09.04.2017

Znaim sehen und- staunen


TRAVEL
Text — Angelika Mandler-Saul



Von meinem heimatlichen Basislager im Weinviertel ist Znaim genauso weit entfernt wie meine Landeshauptstadt St. Pölten, nämlich knappe 100 Kilometer. Für eine Reisende wie mich ein Katzensprung.

Wissentlich habe ich jedoch beide Städte in 45 Jahren nur je zweimal besucht, Landeshauptstadt hin oder her. Ansonsten war mir Znaim nur ein Begriff aus dem SchwarzWeiß-Film Der Hofrat Geiger , in dem sich das alte Mariandl vom strengen Spitzer Bürgermeister abkanzeln lassen muss ( Mariann, ich habe festgestellt, dass Du in ZNAIM geboren bist!! ) nur Retro-Cineasten wissen, wovon ich spreche. Des weiteren kannte ich Znaim aus dem Weinviertler Polt-Krimi von Alfred Komarek: Nein, in diesem Krimi fuhr man nicht zum Zwecke des Sightseeing über die Grenze. Dieses mein marginales Wissen über die südmährische Stadt konnte ich jüngst bei einem überraschend schönen Tagesausflug revidieren. Wiener werden in Floridsdorf in die Bahn steigen, um freundliche 83 Minuten später am zugegeben nicht besonders einladenen Bahnof Znojmo ihren Znaim-Tag zu beginnen. Weinviertlerinnen wie ich es bin, planen ihr Boarding in Stockerau und sind 66 Minuten später in jener Stadt, in der Peter Alexander einst maturiert hatte.

Pittoresk und verfallen mitten in Znaim (c) Angelika Mandler-Saul Pittoresk und verfallen mitten in Znaim (c) Angelika Mandler-Saul

Znaim. Dem Zugreisenden bleibt die wenig einnehmende Straßenstrecke über die E59, die sich nach der österreichischen Grenze aus Fashion Outlets, Hundebad-Betreibern, Fisch-Doktoren, einem vermeintlichen Luxus-Hotel und Glücksspiel-Centern definiert und von defilierenden Damen flankiert wird, erspart. Der Znaimer Bahnhof lässt zwar etwaige aufkeimende Glücksgefühle beim Reisenden auch schnell ersticken, aber nach kaum 10 Minuten sieht man sich bereits dem Stadttheater gegenüber und da dieses an das Wiener Volkstheater gemahnt, fühlt man sich hier recht schnell heimisch. Weitere fünf Minuten Marsch später befindet man sich am Masaryk Platz mit seiner Pestsäule und spätestens hier ist man sich nicht mehr sicher, ob man sich nicht doch vielleicht im nahen Retz, in Weitra oder doch in Znaim befindet. Nur das Gebäude am Ende des Platzes mit einem Panorama-Café im Obergeschoß, das Kaufhaus Dyje ( Thaya ), das erinnert mit seiner Plattentektonik dann doch schnell an die Tatsache, dass Znaim bis 1990 HINTER dem Eisernen Vorhang lag.

Brunnen am Masaryk Platz. Im Hintergrund das Kaufhaus (c) Angelika Mandler-Saul Brunnen am Masaryk Platz. Im Hintergrund das Kaufhaus (c) Angelika Mandler-Saul

Doch danach beginnt die Fußgängerzone und alles ist gut: Die Sehenswürdigkeiten sind vor allem im Winter schnell besichtigt und man kann sich beim Spaziergang auf die persönlichen Eindrücke vom mittelalterlichen Stadtkern konzentrieren und die vielen architektonischen Parallelen zu Prag und Wien entdecken. Letztere findet man besonders an den Bürgerhäusern, den Palais Daun oder Ugarte, die an die Wiener Ringstraße erinnern. Dazwischen aber liegen immer wieder Gasserln, die man euphorisch als pittoresk verfallen bezeichnen kann. Und dennoch: Es promeniert sich hervorragend zwischen den alten Häusern über das Kopfsteinpflaster wie hervorragend mag das Reiseerlebnis erst im Sommer sein, wenn man dabei nicht allein auf weiter Flur weilt. Nahe der Burg ein weiteres Aha-Erlebnis: Gregor Mendel lehrte hier und zwar nicht nur über seine Erbsen und die von ihm aufgebrachte Vererbungstheorie. Er war auch als Lehrer tätig, allerdings mit mäßigem Erfolg.

Rechts renoviert, links pittoresk (c) Angelika Mandler-Saul Rechts renoviert, links pittoresk (c) Angelika Mandler-Saul

Auffällig in Znaim ist, dass die Häuser (so wie etwa auch in Prag) je zwei Hausnummern führen: Eine aus der Habsburgerzeit stammend, die die Reihenfolge des Bauzeitpunkts in der gesamten Stadt bezeichnen (Konskriptionsnummern) und eine aus der Neuzeit, die dafür sorgt, dass der Postler die Häuser auch in der heutigen Zeit findet: Die Ordnungszahlen, die sich auf die jeweilige Straße beziehen.

Znaimer Palais mit zwei Hausnummern (c) Angelika Mandler-Saul Znaimer Palais mit zwei Hausnummern (c) Angelika Mandler-Saul

Aber der eigentliche Höhepunkt dieses Tagesausflugs war der Blick von der Znaimer Rotunde hinab auf die Thaya: Wer keine Skrupel hat und unter einem Torbogen hindurchwandert, der auf den ersten Blick nicht an eine Einladung in eine Burg erinnert, wer sich weiters durch die Baustelle der Brauerei schlägt und den Hund weiß der Geier warum auf Anweisung draußen warten lassen muss, der wird belohnt: Mit einem fulminanten Blick auf die aufgestaute Thaya bis zum Loucky Kloster, auf die steilen Rieden unter der Wenzelskapelle mit seinem Wandelgang und auf die St. Nikolai Kirche. Die Rotunde und die Überreste der Znaimer Burg im Rücken weiß man spätestens jetzt, warum man nach Jahrzehnten endlich mal nach Znaim gefahren ist. Hier befindet sich auch ein vorzüglich gelegenes Terrassencafé mit Blick über die Thaya nur schade, dass der Hund draußen vor dem Tore wartet, also retour.

Eingangstor zur Rotunde, zum Burgberg und zur Brauerei (c) Angelika Mandler-Saul Eingangstor zur Rotunde, zum Burgberg und zur Brauerei (c) Angelika Mandler-Saul



Blick von der Rotunde am Burgberg zur Doppelkapelle des Hl. Wenzel (c) Angelika Mandler-Saul Blick von der Rotunde am Burgberg zur Doppelkapelle des Hl. Wenzel (c) Angelika Mandler-Saul

Und noch ein Grund, warum ich ab sofort bei Znaim immer auch an Retz denke: Die beiden Städte liegen nicht nur nah beieinander und geben mit ihrem Sgraffito auf den Häuserfassaden an, sie verfügen auch beide über ein weitverzweigtes unterirdisches Labyrinth an Kellern und Gängen, das mit Führungen besichtigt werden kann. Aber leider nicht zur Mittagszeit, da wird rechtschaffen pausiert. Nun sind die Kellergassen und die unterirdischen Kellersysteme des Weinviertels ja hinlänglich bekannt fast ist man versucht zu sagen, das gäbe es kein zweites Mal auf der Welt. Aber nur fast, denn auch Südmähren hat ähnliche Kellergassen mit Presshäusern (die teilweise auch ein wenig an die steirischen Kellerstöckl erinnern) und eine Vielzahl an unterirdischen Gängen. Da liegt nur nahe, dass Znaim auch für seinen Wein und die zahlreichen Vinotheken bekannt ist, jedoch auch für seine Gurken! Wer hätte das gedacht.

Retz, Weitra oder doch Znaim (c) Angelika Mandler-Saul Retz, Weitra oder doch Znaim (c) Angelika Mandler-Saul

Nun fiel unser Tagesausflug nach Znaim in den Vorvorfrühling und wir waren froh, ein paar nicht geschlossene Kaffeehäuser und Gasthäuser zu finden an frischen Gurken hing unser Glück nun wahrlich nicht. Und dennoch, an der Touristeninformation deckten wir uns mit einigen Prospekten ein, die ebendiese Qualität des heimischen Grünzeugs hochpries. Werden wir halt zur Sauren-Gurken-Zeit wieder kommen müssen.
 
 
 
 

Angelika Mandler-Saul
Als Reisebloggerin ist die begeisterte Weinviertlerin Angelika Mandler-Saul nicht nur in Österreich unterwegs. Auf ihrem Reiseblog WIEDERUNTERWEGS – Vom Weinviertel in die Welt – berichtet sie regelmäßig mit vielen Fotos von ihren Reisen, Kurztrips und Erlebnissen unterwegs – mit und ohne Hund. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Natur, Bewegung, Gesundheit und Kultur sowie Reisen unternehmungslustige Leute ab 40.
Weitere Stories

MOBILITÄT
Eisenbahn einfach erklärt FAHRPLAN
 
STÄDTETRIPS
Mein Ljubljana
 
MOBILITÄT
Das Bike aus Holz
 
MOBILITÄT
Jetzt kommt Farbe rein