08.03.2015

Bella Napoli


TRAVEL
Text — Ciro de Luca



Ja, Napoli ist wirklich bella! Nicht nur, weil es meine Geburtsstadt ist und meine Familie dort lebt. Nein, weil es eine der schönsten und lebendigsten Städte der Welt ist, offenherzig, kulturreich, lebensintensiv, frech, gewitzt und dennoch elegant. Und es hat eine der schönsten Lagen, die eine Stadt überhaupt haben kann: eingebettet zwischen Zitronenbäumen, Weinbergen und dem Meer.

Ausgestreckt am Fuße des wohl bekanntesten Vulkans, des Vesuv, liegt diese Hafenstadt. Imposante Schiffe und Jachten aus aller Welt ankern hier. Zwischen ihnen tummeln sich unzählige kleine, bunte Fischerboote und kleine, weiße Segelboote. Dann sind da natürlich die vielen prächtigen Gebäude und Sehenswürdigkeiten wie die gläserne Galleria Umberto I, die Burganlage Maschio Angioino oder das Castel dell Ovo, um nur einige wenige zu nennen. Was jedoch die wahre Schönheit dieser Metropole ausmacht, das sind ihre Menschen. Nirgendwo auf der Welt wird so viel gelacht, geplaudert, flaniert einfach gelebt. Die Menschen hier scheinen immer fröhlicher, herzlicher und gastfreundlicher zu sein als irgendwo anders auf der Welt. Deswegen ist Napoli immer eine Reise wert. Punkt 19 Uhr. Ich betrete die Eingangshalle des Wiener Hauptbahnhofes. Er ist vom goldenen Licht der Abendsonne durchflutet. Ich habe es bereits hier italienisch eilig, denn gleich geht mein Zug der Nachtzug nach Rom! Rasch durch die riesige neue Halle, an den Ticketschaltern vorbei, wo viele Reisende sich drängen. Ich natürlich habe mein Ticket schon vorher im ÖBB-Internetportal gebucht. Manchmal mag ich es eben mehr österreichisch als italienisch, also bequem. Nur für das Kofferpacken habe ich wieder einmal viel zu lange gebraucht, doch als echter Italiener will man halt für jede Eventualität modisch gerüstet sein. Ich reise mit dem Schlafwagen Richtung Süden! Zunächst Villach, dann Tarvisio, Venezia, Padova, Ferrara, Bologna, Firenze und schließlich Roma Termini. Diese Route kenne ich noch aus meiner Kindheit gut. Mehrmals im Jahr sind wir hier gefahren. Und immer noch weckt sie dieselben schönen Gefühle der Vorfreude in mir. Ich verstaue mein Gepäck und gehe in den Speisewagen, wo es auch schon italienisches Essen und Zeitungen gibt. Sozusagen zur Einstimmung lese ich den Corriere dello Sport. Und auch das gibt es nur im Schlafwagen: Wenn man in sein Abteil zurückkommt, ist das Bett schon aufgeschlagen. Herrlich! Buonanotte. Roma Termini! Roma Termini! 8:30 Uhr! Wir sind pünktlich angekommen. Rasch suche ich meine Sachen zusammen, wasche mich und eile zum Anschlusszug nach Neapel. Eindeutig, ich bin in Italien! Drängen, Hupen, Lachen, lautes Stimmengewirr überall. Die Bahnsteige sind voller Menschen, wohl gelaunter, gut gekleideter Menschen, die alle ihren Zug erreichen wollen. Ich muss zum Intercity nach Napoli, aber der steht nicht auf seinem Gleis! Und angeschrieben ist auch nichts. Ich beginne, mich durchzufragen. Vielleicht weiß ja jemand der umstehenden Reisenden etwas. Ein Angestellter der FS die italienische Zuggesellschaft Ferrovie dello Stato ist zum Glück am Bahnsteig. Sehr entspannt steht er da; eigentlich wirkt er gar nicht, als wäre er zum Arbeiten hier, sondern um jemanden abzuholen und in die Ferien zu begleiten. Er wirkt leger mit seiner Sonnenbrille auf der Nase, Handy am Ohr, Espresso-Becher in der Hand. Er erklärt mir ganz nebenbei, dass der Zug aus technischen Gründen heute nicht mehr fahren könne und dann wünscht er mir skurriler Weise dennoch eine gute Fahrt. Tja, das ist Italien ... Meine ÖBB-verwöhnte innere Stimme sagt mir, dass das bei uns sicher nicht möglich wäre. Aber es wäre nicht Italien, wenn man nicht improvisieren kann. Zwei Gleise weiter geht doch noch ein Regionalzug, also ein Bummelzug , nach Napoli. Mein heimatliches Ziel vor Augen steige ich ein und suche mir einen Platz, was in Italien im allgemeinen nicht so einfach geht wie in Österreich. Der Zug ist überfüllt, Studenten, Arbeiter, Mütter mit Kindern, einfache junge Soldaten, die ihre chicen Uniformen so stolz tragen, dass man meinen könnte, sie wären Generäle, ein Bauer, der Salami-Stangen und Käse in Körben transportiert, die er auf der Gepäckablage abgestellt hat und deren Duft allen Reisenden Appetit machen. Es ist spannend zu sehen und zu erleben, wer in Süditalien aller mit der Bahn fährt, und was alles mitfährt . In einem Sechser-Abteil werde ich fündig, ein Platz ist noch frei zwischen einer dicken italienischen Mamma samt ihren sich balgenden Kindern und zwei Nonnen, mit ausladendem Habit. Und wieder ein Bauer, diesmal samt Legehenne im Käfig. Ich nehme Platz. Gott sei Dank ist es im Abteil so laut, dass niemand meinen Magen knurren hört. Mittlerweile ist es Mittag und ich habe noch nicht gegessen. Speisewagen gibt es hier leider keinen. Kurz überlege ich, ob ich nicht dem Bauern im Nebenabteil etwas abringen könnte. Doch es wäre nicht das kulinarische Italien, wenn nicht plötzlich eine mir wohl vertraute Stimme das Ende meiner Hungerkatastrophe verheißen würde. Acqua, panini, caffè, acqua, panini, caffè, birra, Coca Cola, arranciata,, .! In einem schier unendlich scheinenden Sermon beten junge Verkäufer ihre Speisekarte rauf und runter, wobei sie große blaue Plastikeimer schleppen, in denen die Getränkedosen, die Wasserflaschen und die selbst gemachten Brote liegen. Diesen Service gibt es nur in Süditalien, denke ich bei mir und streiche den Ratschlag meiner Mutter aus Kindertagen, auf Reisen nur vakuumverpackte Speisen zu essen, und kaufe mir ein Panino. Als ich genüsslich mein Panino esse, dazu einen kalten Espresso trinke, schaue ich mir die südlich heisse Pinienlandschaft an und freue mich, fast schon am Ziel meiner Reise zu sein. Endlich taucht auch vor dem Zugfenster das Meer auf. Auf diesen Moment warte ich jedes Mal sehnsüchtig, wenn ich mit dem Zug nach Napoli reise. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Doch ich habe die Rechnung ohne den Bummelzug gemacht. An jeder Station steigen viele Menschen aus und noch viele mehr ein. Bahnfahren in Österreich ist doch irgendwie moderner, vor allem aber schneller; das Bahnfahren in Italien aber hat etwas, das man nirgendwo sonst bekommt. Den Mehrwert, Teil eines kleinen individuellen Abenteuers sein zu dürfen und etwas Besonderes, Seltenes, fast Ausgestorbenes erleben zu dürfen.

Napoli - Il Vesuvio - (c) CIRO DE LUCA Napoli - Il Vesuvio - (c) CIRO DE LUCA

  Stunden später kommen wir in Napoli Centrale an. Die nicht enden wollende Abenteuerfahrt ist geschafft. Als ich aussteige, kommt es mir vor, als wäre ich gar nie weg gewesen; ich werde die Tage hier geniessen, Capri, Ischia und Amalfi besuchen, einen Spaziergang am Castel Nuovo, Neapels imposantestem Bauwerk, der alten Festung der Anjou aus dem 13. Jahrhundert, unternehmen.

Napoli - Scavi di Ercolano -(c) CIRO DE LUCA Napoli - Scavi di Ercolano -(c) CIRO DE LUCA

Eigentlich möchte ich jetzt direkt in die angrenzende Via Chiaia, wo es die edelsten Boutiquen von ganz Neapel gibt, auf eine kleine Shopping-Tour und dann ins berühmte Caffè Gambrinus. Aber am Bahnsteig steht schon mein Vater und winkt mir von Weitem zu. Shopping muss warten, denn zuallererst sind Familienbesuche zwingend. Essen mit Verwandten, mit der Zia und dem alten Zio, Fratelli besuchen, Amici treffen und dann natürlich auch zu den Nachbarn, zum Abendessen. Ein bisschen geht mir Wien schon wieder ab ...
 
 
 
 

Ciro de Luca
ist Italiener & Wiener. Der Name DE LUCA ist historisch bedeutend für Wien, da DE LUCAs Ururgroßvater, Isaak DE LUCA, einst der Begründer des "Wiener Kaffeehauses" war. Ciro ist bekannt als Schauspieler, Comedian & Autor zahlreicher (Dreh-) Bücher, sowie Gründer von BusinessBoxing©.
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