18.06.2017

Von Hamburg in die Berge: Unterwegs mit Christo Foerster


TRAVEL
Text — Christo Foerster



Wie es wohl wäre, wenn wir uns einfach irgendwo hin wünschen könnten? Augen zu, Abrakadabra, Augen auf, und zack sind wir da. Als Hamburger, der nicht nur das Meer, sondern auch die Berge liebt, habe ich mir das schon tausend Mal vorgestellt. Aber nur mit Gedankenkraft kommst du nirgendwo hin. Das predige ich in meinen Motivationsvorträgen und Büchern immer wieder.

Deshalb heißt das Mikroabenteuer-Projekt, das ich Anfang dieses Jahres ins Leben gerufen habe ja auch „Raus und machen“. „Kein Auto, kein Flugzeug” lautet eine der Spielregeln, die ich mir für dieses Projekt selbst auferlegt habe. Für einen Augen-zu-Augen-auf-Blitztrip in die Berge, gibt es also nur eine Möglichkeit: den Nachtzug. Zumindest war das der Begriff, der für mich dieses ratternde Relikt beschrieb, das in meinen Gedanken eine Zeit lebendig werden ließ, in der sich Zugfenster noch herunterschieben ließen, um Kusshände zu werfen oder mit Taschentüchern zu winken. Die Zeit, in der die Toilettennutzung während des Bahnhofaufenthaltes verboten war, weil die Klospülung nur als Klappe im Boden existierte. Und tatsächlich: Den Nachtzug von Hamburg in den Süden gibt es noch! Auch wenn er jetzt Nightjet heißt und nicht mehr der deutschen, sondern der österreichischen Bahn gehört.

Auf zum nächsten Abenteuer, ganz gemütlich im Liegewagen (c) Torsten Kollmer / S.O.Medien

Schon als ich das Ticket für die Fahrt von Hamburg nach Innsbruck buche, habe ich dieses Kribbeln im Bauch, das schon damals immer hochstieg, sobald meine Eltern „Reise, Reise!” riefen. Mein Plan: Sonntagabend Abfahrt in Hamburg-Altona, Montagfrüh Ankunft in Innsbruck. Weiter mit der S-Bahn nach Matrei am Brenner und von dort zu Fuß am Kloster Maria Waldrast vorbei, hoch auf die Serles, die mit ihren 2.717 Metern und dem dreistufigen Aufbau auch „Hochaltar von Tirol” genannt wird. Biwak auf dem Gipfel, dann Abstieg ins Tal, zurück Innsbruck und mit dem Nachtzug wieder nach Hause in den Norden. Und genau so läuft es – bis ich beim Aufstieg auf die Serles irgendwann feststelle: Hier liegt ja doch mehr Schnee als ich dachte. Und vor allem kommt ständig neuer dazu.

zu viel Schnee für den Aufstieg auf den Gipfel (c) Torsten Kollmer / S.O.Medien

Mit Stöcken kämpfe ich mich mühsam durch Schneefelder, deren Ende ich nicht einmal erahnen kann, weil die Sicht einfach zu schlecht ist. Als der Himmel einmal für 30 Sekunden aufreißt, kriege ich den Mund nicht mehr zu – das Bild des einsamen Steinbocks weit hinten auf einer exponierten Felswand ist einfach zu mystisch, um wahr zu sein. Kaum habe ich diesen Moment aufgesogen, ist vor mir wieder nur weißtrüber Nebel zu sehen. Und schemenhaft eine Felsscharte, nicht weit entfernt. Es sind noch 400 Höhenmeter bis zum Gipfel, aber ich weiß: Da gehst du heute nicht mehr hoch. Zu viel Schnee, zu wenig Sicht, zu gefährlich. Ich trampele den Schnee an der Felsscharte fest und richte mein Nachtlager ein. Hier steht zwar kein Gipfelkreuz, aber ich fühle mich trotzdem wie auf einer hochalpinen Expedition. Es gibt Couscous mit geräucherter Salami und Röstzwiebeln, das ich gar nicht so schnell essen kann wie es abkühlt. Ich habe schon fester geschlafen, aber immerhin hält der Winterschlafsack schön warm.

Am nächsten morgen ist die Wetterlage unverändert. Es gibt also nur eine Richtung für mich: runter. Runter ins Tal, weg vom Schnee und rein nach Innsbruck, wo am Nachmittag sogar die Sonne durchbricht. Es fühlt sich sonderbar an, mit dicken Wanderstiefeln, an denen noch Eisreste hängen, und Kletterrucksack samt Gamaschen, Stöcken und Co zwischen japanischen Touristen am Goldenen Dachl zu stehen. Aber jeder Trip in die Berge, ob Gipfel oder nicht, macht demütig und lässt uns die Dinge, die nach der Rückkehr auf uns warten, viel gelassener betrachten. Ich fühle mich ein bisschen so wie an dem Tag als ich nach der Geburt meiner Tochter durch die Straßen Hamburgs lief: Am liebsten hätte ich jedem einzelnen, der mir entgegenkam, zugerufen „Weißt du eigentlich, was ich gerade erlebt habe!” und wusste doch, dass genau das für keinen einzigen von ihnen auch nur den Hauch einer Relevanz hatte.

6kjbmAm zurück nach Innsbruck, schon unterhalb der Schneegrenze (c) Torsten Kollmer / S.O.Medien

Innsbruck ist großartig. Studenten-Vibe und Nostalgie, hippe Cafés, Handwerk und Holz. Und immer wieder der Geruch von Abenteuer. Die Berge als Wohnzimmer der Stadt. Ich lasse meinen Blick über den Inn und die beeindruckende Alpinkulisse streifen, hole mir in der Markthalle ein paar Äpfel und Bananen für die Fahrt, atme noch einmal tief ein – und steige wieder in den Nightliner. Endlich richtig schlafen. Augen zu, Augen auf, und ich bin zurück in Hamburg. Was für ein intensives Erlebnis. Ich überlege, ob es einen Grund gibt, so etwas nicht wieder zu tun. Mir fällt keiner ein.

Noch ein Spaziergang durch Innsbruck bevor es mit dem Zug wieder zurück in den Norden geht (c) Torsten Kollmer / S.O.Medien

 
 
 
 
 

Christo Foerster
Christo Foerster ist Motivationstrainer und Buchautor. Seine Bücher Neo Nature und Dein bestes Ich gelten als handfeste Inspirationsquellen. Mit seinem aktuellen Mikroabenteuer-Projekt Raus und machen lockt er Menschen auf der ganzen Welt aus ihrer Komfortzone.
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