20.08.2017

Windviertel Weinviertel Nicht gerade eine Liebeserklärung. Oder doch?


TRAVEL
Text — Angelika Mandler-Saul



Es ist Trockenzeit im Weinviertel, dem „Windviertel“ Österreichs. In ganz Österreich herrschen unstete Wetterverhältnisse, Muren gehen ab und weitere Unwetter werden prognostiziert. In den täglichen Nachrichten heißt es regelmäßig: „Große Temperaturunterschiede in Österreich von 18 Grad im Westen bis zu 36 Grad im äußersten Osten und im Weinviertel.“

Das Weinviertel gilt als die trockenste Region Österreichs. Wer in Leopoldau oder Floridsdorf die Bahn gen Laa an der Thaya oder Mistelbach besteigt, dem fällt es sommers vielleicht nicht gleich auf, denn die Fahrt geht zunächst über üppige Getreide-, Sonnenblumen- und Kukuruzfelder, bis man ihn kurz vor Wolkersdorf erstmals sieht: Den Wein, der dem Viertel den ansprechenden Namen gibt. Aber Wasser, das gibt es hier nicht. Keinen Regen, keinen Fluss, kein Schotterteich - nur ein Bacherl mit Brückerl beim Marterl. Genauso gut könnte es hier aber auch „Windviertel“ heißen – so schön wie „Industrieviertel“ wäre dies allemal. Während das niederösterreichische Industrieviertel aber mit Flüssen und den „Wiener Alpen in N֓ aufwarten kann, gibt es im Weinviertel davon so gut wie nichts. Im Gegenteil: Eingefleischte Weinviertler, von denen die meisten auch nach 30 Jahren Ansässigkeit immer noch als „Zuagraste Wiener“ gelten sowie geplagte Hundebesitzer wissen: Hier gibt es grob gesagt nur zwei Jahreszeiten, nämlich „Staubknochentrocken“ oder „Gatschrutschschlammig“. Diese beiden Jahreszeiten werden nicht von ungefähr begleitet von höchst willkommenen Festen im Jahreskreis, die im Weinviertler Gedächtnis eingeprägt sind wie die hohen Feiertage.

Sommer soweit das Auge reicht (c) Angelika Mandler

Die „staubknochentrockene“ Jahreszeit beginnt meist Anfang April: Ein alter Osterbrauch, der im Weinviertel niemals aufgehört hat zu existieren und dem wegen der großen Beliebtheit bis in den Mai hinein gefrönt wird - ist das „In die Grean“ Gehen. Mit Kind und Kegel, Hund und Winzer wandert man gemeinsam durch die endlich wieder erwachenden Kellergassen und die Riedenwanderwege, um den Frühling zu begrüßen (oder zu suchen), ein Achterl zu trinken und schlussendlich bei einer deftigen Kellerjausen und einem Schichtsalat auf den „Frühling“ im Weinviertel anzustoßen. Danach treffen wir uns nochmals zum meist eisigkalten „Gmoari-Gehen“ oder zum „Emmaus-Gang“, aber dann:

Wenn der Mohn wieder blüht, dann wacht das Weinviertel auf.(c) Angelika Mandler

Bis Mitte Oktober dürfen wir uns von knöcheltiefen Schlammspaziergängen hintaus, dem ewigen Nordwind und schmutzbringenden Hundespaziergängen verabschieden. Das Weinviertel bringt endlich alles an Junghasenmeuten, Fasanen, Mäusekolonien, Zieseln und Rehrudeln hervor, was möglich ist. Dazu blüht der Raps üppig in einem atemberaubenden Gelb, blühenden Trockenrasen und den Mohn gibt es als Kontrapunkte dazu und wir alle beginnen wieder im Freien zu leben: Für die besagten Kellergassenfeste, die katholischen Feiertage mit den Umzügen, die Gartenfeste, die Vollmondparties, die Jahrmärkte zu den alten Lostagen und die Kirtage wie anno dazumals lohnt es sich. Eine Besonderheit hierorts ist der beliebte Kirtagsmontag: Am Montagabend nach dem Kirtagswochenende wird noch einmal kräftig aufgetanzt und angestoßen: Ab 18 Uhr ist der Tanzboden voll mit Dirndln, Lederhosen oder einfach im Arbeitsgewand. Wenns ums Tanzen geht, sind die Weinviertler direkt locker. Während der Musikpausen fassen einander wildfremde Menschen unter und bilden smalltalkend große Kreise auf der Tanzfläche, bis es wieder heißt: Polka-Time. Ab August, wenn die Getreidefelder abgedroschen, die Sonnenblumen verdorrt und der Kukuruz zum Stehlen ist, werden die Hundespaziergänge im hitzeflirrenden Weinviertel oft zur Qual: Aber da oder dort kann man bereits die erste rote, süße Weintraube stibitzen, das tröstet ein wenig über das staubige Dasein hinweg. Man tafelt bei Musikbegleitung feudal an langen Tafeln in den Kellergassen , unter Wehrkirchen oder auf Galgenbergen und kann sich kaum vorstellen, dass in einigen Wochen die zweite, die gatschignasse Jahreszeit beginnt, ja beginnen muss, denn das Viertel braucht Regen.

Im August in der flirrenden Hitze über die abgemähten Felder (c) Angelika Mandler

Noch aber haben die Heurigen im Juli und August Hochsaison, auch das ist ein Atout im Weinviertel. Jeder Weinviertler hat seinen persönlichen Geheimtipp - meiner ist ein Keller im Weingarten unter dem Nussbaum. Wenn ich in Stimmung bin, dazu ein verboten gutes Stück Speck mit Paprikarand und ein frisches Leberpastetenbrot. Dazu ein Achterl Rosé oder ein Weinviertel DAC. Doch auch der Rote Veltliner ist eine typische Sorte aus dem Weinviertel, wir haben eben auch noch unsere Geheimnisse. Die Lese beginnt immer früher, dann liegt der Geruch von Meische in der Luft, wenn man mit dem Hund geht – die Traktoren mit den Anhängern voller Trauben überholen uns und vom Haus aus sehen wir bei der meist unromantisch automatisierten Lese zu. Die Herbstfarben leuchten für ein paar Tage grellbunt, die gelben Kürbise liegen fotogen am Feld und der junge Wein in der Luft.

Herbst - Noch freut uns das Spazierengehen hintaus. (c) Angelika Mandler

Nicht mehr lange und die Traktoren überholen uns wieder, diesmal aber mit den wohlgelaunten Jägern hinten am Anhänger: 12 Uhr mittags ist es, die Sirenen schlagen an und die Waidmänner fahren zum Wirten, um auf ihre Jagdbeute anzustoßen – die wird wenig später nachgebracht, verkehrt aufgehängt werden die toten Rehe, Feldhasen und Fasane an uns vorbeikutschiert. Spazierengehen darf man dann am Wochenende auf den Feldern nicht mehr, große Schilder machen auf die Jagd aufmerksam – kein Hundebesitzer ist jetzt freiwillig hintaus unterwegs, wenn es kracht und ballert.

Wenn das Wittern wieder spannend wird. (c) Angelika Mandler

Manchmal passiert es dann, dass ich langsam beginne, mich auf die dunkle, feuchte Jahreszeit im Weinviertel zu freuen. Aber nur solange, bis ich patschnass, fluchend und rutschend im Schlamm feststecke, am anderen Leinenende einen ungestümen, wetterautarken Hund festhaltend, der mich durch den eisigen Wind auf den Hügel zum Marterl zerren will. Dreckige Schuhe und dreckige Pfoten gehören dann wieder monatelang zum Tagesablauf. Und der unsägliche Nebel zieht wieder ein.

Kein Mailüfterl, sondern ein eisig kalter Nordwind - Winter im Weinviertel.

Und weil wir kaum romantischen Schneefall zu verzeichnen haben, so verlegen wir sogar manche Weihnachtsmärkte unter die Erd´ in unsere unterirdischen Kellersysteme. Wer einmal einen Kellergassen-Advent mitgemacht hat, pfeift auf die riesigen Christkindlmärkte in der Stadt. Wer einmal bei Kerzenschein viele Stufen in die Weinviertler Unterwelt gestiegen ist, um dort Speckbrote zu verzehren und Glühwein zu trinken – der pfeift auf gepanschten Punsch am Rathausplatz. Die Blasmusik spielt dazu – wie das ganze Jahr über mit und ohne Anlass – man stoßt an, man wartet auf Weihnachten. Und danach wartet man, endlich wieder in die Grean gehen zu können und freut sich auf die Weinblüte, wenn das Weinviertel wieder grün wird. Und windig und trocken bleibt.

Frühling - Warten auf die Weinbluete (c) Angelika Mandler

 
 
 
 

Angelika Mandler-Saul
Als Reisebloggerin ist die begeisterte Weinviertlerin Angelika Mandler-Saul nicht nur in Österreich unterwegs. Auf ihrem Reiseblog WIEDERUNTERWEGS – Vom Weinviertel in die Welt – berichtet sie regelmäßig mit vielen Fotos von ihren Reisen, Kurztrips und Erlebnissen unterwegs – mit und ohne Hund. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Natur, Bewegung, Gesundheit und Kultur sowie Reisen unternehmungslustige Leute ab 40.
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