26.04.2018

Der Weg als Ziel. Mit dem Zug nach Marokko


TRAVEL
Text — Maria Kapeller



Fred hat müde Augen. Kein Wunder, schon den ganzen Tag ist er auf den Beinen. Steht in einem kleinen Kiosk und verkauft Kaffee und Baguettes. Stets freundlich, allzeit ein Lächeln für die Kundschaft. Freds Job ist überschaubar. Trotzdem verliert er den Boden unter den Füßen, sobald er seinen Arbeitsplatz betritt: einen Speisewagen im Hochgeschwindigkeitszug TGV, der mit mehr als 300 Stundenkilometern zwischen Frankreich und Deutschland pendelt. Fred hat heute schon die Strecke Paris - Frankfurt/Main zurückgelegt. Bevor er Feierabend machen kann, steht noch die Fahrt nach Marseille auf dem Dienstplan.

Wie in Trance



Bistomitarbeiter Fred (c) Maria Kapeller

Fred ist die erste Person, mit der ich seit einer halben Ewigkeit wieder ein Wort wechsle. Denn ich bin wie in Trance, in meiner eigenen Welt. Vor einer Stunde habe ich aus dem Fenster geblickt. Vor zehn Stunden tat ich dasselbe. In den neun Stunden dazwischen ebenfalls. Marseille, das ist nicht nur Freds Ziel, sondern auch meines. Die südfranzösische Hafenstadt ist die erste Zwischenstation auf meinem Weg per Zug, Bus und Schiff von Österreich nach Marokko. Rund 3.000 Kilometer sind es von Linz nach Tanger, der nördlichsten Stadt Marokkos. Die optimale Zugstrecke führt über Paris und Madrid. Keine 30 Stunden Fahrzeit bis zum Fährhafen in Algeciras. Ich habe mir günstige Tickets zusammengestückelt, meine Route sieht daher etwas anders aus: von Linz über Frankfurt/M. nach Marseille und weiter über Madrid nach Granada und Málaga in Südspanien, Umstieg auf die Fähre in Tarifa. Und, eine Stunde später, voilá: Afrika!

 

Unendlich viel Zeit im Gepäck



Lesestoff für die Bahnfahrt (c) Maria Kapeller

Fliegen ist oft mit Stress und Hektik verbunden. Vor Antritt eines solchen Zugabenteuers machen sich Vorfreude, Leichtigkeit und das erhabene Gefühl, unendlich viel Zeit wortwörtlich im Gepäck zu haben, breit. Es reicht, zehn Minuten vor Abfahrt am Bahnsteig zu sein. Man kann alles mitbringen, was einem lieb ist, hat genügend Platz und vertritt sich die Beine, wenn es doch zu eng wird. Man braucht kein Bord-TV wie im Flugzeug, der Blick aus dem Fenster reicht. Dieses umrahmt die vorbeiziehende Landschaft wie ein Fernseher. Draußen herrscht winterliche Kälte, drinnen Geborgenheit. Ein Zugabteil, das ist wie ein kleines, warmes Häuschen. Man ist ganz mit sich allein und trotzdem umgeben von einem beruhigenden Stimmengewirr. Man ist mitten im Abenteuer und fühlt sich gleichzeitig bestens aufgehoben.

 

Fast wie Meditieren



Hafenstadt Marseille (c) Maria Kapeller

Irgendwo auf der Strecke verliere ich meine Gedanken, neue kommen hinzu. Langes Zugfahren fühlt sich fast ein bisschen wie Meditieren an. Der Körper gewöhnt sich an den monotonen Klang der Schienen, an das sanfte Vibrieren des Tisches. Das Herz schlägt langsamer, die Gedanken hören auf, wie wild zu rattern, sie fühlen sich jetzt mehr an wie sanfte Eingebungen. Nach 14 Stunden, kurz vor 22 Uhr, fährt der Zug in Marseille ein. Duschen, schlafen. Den nächsten Tag verbringe ich in Marseille, schlendere durch die Stadt, genieße den Blick von der Kathedrale Notre-Dame de la Garde über das Meer und das mediterrane Flair.

 

Die Seele auf Wanderschaft



Mit dem Zug durch die Provence (c) Maria Kapeller

Die Stadt ist noch in das tiefe Schwarzblau des Morgens getaucht, als der Zug Marseille in Richtung Madrid verlässt. Er fährt vorbei an mit Graffiti besprühten Wänden, nimmt rasch Fahrt auf und saust durch Landschaften aus Kalkfelsen und Gebüsch. Mit der Morgensonne im Rücken geht es durch die Provence: Obstplantagen und Gemüsefelder, helle, beige Dörfer, dazwischen Orangenbäume, Olivenhaine und der Blick aufs Meer. Verheißungsvolle Zeichen dafür, dass die Reise stets weiter südwärts geht. So wie der Zug die unterschiedlichen Landschaften durchstreift, begibt sich auch die Seele auf Wanderschaft.

 

Bahnhöfe als Tore in Miniaturwelten



Von Marseille nach Madrid (c) Maria Kapeller

Europa langsam zu erkunden, sich von einem Land zum anderen zu hangeln, das macht einem bewusst, dass die Einzigartigkeit unseres Kontinents in seiner Vielfalt und den unvergleichlichen Charakterzügen jeder einzelnen Nation liegt. Jeder noch so kleine Bahnhof entlang der Strecke scheint das Tor zu einer Art Miniaturwelt zu sein: Ein Dorf, eine Ortschaft, eine Kleinstadt, in der das Leben seinen gewohnten Gang nimmt. Mal erspäht man durch die Bahnhofshalle hindurch einen Marktplatz, mal ein Straßencafé. Menschen, die ihren Alltag leben. Der Reisende ist nur Passant, ihm ist der Zutritt verwehrt.

 

Fahrt durch Spanien



Bahnhof Madrid (c) Maria Kapeller

Wieder ziehen Dörfer vorbei, aber sie sehen anders aus. Die Umgebung lässt erkennen: Der Zug hat Frankreich verlassen, wir sind in Spanien. Auch mit geschlossenen Augen würde man erraten, in welchem Land man sich befindet: Im Abteil ist es merklich lauter, lebendiger geworden, es wird telefoniert und durcheinander geredet. Kurzer Stopp in Girona, dann in der Weltstadt Barcelona. Bei Saragossa überholt der Zug die auf der Autobahn fahrenden Autos. Unter der Schnellstraße: eine Schafweide, Gemüsefelder, Industrie. Es folgen mit Pinien bewachsene Hügel, Tunnels, Berge und Meerblicke. Und dann: Ankunft in Madrid. Der kuppelförmige Bahnhof Atocha ist straff organisiert, fast wie ein Flughafen. Aussteigen, warten, umsteigen und Weiterfahrt nach Granada.

 

Tarifa, südlicher Zipfel Spaniens



Blick zurück nach Spanien (c) Maria Kapeller

Nach mehreren Tagen in Granada und Málaga nehme ich den Bus nach Tarifa. Das windumtoste Kitesurfer-Paradies liegt am südlichsten Zipfel Spaniens und gibt den Blick auf Nordafrika frei. Auf dem Weg dorthin tut sich der Felsen von Gibraltar auf, der britischen Enklave in Südspanien. Auch in Tarifa mache ich ein paar Tage Halt - notgedrungen. Wind und Wellengang sind zu stark, die Fähre fährt erst am Freitag wieder. Durch das Altstadttor aus dem 13. Jahrhundert zu schreiten, fühlt sich beinahe an, als wäre ich bereits in Marokko. Die Medina wurde einst von den Arabern gebaut, der von ihnen beherrschte Teil der Iberischen Halbinsel trug damals den Namen al-Andalus. Enge, mit Kopfstein gepflasterte Gassen, weiß getünchte Häuschen und geflieste Böden sind typische architektonische Merkmale aus dieser Zeit.

 

Eine Reise geht zu Ende, eine neue beginnt



Überfahrt nach Marokko (Maria Kapeller)

Irgendwann ist es soweit, die Überfahrt steht an. Die Fähre legt ab, ein Kontinent wird verlassen, ein neuer angesteuert. 14 Kilometer schmal ist die Stelle zwischen Tarifa und Tanger, der berüchtigten marokkanischen Hafenstadt. Eine Stunde lang gleitet das Schiff über das Meer, der Seegang ist ruhig, trotzdem ist es oben an Deck schwer, das Gleichgewicht zu bewahren. Eine Reise geht zu Ende, eine neue beginnt. Der Wind wirkt als Vermittler zwischen den Welten. Er zerzaust das Haar, verweht die Gedanken an das, was hinter einem liegt, und weht die Zukunft herbei. Gleich hinter dem Hafen liegt die Medina von Tanger, dunkle, steile Gassen, Männer in Djellabas, bodenlangen Umhängen mit Kapuze, Berge von Orangen, Minztee, Marktschreier und der Ruf des Muezzins. Ankunft in der Fremde. Tanger ist gleichzeitig modern, hell und freundlich, überall wird gehämmert und gebaut. Auch der Bahnhof wird gerade grundlegend neu gestaltet. Ich steige in den Zug nach Asilah, einer kleinen Künstlerstadt am Meer, und verabschiede mich gedanklich endgültig von Europa.

 



Einfahrt in den Hafen von Tanger (c) Maria Kapeller

 

Reisetipps

Die schnellste Zugstrecke von Österreich nach Marokko führt über Paris und Madrid nach Algeciras, wo die meisten Fähren nach Tanger (Marokko) ablegen. Wer auf Sparangebote zugreifen möchte, muss andere Routen und längere Fahrzeiten in Kauf nehmen. Generell beträgt die reine Fahrtzeit insgesamt rund 30 Stunden. Günstiger, aber zeitaufwendiger ist es, zwischendurch auf den Bus umzusteigen. Generell sollte die Anreise genau vorgeplant werden, auch die Tickets sollten vorab online gekauft werden. Bei genügend Zeit lohnt es sich, Übernachtungen (mindestens zwei Nächte pro Stadt) oder längere Zwischenaufenthalte einzuplanen.

Die Fähren von Spanien nach Marokko legen in Algeciras und Tarifa ab. Sie kosten rund 40 Euro/Person. Es gibt eine marokkanische und eine europäische Fährgesellschaft. Die Überfahrt dauert eine Stunde. In Tanger nimmt man sich am besten ein Taxi zum Busbahnhof oder Bahnhof. Von da aus gibt es gute Zugverbindungen nach Casablanca, Rabat, Fes, Marrakesch usw.

 

 

 
 
 

Maria Kapeller
Reist am liebsten mit einem Stapel Zeitschriften im Rucksack durch die Welt. Bei langen Zugfahrten darf die Schlafmaske nie fehlen. Wenn die erstmal abgenommen ist, stürzt sich die Texterin und Journalistin voller Elan in jedes neue Abenteuer. Sie schreibt nicht nur für diverse Medien, sondern mit viel Leiden-schaft auch auf ihrem eigenen Blog kofferpacken.at.
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