27.08.2017

Bernina Express: Gletschereis trifft Cappuccino-Feeling


TRAVEL
Text — Gerhard Liebenberger



Von den schneebedeckten Bergen der Schweiz zur mediterranen Leichtigkeit Italiens. So lässt sich die Reise mit dem Bernina Express in Kurzform beschreiben. Im Herbst sind Frost, Schnee und Sonnenschein die Reisebegleiter. Über Nacht kann sich die Landschaft im Hochgebirge aber schnell verändern.

Das Schienenband windet sich in engen Kurven durch den Wald. Die tief stehende Sonne bringt die letzten, bunten Blätter auf den Bäumen zum schimmern. Das Engadin und Pontresina liegen schon zehn Kilometer zurück, auf über 2.000 Metern Seehöhe erreicht der Bernina Express die Baumgrenze. „Voriges Jahr hatten wir hier im November über einen Meter Schnee“ erzählt der Zugbegleiter und blickt auf die grünen Wiesen hinaus. In diesem Jahr ist es Mitte November ungewöhnlich warm, auch am höchsten Punkt der Bahnstrecke liegen nur Schneereste. Stattdessen scheint die Sonne und der blaue Himmel strahlt mit den Gletschern um die Wette. Eine Herbstreise mit dem Bernina Express ist eine Reise mit Überraschungen. Heute ist das Wetter noch trocken, am nächsten Tag kann hier die ganze Landschaft schon weiß „angezuckert“ oder tief verschneit sein.

Ausgangspunkt vieler Reisenden: Die Stadt Chur in der Schweiz (c) Gerhard Liebenberger

Der Bernina Express verbindet als höchste Alpenquerung auf Schienen den Norden Europas mit dem Süden. Chur im Kanton Graubünden ist für viele der Startpunkt dieser Bahnreise, die auf 122 Kilometern durch 55 Tunnels und über 196 Brücken bis ins italienische Tirano führt. Ein Teil der Reise führt entlang der Albulabahn, die auch vom berühmten Glacier Express befahren wird. Am  Landwasser-Viadukt überwindet die Strecke eine Schlucht und führt geradewegs auf einen Tunnel in einer Felswand zu. Das spektakuläre Bild ist auf viele Schweizer Reiseprospekte zu sehen. 2008 nahm die UNESCO die Bernina- und Albulabahn in die Liste des Weltkulturerbes auf, die beiden Bahnstrecken sind Meisterleistungen der Ingenieurskunst.

Ein kleiner Snack auf der vierstündigen Fahrt (c) Gerhard Liebenberger

Der Bernina Express hat das Hochplateau erreicht. Hier haben die Seilbahnen Bahnanschluss und führen weiter hinauf zur Bernina Diavolezza und Piz Lagalb ins ewige Eis. Im Winter sind die Züge oft die einzige, zuverlässige Verbindung durch das tief verschneite Gebiet. Schneeschleudern bahnen sich in der Nacht den Weg durch die meterhohen Schneewehen und bereiten den Weg für den ersten, regulären Zug. Jetzt, bei Sonnenschein, wirken die Galerien etwas überdimensioniert und nutzlos. Aber wenn der Schneesturm tobt halten sie den Bahnverkehr aufrecht. An den großen Fenstern im Panoramawagen ziehen Almen, Felswände und Seen vorbei. Fotoapparate klicken und Smartphones an Selfie-Stangen fiepen. Der Zug fährt am Ufer des Lej Nair und Lago Bianco entlang. Dort, wo das rätoromanische „Lej“ zum italienischen „Lago“ wird ist die Wasserscheide zwischen Donau und Po.

Vorbei an Seen und angezuckerten Bergspitzen (c) Gerhard Liebenberger

„Ospizio Bernina“ ist der höchste Bahnhof der Bernina Strecke, 2.253 Meter über dem Meer. Wenig später passiert der Zug ein graues Steinhaus. „Alp Grüm“ ist der letzte Halt in der deutschsprachigen Schweiz. Von Hotel und Restaurant beeindruckt der Blick Richtung Süden ins Puschlav Tal, aber auch auf Palü-Gletscher und Lago Palü.

Alp-Grüm ist der letzte Halt in der deutschsprachigen Schweiz (c) Gerhard Liebenberger

Im engen Bogen beginnt der steile Abstieg der Bernina Bahn. Die Meterspurstrecke überwindet Neigungen von bis zu 70 ‰ ohne Zahnstange, also nur auf herkömmlichen Eisenbahnrädern. In weniger als 40 Minuten überwindet der Zug über 1.000 Höhenmeter. Der Zug fährt durch Tunnels, mit quietschenden Rädern durch Schleifen und über Brücken ins Tal nach Poschiavo. Bald ist wieder die Baumgrenze erreicht und die ersten Orte sind zu sehen. Mit jeder Minute wird es wärmer. Schafe grasen kurz vor Poschiavo, hier ist das Gras noch richtig saftig-grün. Hier ist das Klima um einiges milder als im Norden. Die Ortsnamen und die Bauweise mancher Gebäude machen klar: Italien ist nicht mehr weit.

Poschiavo (c) Gerhard Liebenberger

Dann kommt das Wahrzeichen der Bernina Bahn in Sicht: Der Kreisviadukt in Brusio. Um den großen Höhenunterschied zu überwinden fährt der Zug hier, sinnbildlich gesprochen, einmal im Kreis. Kurz nach dem letzten Bahnhof in der Schweiz, Campocologno, ist auch schon Tirano zu sehen. Wie bei einer Sightseeing-Tour fährt der Zug quer über die Piazza Basilica und an der Wallfahrtskirche “Madonna di Tirano” vorbei. Ein besonderer Anblick, den man kurz vor dem Ziel nicht versäumen sollte!

Das Wahrzeichen der Bernina Bahn: das Kreisviadukt in Brusio (c) Gerhard Liebenberger

 

Die Piazza Basilica in Tirano (c) Gerhard Liebenberger

Tirano ist die Endstation des Bernina Express und der Rhätischen Bahn. Im Café am Bahnhofsvorplatz serviert der Cameriere Espresso, die Gäste genießen die wärmende Herbstsonne. Mit rund vier Stunden Fahrzeit ist es nicht die schnellste, aber ganz bestimmt die beeindruckendste Möglichkeit, um von den Schweizer Gletschern ins mediterrane Italien zu reisen. In der Früh startet die Reise bei Raureif in den Bergen, zu Mittag genießen die Reisenden den Cappuccino unter der Sonne Italiens.
 
 
 
 

Gerhard Liebenberger
geb. 1978 in Bruck/Mur, ist Reisender aus Leidenschaft: Meist alleine mit Rucksack und bevorzugt mit der Eisenbahn. Über seine Reisen, die ihn u.a. durch Sibirien, China, Japan und Indien führten, berichtet er in seinem Blog andersreisen. Auf Leinwand begeistert aktuell die Multivisions-Show „Süd Indien – Ein Bahn-Reise-Abenteuer“.
Weitere Stories

MOBILITÄT
Das Bike aus Holz
 
ABENTEUER
Höhenrausch & Glücksgefühle
 
MOBILITÄT
Sicherheit
 
LIFESTYLE
Eisenbahnerwirt vom Feinsten