22.03.2015

Slow Train to Simon´s Town


TRAVEL
Text — Kurt Palm



Seit dreißig Minuten versuche ich herauszufinden, weshalb der Zug nicht abfährt, aber außer mir scheint das niemanden zu interessieren. Selbst der Lokführer, den ich frage, zuckt nur mit den Schultern. Die meisten Fahrgäste haben es sich in der Zwischenzeit bequem gemacht und ihre Decken auf dem Boden ausgebreitet, wo sie entweder ihre Babies wickeln oder ein Picknick veranstalten.

Dass die Frauen die dreckigen Windeln auf den Bahnsteig werfen, überrascht mich nur kurz. Schließlich werfen ja auch die Kinder Cola-Flaschen und Eisverpackungen einfach auf den Boden. Da es im Waggon keine Mülleimer gibt, kann man ihnen das nicht übel nehmen. Während ich also darauf warte, dass der Zug endlich abfährt, lese ich zum wiederholten Mal die Werbungen auf den kopierten Zettel, mit denen die Waggonwände vollgekleistert sind: "Safe and quick Abortions". "Penis Enlargement Creams". "Vagina Liquid Cleaner". Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand aufgrund dieser Werbungen eine der angegebenen Telefonnummern anruft, aber wie heißt es so schön: Andere Länder, andere Sitten. Die mobilen Cola-, Chips,- und Eisverkäufer betreten im Minutentakt den Waggon und obwohl sie nur Junk verkaufen, machen sie ein gutes Geschäft. Eine junge Frau fragt mich, ob der Zug auch in Wynberg hält, ich deute auf den Plan über der Tür und nicke. Sie bedankt sich für die Auskunft und widmet sich wieder ihrem Handy. Gerade, als ich mir überlege, ob ich einen anderen Zug nehmen soll, ertönt aus dem Lautsprecher  eine Durchsage, die entweder in Englisch, isiXhosa oder isiZulu ist, die man aber ohnehin nicht versteht, weil man nur ein Krachen hört. Zu meiner großen Überraschung fährt der Zug doch noch ab. Die Verspätung beträgt exakt fünfzig Minuten. Nach drei Minuten bleibt der Zug in Woodstock stehen, wo eine Großfamilie einsteigt, die neben Unmengen an Taschen und Körben auch einen Sonnenschirm sowie einen selbst gebastelten Griller bei sich hat. Wie Zehntausende andere Kapstädter sind auch sie auf dem Weg ans Meer und werden den Tag auf den Stränden von Muizenberg, Kalk Bay oder Fish Hoek verbringen. Ich fahre nach Simon's Town, weil ich dort ein bisschen angeln möchte. Bis es soweit ist, dauert es aber noch 70 Minuten.

Aufgelassenes Wartehäuschen (c) Kurt Palm Aufgelassenes Wartehäuschen (c) Kurt Palm

In Rosebank steigt ein Prediger mit einer mobilen Lautsprecheranlage ein, der in fünfzehn Minuten das Alte Testament herunterrattert, ohne auch nur einmal Luft zu holen. In Wynberg verlässt er den Waggon wieder, was insofern günstig ist, als hier mindestens fünfzig Leute einsteigen. Ich glaube, dass das seine Lautsprecheranlage nicht überlebt hätte. Ab jetzt stehen die Menschen dicht gedrängt und ich hoffe inständig, dass mich niemand anhustet, der gerade aus einem Ebola-Gebiet zurückgekehrt ist. Aber niemand hustet mich an, dafür herrscht bald eine babylonische Sprachverwirrung, weil die Leute in Afrikaans, isiXhosa, Setswana oder Tshivenda versuchen, ein bisschen Ordnung in das Chaos zu bringen. Aber das Chaos wird durch die hereindrängenden Massen in jeder Station nur noch größer. Ich befinde mich in einem von sechs Waggons der zweiten Klasse und habe für die Strecke Kapstadt Simon's Town 10 Rand, also etwa 70 Cent, bezahlt. Zwei Waggons sind der ersten Klasse vorbehalten, die sich dadurch auszeichnet, dass es dort mehr Sitzplätze gibt. Von außen sehen die Waggons genauso desolat aus wie die der zweiten Klasse. Dass in der ersten Klasse fast nur Weiße und in der zweiten Klasse fast nur Schwarze sitzen, ist 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid eine traurige Tatsache. Ab Plumsted gehen die Türen nicht mehr zu, weil einige besonders mutige Burschen diese am Schließen hindern. Der Zug fährt trotzdem weiter und dass sie angesichts des Gedränges nicht  hinausfallen, grenzt an ein Wunder. Je näher wir dem Meer kommen, desto enger wird es, und schreiende Babies werden jetzt ebenso über den Köpfen balanciert wie Feuerholz, Sonnenschirme, Körbe, Taschen und ein Käfig mit zwei Hühnern. Ein Mann versucht, seinen Koffer auf eine der letzten verbliebenen Ablageflächen zu hieven, was ihm aber nicht gelingt, weil die Konstruktion herunterfällt. Eine Frau, die drei Kinder auf ihren Schoß gerettet hat, und gerade noch einem herabfallenden Teil ausweichen kann, kommentiert lakonisch: "Oh my God, the train is falling apart."

BeachHouses Muizenberg Beach - (c) Stefan Schaefer BeachHouses Muizenberg Beach - (c) Stefan Schaefer

In Muizenberg verlässt der Großteil der Reisenden den Zug. Es ist eine richtige Völkerwanderung, und am nächsten Tag lese ich in der Zeitung, dass sich heute alleine am Strand von Muizenberg 35.000 Menschen aufgehalten haben. Ab jetzt verläuft die Strecke am Meer entlang und man hat einen freien Blick auf die ebenfalls überfüllten Strände von Kalk Bay, Fish Hoek und Sunny Cove. Als ich endlich in Simon's Town ankomme, bin ich so erledigt, dass ich zunächst einmal eine Stärkung brauche und mir im Hafen bei Salty Sea Dog eine Portion Fish and Chips und ein Stoney kaufe. Stoney ist ein alkoholfreies Ginger Beer, das mit dem Slogan wirbt: "Stoney, the strongest drink for strong people." Nach dieser Fahrt also genau das Richtige für mich.

Fischvermessung und Robbe im Hafen von Simon´s Town (c) Kurt Palm Fischvermessung und Robbe im Hafen von Simon´s Town (c) Kurt Palm

  Beim Angeln ist mir der Fischgott sogar gnädig und ich fange einen Yellowtail Kingfish, den ich aber einem kleinen Jungen schenke, weil ich Angst habe, dass der Fisch während der Rückfahrt zerquetscht wird.   Fazit: Kapstadt hat seinen Besuchern einiges zu bieten. Man kann mit einer ultramodernen Seilbahn auf den Tafelberg fahren und von dort die spektakuläre Aussicht genießen. Man kann am Kap der Guten Hoffnung Paviane dabei beobachten, wie sie ahnungslosen Touristen ihre Jausenbrote klauen. Und wenn man Glück hat, kann man am Strand von Camps Bay sogar einen Hai-Alarm miterleben. Pech hat man allerdings, wenn man sich zu diesem Zeitpunkt gerade im Wasser befindet. Wer aber ein wirkliches Abenteuer erleben möchte, dem sei die oben beschriebene Zugfahrt von Kapstadt nach Simon's Town empfohlen, und zwar vorzugsweise in den Ferienmonaten Dezember und Jänner. Infos über Abfahrtszeiten unter www.capemetrorail.co.za
 
 
 
 

Kurt Palm
ist Autor und  Regisseur  und wurde 1955 am Rande des Kobernaußerwalds geboren. Seit ca. 1962 Tätigkeiten als Ministrant, Mittelstürmer, Autostopper und Nachtwächter. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik als Regisseur, Autor und Volksbildner unterwegs. Schreibt Bücher, dreht Filme und fängt Fische.
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