12.07.2015

Auf der anderen Seite des Hallstättersees


TRAVEL
Text — Anna Weidenholzer



Obersee, fragt manchmal der Schaffner und schaut eine Weile länger auf die Fahrkarte. Obersee, wiederhole ich dann und sehe vor mir, was bald kommt: Den Sarstein, der über dem Bahnhof in die Höhe ragt, den Bahnsteig, die Wartebank, das Fenster, das den Blick auf das Zimmer frei gibt, in dem bis vor dreizehn Jahren noch täglich ein Mann seinen Dienst versah, den Tisch und den Sessel darin. Ich sehe das Bieretikett, das jemand auf den Balken klebte, halb abgekratzt, bis ein Zug einfuhr, bis ein Telefon läutete, jemand laut lachte, die Geduld abbrach, bis jemand sagte: Hör auf damit - was weiß ich. Das Gleis sehe ich und die Tür, durch die man den Bahnhof verlässt.

Seit kurzem ist sie mit einem Piktogramm als Ausgang markiert, die einzige Tür, die nach draußen führt, die alte Holztür mit dem niedrigen Griff, die den Blick auf den Hallstättersee freigibt, der dem Bahnhof zu Füßen liegt wie ein Fjord. Obersee, tippe ich manchmal in Wien oder Linz in den Fahrkartenautomaten, Obersee oder Obersee Bhf schlägt er vor, und ich wundere mich jedes Mal, dass ein so kleiner Bahnhof, der vielmehr eine Haltestelle ist, zwei Einträge hat. Wo auch immer ich einsteige, die Reise beginnt beim Umsteigen in die Salzkammergutbahn. Der Zug fährt nicht mehr auf dem hintersten Gleis ab, der Bahnhof Attnang-Puchheim ist neu geworden, er sieht nicht mehr wie Attnang-Puchheim aus, er könnte jeder beliebige Bahnhof in Österreich sein.   Wankham, Aurachkirchen, Pinsdorf, jene Züge, die in Obersee stehen bleiben, halten an jeder Station. Viel Zeit, um aus dem Fenster zu schauen: Bahnhofsaufseher, die den Zug begrüßen, Wartebänke, der Traunsee, die Saline Ebensee, Gärten, eine Katzentreppe, die in den ersten Stock eines Hauses führt, es geht langsam voran und doch schnell. Je näher der Hallstättersee rückt, desto leerer werden die Waggons, die wenigen Fahrgäste sind junge Reisende aus China, die nach Hallstatt möchten, wo es auch gut ist, aber meine Herzgegend beginnt eine Station früher. Vielleicht ist Obersee der verlassenste Bahnhof Österreichs, denke ich, wenn sich die Zugtür öffnet, und der schönste noch dazu. Hallo, schnuppern das Pferd und die Ziegen, während ich an ihnen vorbei über die Wiese zur Straße gehe, die eher ein asphaltierter Weg als eine Straße ist, an manchen Tagen sind auch die Hennen da.

Bahnhof Obersee - (c) Anna Weidenholzer Bahnhof Obersee - (c) Anna Weidenholzer

Wir bauten Berge aus Pappmaché. Wie eine Spielzeugeisenbahn fährt der Zug zwischen Sarstein und See weiter in die Steiermark. Obersee, hier gibt es: Den Hallstättersee, den Ostuferwanderweg, ein paar Bänke, ein paar Häuser, einen Briefkasten, die Schiffsanlegestelle, den Seeraunzn-Wirt mit der Sonnenterrasse und dem Blick auf Hallstatt. Über Hallstatt gäbe es viel zu schreiben, wie es dort drüben auf der anderen Seite des Sees liegt und viel Besuch bekommt. In Obersee passiert wenig, und genau das ist das Gute hier zwischen den Bergen, die sich wie ein schützender Kranz um den See legen. Überhaupt, die Berge, sie sind mindestens genauso wichtig wie der See, manche Einheimische sitzen lieber dem Wasser abgewandt, hinter dem Haus schauen sie die Bergwände hoch.

Abendstimmung am Hallstättersee (c) Anna Weidenholzer Abendstimmung am Hallstättersee (c) Anna Weidenholzer

In den Morgenstunden ist der See ein Spiegel, an manchen Nachmittagen wird er zum Fluss. Der Ostuferwanderweg führt am Ufer entlang, wo die Hochlandrinder an heißen Tagen im Wasser baden und vor kurzem ein Baum zum südlichsten Apfelbaum Bad Goiserns gekürt wurde. Nach fünfundvierzig Minuten Gehzeit taucht die Bahnstation Hallstatt mitten im Nirgendwo auf, keine Straße führt hierher, Fahrgäste, die nach Hallstatt möchten, werden mit dem Schiff dorthin gebracht. Und hinter dem Gleis immer noch der Sarstein, der über alles wacht und an eine der schönsten Wanderungen erinnert: Vom Pötschenpass über die Sarsteinalm zum Gipfel, den Sarsteinrücken entlang, immer den Dachstein im Blick, hinunter nach Obertraun, zurück am Wasser, hinein in den See.

Blick über den Hallstättersee (c) Anna Weisenholzer Blick über den Hallstättersee (c) Anna Weisenholzer

 
 
 
 

Anna Weidenholzer
wurde in Linz geboren und lebt heute als Schriftstellerin in Wien. Mit ihrem Debütroman „Der Winter tut den Fischen gut“ war sie in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2013 nominiert.
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