14.06.2015

Mit der Mühlkreisbahn hinaus in die weite Welt


TRAVEL
Text — Johanna Rachinger



Das Wort Eisenbahn ist seit meiner Kindheit vor allem geprägt von einer kleinen Strecke, die meinen Heimatbezirk Rohrbach im Mühlviertel mit der großen weiten Welt verbindet: der Mühlkreisbahn.

Seit der Eröffnung der Strecke Linz Urfahr Aigen-Schlägl im Jahr 1888 sind das Obere Mühlviertel und die Mühlkreisbahn untrennbar miteinander verbunden. War die Lokalbahn früher essentiell für den Güter- und Personenverkehr, so macht ihr heute ein gut ausgebautes Straßennetz Konkurrenz. Doch die 58 km lange Strecke besticht nach wie vor mit Lokalbahn-Romantik: Landschaftlich reizvolle Streckenabschnitte führen durch ein Umland mit hohem Erholungswert. Vorbei etwa an der massiven Ruine Pürnstein oder einem besonders steilen Streckenabschnitt am so genannten Saurüsselgraben . Überhaupt ist die Landschaft einen Besuch wert: Granit und Gneis, ausgedehnte, stille Wälder, unterbrochen von weitläufigen Tälern, grünen Wiesen, Obstplantagen und Feldern. Dazwischen durchziehen zahlreiche Gewässer und Bachläufe die Landschaft, wuchtig in klammartigen Schluchten wie im Pesenbachtal, oder beschaulich in der ruhigen Ebene der Donau. Auch die beiden Flussläufe der Großen und der Kleinen Mühl, namensgebend für das Mühlviertel, münden in die Donau. Die Landschaft hat auch Dichter inspiriert, allen voran Adalbert Stifter. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren des Biedermeiers und ist untrennbar mit dem Böhmerwald verbunden, spielen doch die meisten seiner Erzählungen in dieser Gegend. Die landschaftliche Schönheit, die Rauheit und die Stille, haben den Meister der Naturdarstellungen inspiriert. Die Mühlkreisbahn endet beim Tor zum Böhmerwald so wird Aigen, letzte Station der Lokalbahn, genannt, dazu gehört das Böhmerwaldkloster , das Prämonstratenser Chorherren Stift Schlägl. Zu den Schätzen zählt die im 19. Jahrhundert eingerichtete, neobarocke Stiftsbibliothek mit rund 60.000 Bänden.

Krpta im Stift Schlägl Krpta im Stift Schlägl

Neben geistiger Nahrung wird aber auch für das leibliche Wohl gesorgt: Das Schlägler Klosterbier ist weit über die Region hinaus bekannt und wird nach wie vor mit großer Sorgfalt gebraut. Mindestens ebenso prägend für die Gegend ist allerdings der Most, der an zahlreichen Orten angeboten wird, besitzen doch viele Höfe eigene Presshäuser.

Stiftsbrauerei Schlägl (c) Erwin Wimmer Stiftsbrauerei Schlägl (c) Erwin Wimmer

Der direkte Anschluss der Mühlkreisbahn an das überregionale Schienennetz und damit an das In- und Ausland war nicht immer gegeben: Zunächst als Insellösung ohne Anschluss an das übrige Eisenbahnnetz konzipiert, war sie dennoch Lebensader für den Güter- und Personenverkehr, denn das Pendeln zur Arbeitsstätte gehört für die Bevölkerung des Mühlviertels damals wie heute zum Alltag. Für mich war die Mühlkreisbahn das Tor zur weiten Welt, denn meine Maturareise begann mit der Mühlkreisbahn. Anders als heute führte unser Weg nicht zum nächsten Flughafen, sondern zum Bahnsteig nach Rohrbach. Nach fast zwei Tagen hatten wir unser Ziel Athen schließlich erreicht. Noch heute nutze ich hin und wieder die Mühlkreisbahn. Es ist eine nostalgische Fahrt, die einlädt, die Landschaft mit offenen Augen zu betrachten.
 
 
 
 

Johanna Rachinger
ist Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. In der aktuellen Ausstellung zum 150-jährigen Bestehen der Ringstraße "Wien wird Weltstadt. Die Ringstraße und ihre Zeit",  vermitteln die zahlreichen Bestände der Nationalbibliothek ein authentisches Bild vom damaligen Lebensgefühl.
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