahre her; doch die Geschichte lässt mich nicht mehr los. Oft denke ich über die Tour nach und mir gehen die Bilder, die unser Freund gezeigt hat, nicht mehr aus dem Kopf.

Die Monte Rosa classic ist eine abwechslungsreiche Tour in den Westalpen, die am Refugio Margherita vorbeiführt und im Volksmund zur Verwunderung vieler Spaghetti-Runde genannt wird. Eine Tour wie diese macht uns Alpinisten nicht nur aufgrund ihres Namens Appetit. Auch ich verbringe als leidenschaftlicher Bergsteiger meine freie Zeit so oft es geht in der Höhe, und da reizt einem der Gedanke, einmal Gast in der höchsten Hütte der Alpen zu sein. Die Spaghetti-Runde ist eine wunderschöne Hochtour im ewigen Eis. Die Route führt von Zermatt mit der Seilbahn auf das Kleine Matterhorn, von dort wandert man auf der italienischen Seite des Monte-Rosa-Gebirgsstocks bis zur Signalkuppe und dann über den Grenzgletscher zurück in Richtung Zermatt. Summa summarum ein Projekt, das irgendwann zu meinem eigenen werden sollte. Während der liebe Freund erzählte, verlor ich mich in Gedanken und ich stellte mir mein Abenteuer dort vor Da Zermatt autofrei ist, so denke ich mir, wird die Seilschaft beschließen, auch die Anreise so autofrei wie möglich zu gestalten. Also startet die Reise gemütlich per Bahn. Mit dem Railjet geht es nach Zürich, von dort über Bern und durch den Lötschbergtunnel nach Visp. Unser Freund hatte von der Schweizer Liebe zum Detail berichtet, die sich auch in den Regionalzügen zeigt: Da sei sogar auf den kleinen Tischchen zwischen den Vierersitzen im Wagon der Netzplan abgedruckt. Damit jedem klar ist, wann es an der Zeit ist, auszusteigen. Eine recht praktische Hilfe, zumal das Schwyzerdütsch des Schaffners immer wieder zur Herausforderung werden kann.

-Blick zur Campagna Margherita   die Hütte ist am linken Gipfel zu erkennen - Blick zur Campagna Margherita die Hütte ist am linken Gipfel zu erkennen

In Visp würde die bekannte Zug-Zahnradbahnkombination auf uns warten, um uns bis nach Zermatt zu bringen. Doch auf Empfehlung unseres Freundes wird bereis in Herbriggen Endstation sein. In diesem kleinen Weiler liegt das Hotel, von dem der Freund immer so geschwärmt hat. Es bietet sowohl Zimmer als auch Lagerplätze an, zudem ein tolles Drei-Gänge-Menü und vor allem herzliche Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen kann es sein, dass der Hotelchef den Gästen anbietet, sie persönlich die letzte Etappe mit dem Auto nach Zermatt zu bringen. Auf den letzten fünf Kilometern zum Dorf ist die Straße so schmal, dass die kleinen Ausweichbuchten bei Gegenverkehr geradezu ein Lichtblick sind. Sobald der Hauptbahnhof erreicht ist, geht es nur mehr zu Fuß oder mit einem kleinen Elektroautos weiter. Die Postkartenidylle der weltberühmten Bergsteigerstadt ist hier perfekt, Holzhäuser mit Blumenschmuck und überall die Schweizer Flagge. Ich bin schon gespannt, wie ein Dorf wirkt, das gänzlich autofrei ist. Mitten auf der Straße spazieren zu können, muss ein Genuss sein. Und den Fahrzeuglärm wird wohl kaum einer vermissen. Eine Seilbahn wird uns auf das Kleine Matterhorn und damit auf 3.800 Meter Seehöhe bringen. Der erste Abschnitt ist so gebaut, dass die Bahn direkt auf den berühmten Hörnligrat des Matterhorns zusteuert. Mitten in der gewaltigen Walliser Bergwelt darf dann während der nächsten vier Tage frische Luft geatmet werden. Die Bergsteiger erwarten Wind und Schneekristalle im Gesicht und hoffentlich gutes Wetter, welches jeden Tag Sonne und nur wenig Wolken bringt. Im Laufe der Tour werde ich endlich persönlich hinter das Geheimnis des Namens Spaghetti-Runde kommen. Dreimal eine Nächtigung auf einer italienischen Hütte, dreimal wird es als primo piatto ein Nudelgericht geben. Die Spaghetti, Fusilli und Farfalle schmecken den begeisterten Alpinisten zufolge jedes Mal so gut wie in einem Hauben-Restaurant, obwohl sie auf über 3.000 Metern zubereitet werden. Kaum zu glauben, aber ich kann s kaum erwarten, mich selbst davon überzeugen zu lassen. Der Begriff Spaghetti-Runde soll ein Qualitätsprädikat für die italienische Hochgebirgsküche sein, ganz zu schweigen von Cappuccino und Kuchen nach einem langen Tourentag. Für all das hat man angeblich viel Zeit, da die Uhren in den Westalpen anders ticken. Hier wird gerne früh aufgestanden (04:00 Uhr), damit am frühen Nachmittag auf der Hütte ausreichend Freizeit bleibt, um auf der Terrasse zu sitzen, die nächste Tour zu besprechen, das gute Essen und den Wein zu genießen und echte Entschleunigung zu spüren. Ich freue mich schon auf den Sternenhimmel, in Gedanken bin ich ja schon tausendmal dort gewesen. Angeblich wird man dort oben auch selten an die Hüttenruhe erinnert, denn es liegt ohnehin jeder Bergsteiger schon vor 22:00 Uhr im Bett. Gewarnt wurde ich lediglich vor etwaigem Schlafmangel. Denn ob der Schlaf immer gleich kommt, ist dort oben nicht so gewiss. Die große Höhe, der obligatorische Schnarcher in jedem Lager oder die teilweise sehr weichen oder sehr harten Lagerplätze sind für so manchen eine Herausforderung. Aber all das gehört schließlich zum Hüttenerlebnis dazu. Wie üblich muss hier jeder seine eigenen Strategien entwickeln, um zu Ruhe zu gelangen: Ohrstöpsel, leise Musik über Kopfhörer, ein Glaserl mehr beim Abendessen oder Schäfchen zählen - die Kunst des Schlafens will auch nach einem anstrengenden Tag am Berg gelernt sein. Während ich noch vom Panorama träumte, berichtete der Freund schon vom letzten Tag. Vom Abstieg auf die Zumsteinspitze. Ja, richtig gehört, hinab auf die Spitze. Es wird ja von der Signalkuppe gestartet, dann etwas hinabgestiegen ins Col und wieder hinauf zum Gipfel. Von dort geht es etwa 2.000 Höhenmeter hinab auf den Gletscher unterhalb der Monte Rosa Hütte und zum Schluss folgt noch ein letzter Anstieg zur Station Rotenboden. Ob ich auch mit vier Tagen voller Sonnenaufgängen, frischer Luft, absoluter Ruhe, Sternenhimmel und einer unglaublichen Aussicht gesegnet sein werde? Wenn die Zahnradbahn die müden Wanderer schließlich zurück ins Tal bringt, dann ziehen noch einmal die Gipfel der vergangenen Tour-Woche am Zugfenster vorbei. Angeblich sind sie alle zu sehen, vom Matterhorn bis zur Dufourspitze. Und ich weiß auch schon, was ich noch in Zermatt mache, falls Zeit bis zur Rückfahrt bleibt. Wer verlässt die Schweiz schon ohne Schokolade? Während also die Bergriesen links und rechts im Fenster vorbeiziehen, bleibt Zeit, das Abenteuer Revue passieren zu lassen. Das wird dann wohl der Moment sein, in dem ich wieder froh bin, dass ich mich nicht im Auto auf die Straße konzentrieren muss. Einfach zurücklehnen und zum Abschluss nochmals auf die Reise anstoßen. Von Visp aus schaukelt der Intercity nach Zürich und während der Zug mit ganz sanftem Schaukeln auf den Lötschbergtunnel zufährt, wache auch ich wieder aus meinem Tragtraum auf und bin rechtzeitig wieder aufmerksamer Zuhörer bei den Erzählungen des Freundes. Bald, sehr bald, werde ich von dieser Reise erzählen... Karte
 
 
 
 

Andreas Ermacora
ist ehrenamtlicher Präsident des Österreichischen Alpenvereins und seit über 20 Jahren im Führungsgremium des ÖAV tätig. Die Liebe zu den Bergen liegt ihm im Blut. Er ist begeisterter Skitourengeher und Wanderer. Auch in seinem Beruf als Rechtsanwalt in Innsbruck beschäftigen ihn die alpinen Themen regelmäßig.
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