05.07.2015

Von Zuhause in die Heimat. Graz.


TRAVEL
Text — Klemens Lendl



Schon wenn ich in Wien einsteige, freue ich mich auf den Augenblick, wenn sich in der ersten Steilkurve die vorderen Waggons des Zuges in mein Blickfeld schieben. Dann stellt sich dieses Gefühl ein, das mir sagt: Es geht nach Hause. In die Stadt, in der ich nicht geboren bin, in der ich nie gelebt habe, die ich nicht einmal besonders gut kenne und die ich dennoch als meine Heimat empfinde: Graz.

Mein Großvater hatte es mir als erster gezeigt. Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Damals konnte man die Zugfenster noch öffnen. Wenn auch das Rausstrecken der Arme streng verboten war, die Nase und die Fingerspitzen konnte man in den kühlen Wind halten. Fasziniert beobachtete ich, wie sich der Vorderteil unseres Zuges wie eine Raupe den Berg hinauf schlängelte. Wechselte die Kurvenrichtung, wechselte ich die Wagenseite, egal, ob die Sitzplätze dort belegt waren, oder nicht. Den Zug beobachten, in dem man selbst drinsitzt: Damals war das für mich absurd und unbegreiflich. Ich weiß nicht, wie oft ich mit meinem Großvater über den Semmering gefahren bin, nicht oft, vielleicht sogar nur dieses eine Mal. Aber ich kann mich noch genau an sein Gesicht erinnern, an seine Begeisterung, die mindestens so groß war wie die meine. Ich bin in Wien geboren, in Klosterneuburg aufgewachsen. Graz ist so etwas wie das geographische Mittel meiner Herkunft. Väterlicherseits entstamme ich einer Urwiener Familie - der eine Urgroßvater Lohnschlächter in St. Marx, der andere K.u.K.-Offizier. Meine Mutter kommt aus dem kleinen weststeirischen Ort St. Martin im Sulmtal, am ehesten bekannt für seine Sulmtaler Hendln und den legendären Karpfenwirt. Die Wiener Großeltern waren nach dem Krieg in die Steiermark emigriert, hatten in späteren Jahren in Graz ihre neue Heimat gefunden. Damit war das Ziel unserer Familienurlaube fixiert: Zu Ostern, Weihnachten und in den Sommerferien ging es Jahr für Jahr in die Steiermark. In Graz erwarteten mich coole Onkel mit noch cooleren Plattensammlungen, Stadtspaziergänge mit dem Großvater, meine ebenso strenge wie liebevolle Großmutter und ausreichend Langeweile, um große Pläne zu schmieden und mich an Orte zu denken, die ich mir zuhause nie erdacht hätte. Meistens traten wir die Reise in unserem roten Volvo an. Ein Panzer von einem Auto, in dem meine Eltern, vier Kinder, unser Gepäck und manchmal auch noch Geigen und das Cello meiner Schwester Platz finden mussten. Der Zug war die Ausnahme, sozusagen die Exklusivreise. Wenn ich nur mit einem Eltern- oder Großelternteil und später dann ganz alleine die Bahnreise antrat, dann gab es viel Platz, Zeit und Geschichten, die nur für mich bestimmt waren. Dieses Gefühl ist mir bis heute geblieben: Zugreisen empfinde ich als Luxus.

Uhrturm in Graz © Österreich Werbung, Fotograf: Diejun Uhrturm in Graz © Österreich Werbung, Fotograf: Diejun

Mittlerweile bin nur noch selten in Graz, wenn doch, dann suche ich die Plätze meiner Kindheit auf: Schlossberg, Uhrturm, Kasematten, Zeughaus, Herrengasse. Den Koch am Hauptplatz, mein Spielzeugparadies, gibt es nicht mehr, genau so wie das Plattengeschäft Meki, in dem ich als Jugendlicher unzählige Stunden verbracht habe. Der Kastner & Öhler ist im neuen Schnösel-Outfit nicht wieder zu erkennen. Dafür finde ich neue Lieblingsplätze wie den Stadtpark oder das Viertel rund um den Lendplatz; wunderbare Festivals wie Diagonale, Jazzsommer, La Strada und der Steirische Herbst locken mich immer wieder in die Stadt an der Mur.

Lendplatz in Graz (c) Ulrike Rauch Lendplatz in Graz (c) Ulrike Rauch

Ich merke mir keine Zahlen und Namen, kann mich nicht an die tatsächliche Dauer von wesentlichen Zeitspannen in meinem Leben erinnern, kann Ereignisse nicht einzelnen Jahren zuordnen. Ich habe ein Hirn wie ein Nudelsieb. Mein Gedächtnis sitzt in meinem Bauch, in meinem Herzen, in meinen Gefühlen. Man sagt ja, Gefühle kommen hoch. Sie steigen aus dem tiefsten Inneren bis ins Hirn und dann tauchen auch die Erinnerungen auf - an Menschen, Situationen, Gespräche, Gerüche, Töne, Erlebnisse, Blicke. Heimatgefühle? Die tauchen bei mir immer nur in Graz auf. Nein, ein bissl früher schon: am Semmering.
 
 
 
 

Klemens Lendl
ist Musiker und gemeinsam mit David Müller das  Wienerlied-Duo „Die Strottern“. Für ihre grandiose Neudefinition des Wienerlieds wurden sie u.a. mit dem Deutschen Weltmusikpreis RUTH und  dem AMADEUS Austrian Music Award ausgezeichnet.  
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