28.05.2017

Magisches Krakau!


TRAVEL
Text — Irene Hanappi



Magda steht auf der Bühne des „Piec Art”, über ihr wölbt sich die unverputzte Ziegeldecke eines typischen Kraukauer Jazzkellers. Schweinwerfer beleuchten ihr zartes Profil, ihre Hände, ihr Dekolleté und sie singt. Sie singt und ihre Stimme erzeugt eine Schwingung, eine Kraft, die leuchtet. Als der Applaus einsetzt, gleicht der Saal einem Lichtermeer.

Magisches Krakau! Der Slogan, mit dem die offiziell Stadt wirbt, ist kein Klischee. Von Krakau geht tatsächlich eine Magie aus – eine besondere Anziehungskraft. Wie kommt das, fragt man sich. Denn auch andere Städte haben einen historischen Stadtkern mit Kirchen aus allen Jahrhunderten und Stilrichtungen. Auch andere Städte pflegen ihre Traditionen und sind doch aufgeschlossen für das Moderne... Krakau aber ist magisch! Zygmunt , die Glocke, die 1520 in Anwesenheit des Königs und seines ganzen Hofstaates auf den Burghügel des Wawel gehievt wurde, hat alle Wirren der Zeit überstanden. Andere haben längst Sprünge bekommen oder sind überhaupt eingeschmolzen worden, sein Bronzekörper erklingt immer noch wie eh und je. Er wiegt etwa 11 Tonnen und der Klöppel allein ist 365 Kilogramm schwer. Zwölf ehrenamtliche Glöckner stehen in seinem Dienste. Weil hier Menschen am Werk sind, Künstler, die über musikalisches Gehör verfügen und über Gespür, klingt diese Glocke besonders schön. Wird der Ton zu laut, verringern die Glöckner sofort den Schwung. Das können Maschinen natürlich nicht. Instinktiv hat man Lust den Klöppel zu berühren. Tut man es mit der Linken, bedeutet das Glück in der Liebe. Streckt man die Rechte aus,  bringt das Reichtum und Überfluss. Leider erzählt die Fremdenführerin erst im Augenblick des Hingreifens von der Wunderkraft der Glocke. Hätte man es doch nur früher gewusst!

Die beeindruckende Glocke (c) Irene Hanappi Die beeindruckende Glocke (c) Irene Hanappi

Krakau liebt seine Geschichte und breitet sie vor den Besuchern aus wie ein wunderschönes Gemälde. Die Altstadt – mit dem Renaissancemarktplatz und den Tuchhallen im Zentrum – und dem Wawel , dem ehemaligen Königsschloss, bildet ein unversehrtes historisches Ganzes und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Verkaufsstand in den Tuchhallen am Hauptplatz (c) Irene Hanappi Verkaufsstand in den Tuchhallen am Hauptplatz (c) Irene Hanappi

Innerhalb des Grüngürtels Planty ist alles wie vor vielen hundert Jahren. Selbst der 2007 eröffnete Pavillon Wyspia?ski der Architekten Krzysztof Ingarden und Jacek Ewy fällt nicht aus dem Rahmen– ein modernes Gebäude, das durch seine Klinkerfassade mit den Ziegelmauern des Königsschlosses und den umliegenden Kirchen korrespondiert. Weil die Ziegel nicht in festem Verbund gemauert, sondern auf vertikal angeordnete Stahlstangen gesteckt worden sind, sind Zwischenräume entstanden, die  Ein- und Ausblicke gewähren.

Wyspiansky Pavillon am Allerheiligenplatz von Ingarden&Ewy Architekten mit transparenter Klinkerfassade (c) Irene Hanappi Wyspiansky Pavillon am Allerheiligenplatz von Ingarden&Ewy Architekten mit transparenter Klinkerfassade (c) Irene Hanappi

Auch wenn die Funktionen des Gebäudes heute sehr vielfältig und durchaus „irdisch” sind – Touristeninformation und Festivalbüro – erzeugen Stanis?aw Wyspia?ski’s Glasfenster eine spirituelle, sakrale Atmosphäre.

Pavillon Wyspianski, heute Infozentrum der Stadt Krakau und Festivalbüro (c) Irene Hanappi Pavillon Wyspianski, heute Infozentrum der Stadt Krakau und Festivalbüro (c) Irene Hanappi

Auf Künstler und Intellektuelle scheint die Stadt an der Weichsel seit jeher einen besonderen Reiz ausgeübt zu haben. Schon Kopernikus hat hier studiert. Sein 1543 entstandenes Manuskript „De revolutionibus orbium coelestium – Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper” ist in der Bibliothek der Jagiellonen-Universität aufbewahrt. Karol Wojtyla – der spätere Papst Johannes Paul II – inskribierte in Krakau polnische Philologie und stand auf der Bühne eines Studententheaters. Stanislaw Lem, der Science-fiction-Autor, beschäftigte sich als Forschungsassistent an der Uni mit Problemen der angewandten Psychologie. Oscarpreisträger Andrej Wajda inszenierte seine ersten Stücke am Teatr stary... Der in Paris geborene Roman Polansky kam Ende der 1930-er Jahre mit seinen Eltern nach Krakau. Das weitere Schicksal der Familie gleicht dem der 75 000 Juden der Stadt. Wie durch ein Wunder überlebte der Sechsjährige, weil er durch eine Maueröffnung aus dem Ghetto entfliehen konnte. Als man ihm das Drehbuch von Schindlers Liste zur Verfilmung anbot, lehnte er ab. Steven Spielberg drehte den Film 1993 auf Originalschauplätzen im Krakauer Stadtteil Kazimierz. Heute ein Touristenmagnet. In den Restaurants begleitet Klezmer Musik die Menüfolge aus gefillte Fisch, Gänseleberpaste und Bortschtsch (poln. Barszcz). Orientierungstafeln zeigen den Weg zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten: die Alte Synagoge, die Tempel Synagoge, der plac Nowy, der Friedhof Remuh... Jedes Jahr Anfang Juli bildet Kazimierz die historische Kulisse für das große Festival jüdischer Kultur. In der ulica Szeroka, der Hauptstraße, befand sich einst der Greißlerladen der Familie Rubinstein. Eine der sieben Töchter des Hauses brach 1902 von hier nach Australien auf, 12 Cremetiegel im Gepäck. Die Döschen enthielten eine von den Gebrüdern Lykusky gerührte Mixtur aus Kräutern, Mandelöl und Rinderfett. Sie wirkten Wunder auf den von Sonnenbrand geplagten Teint der Australierinnen und machten Helena reich. Auch das eine „Magic Story”! Dort, wo 1941-1943 das Ghetto errichtet wurde, liegt heute Podgórze, ein lange unspektakuläres Viertel, das nach und nach durch moderne Architektur aufgewertet wurde. Erster Blickfang nach Überqueren der Brücke Most Powsta?ców ?l?skich, ist die Cricoteka, ein Museumsneubau aus Glas und korrodiertem Stahl, der über ein altes E-Werk gestülpt wurde. Eine permanente Ausstellung gibt Einblick in die Arbeit von Tadeusz Kantor, dem 1990 verstorbenen Regisseur, Maler und Performancekünstler. Ein Raum dient der Präsentation moderner Kunst.

Die Fußgängerbrücke Ojca Bernatka (c) Polnisches Fremdenverkehrsamt Die Fußgängerbrücke Ojca Bernatka (c) Polnisches Fremdenverkehrsamt

Spaziert man ein Stück weiter am Weichselufer Richtung Nordosten, stößt man auf das MOCAK, das neue Museum für zeitgenössische Kunst. Dass es auf dem Gelände der früheren Fabrik von Oskar Schindler errichtet wurde, erzeugt einen Spannungsbogen zwischen Gegenwart und Geschichte, zwischen Kunst und Krieg. Die Dauerausstellung skizziert die Figur des deutschen Unternehmers und das  Schicksal der von ihm geretteten Krakauer Juden.

MOCAK - Museum für Gegenwartskunst (c) Polnisches Fremdenverkehrsamt MOCAK - Museum für Gegenwartskunst (c) Polnisches Fremdenverkehrsamt

Für das, was dann folgte – die Ära der kommunistischen Alleinherrschaft – stand lange Zeit das Hotel Forum, etwas weiter flußaufwärts am Weichselufer. Ein Monster aus der Sowjetzeit! Minimale Eingriffe haben genügt, um daraus eine der angesagtesten Locations der Stadt zu machen: das Forum Przestrzenie. An der ehemaligen Rezeption werden jetzt Smoothies und Burgers serviert, in der warmen Jahreszeit inszeniert die Riverside Bar mit Liegestühlen und Strandkörben Beach-Life à la Ibiza oder Tel Aviv.

Die ehemalige Hotelrezeption, heute Bar des Forum Przestrzenie (c) polnisches Fremdenverkehrsamt Die ehemalige Hotelrezeption, heute Bar des Forum Przestrzenie (c) polnisches Fremdenverkehrsamt



Stadtstrand beim Forum Prestrzenie (c) Polnisches Fremdenverkehrsamt Stadtstrand beim Forum Prestrzenie (c) Polnisches Fremdenverkehrsamt

Auch die Kellerbar „Klub 89” mit ihren halbkreisförmigen Séparés sieht immer noch aus wie ein osteuropäischer Striptease Club. Nur dass hier statt Geschäftsmännern aus dem „Westen” internationale DJs heute den Ton angeben
 
 
 
 

Irene Hanappi
ist Reisejournalistin. Sie schreibt für „Die Presse“, „Der Feinschmecker“, „Der Standard“ uva. Sie hat Reiseführer zu Pressburg, Brünn, Prag und Linz (alle im Falter Verlag) verfasst.
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