15.03.2015

Gar nicht alt aussehen in Altaussee


TRAVEL
Text — Franzobel



Würde man Österreich ausschneiden und dann den Schwerpunkt suchen, man käme unweigerlich auf Altaussee. Der kleine Ort im Salzkammergut ist so etwas wie das heimliche Zentrum Österreichs, der Bauchnabel. Für mich ist er mittlerweile einer der schönsten Plätze überhaupt, aber das war keineswegs immer so...

Meine Zuneigung zu Altaussee ist gewachsen, langsam aber stetig, keine Liebe auf den ersten Blick. Erstens muss man mit der ruppigen Art der Einheimischen, lauter ehemalige Holzhacker, erst umzugehen lernen, zweitens sind die im Sommer hier scharenweise auflaufenden, vertrachteten Wiener, Grazer und Germanen gewöhnungsbedürftig, Großbürger auf Sommerfrische!, drittens kann einem der kleine Bergkessel recht eng erscheinen und viertens läuft man Gefahr, in eine Duftspur von Klaus Maria Brandauer zu geraten. Neuerdings kommen einem noch die Bauten ehemaliger Finanzminister in die Quere. Aber das ist alles Nebensache. Hauptsache ist Altaussee, und das ist einzigartig, wunderbar, großmächtig. Schon rein landschaftlich ist es so märchenhaft, dass der Ort bestimmt bald in Japan, China oder Las Vegas nachgebaut werden wird. Einerseits die massive Tresselwand, andererseits die bewaldeten Gupfe, die Fernsicht auf den Dachstein und dann noch der unverbaute See, wofür man dankbar auf die Knie fallen und der Herrgöttin danken muss. Die Häuser haben verglaste Loggias, holzverschalte Obergeschoße und eine wildwüchsige Urigkeit. Sie sehen aus, als hätten sie Lederhosen an, was in einer mit Fertigteilhäusern, die den Charme von Umspannwerken haben, Supermarktquadern und anderen Scheußlichkeiten verstellten Welt Balsam ist. In Altaussee fühlt man sich in die Zeit Rilkes, Wassermanns oder Torbergs zurückversetzt. Nicht umsonst wird der Ort seit hundertfünfzig Jahren von Dichtern, Künstlern und Intellektuellen gesucht wie die Trüffel vom Schwein. Altaussee bietet nicht nur Ruhe, sondern auch Harmonie. Esoteriker mögen Kraftort dazu sagen, Tankstelle für die Seele oder Energiezentrum, ganz egal, irgendetwas gibt es da, eine spezielle Art von Geborgenheit, vielleicht weil Altaussee so abgeschieden ist, im Niemandsland zwischen Ebensee und Liezen, eine Art landschaftliche Gebärmutter, die Urvertrauen ausstrahlt.

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Wenn man in die Natur will, bietet sich nach dem obligaten Seerundgang zuerst der Loser an, der so heißt, weil er immer angeglotzt wird. Im Sommer sieht er aus wie der übriggebliebene Backenzahn eines Sauriers, im Winter aber gleicht er riesigen, angezuckerten Grammeln. Das dazugehörige Skigebiet bietet zwar nur zwei Abfahrten, aber die genügen. Neben der empfehlenswerten Loserhütte gibt es auch kleinere, in denen es meist dampft wie in einer finnischen Sauna, auch werden einem nur Gulaschsuppe oder Würstel angeboten, dafür ist das Flair speziell. Langläufern sei die 6,5 km Loipe zur Rettenbachalm empfohlen, aber Achtung bei der Abfahrt, da gibt es eine hängende 120-Grad-Kurve, in der es mich schon oft zerlegt hat – und dann kann man mit sich selbst Mikado spielen. Nach dem zähen Aufstieg erscheint einem die Blaa-Alm wie das Paradies. Zirbenstube, bedirndelte Bedienung und viele vorzügliche Gerichte. Ich bin immer bei Blunzengröstl und Schwarzbeernocken hängen geblieben, zwei fast gleichaussehende Speisen, in die ich mich eingraben könnte.

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Und wenn wir schon bei der Kulinarik sind: Sowohl der Schneiderwirt als auch der Berndl sind zu loben, wirklich exzellent aber ist der Max im Seehotel. Der hat zwar auch nur zehn, zwölf Gerichte, aber die lassen einen allesamt mit der Zunge schnalzen, was für die scharfe Thai Suppe ebenso gilt wie für das Saiblingsfilet, den Schweinsbraten und das Schnitzel. Und da man, wo man gut isst, auch übernachten kann, seien auch gleich die Zimmer im Seehotel erwähnt. Vielleicht nicht die allerbilligsten, aber prächtig, hat man doch den Eindruck, mitten auf dem See zu sein, in einer märchenhaften Gegend, die auch irgendwo auf Island oder in Patagonien sein könnte. Für längere Wanderungen empfehle ich das Appel-Haus, das einer der liebsten Menschen dieser Welt bewirtschaftet. Wenn Sie hinaufkommen, bestellen Sie ihm, dem Hüttenwirt, einen herzlichen Gruß von mir, vielleicht lädt er sie dann auf eine Zirbe ein. Sie können auch zum Grundsee marschieren und von dort zum Toplitzsee, um von der Fischerhütte aus irgendwelchen verrückten Amerikanern bei der Suche nach dem Nazigold zuzusehen. Aber wie kommt man nun dort hin? Natürlich können Sie Altaussee auch mit dem Hubschrauber erreichen, aber dann erschieß ich Sie. Also springen Sie mit einem Fallschirm ab – so wie einst die britischen Soldaten zur Unterstützung der Widerstandskämpfer, die hat es da nämlich auch gegeben – oder Sie kommen mit dem Fahrrad, einem Tretroller, meinetwegen auch mit einem Drachenflieger oder einem Heißluftballon. Die schönste Anreise aber ist per Bahn. In Attnang-Puchheim, dem ehemals hässlichsten Bahnhof Österreichs, steigen Sie in die Salzkammergutbahn, Bahnsteig 21, und fahren über Gmunden, Ebensee, Bad Ischl, Bad Goisern, Gosau, Hallstatt bis nach Bad Aussee. Da lernen Sie nicht nur alle Dialekte des Salzkammergutes kennen, sondern erleben auch noch eine fulminante, teilweise wildromantische Strecke. Von Bad Aussee nach Altaussee nehmen Sie den Bus. Um die Rückfahrt brauchen Sie sich gar nicht erst zu kümmern, weil weg werden Sie ohnehin nie wieder wollen.
 
 
 

Franzobel
ist einer der populärsten österreichischen Schriftsteller. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2002 den Arthur-Schnitzler-Preis. 2014 erschien sein erster Kriminalroman Wiener Wunder.
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