26.02.2017

Tessin: Die Sonnenstube der Schweiz


TRAVEL
Text — Jasmin Kreulitsch



Stellt man sich die Schweiz im Winter vor, hat man automatisch verschneite Berggipfel und weiß überzuckerte Täler vor Augen. Doch passiert man mit dem Zug den neuen Gotthard-Tunnel, lässt man in der italienischen Schweiz den Winter hinter sich: Das Klima im Tessin ist so mild, dass man fast das Mittelmeer rauschen hören kann. Und mit ein bisschen Glück sieht man sogar Palmen unter Schnee.

"Das Land ist wunderbar reich und schön, und vom Alpinen bis ganz Südlichen ist alles da", schrieb Hermann Hesse über das Tessin. Er musste es wissen: 1907 kam er eher zufällig in die italienische Schweiz, danach kam er immer wieder, zog letztlich her und blieb Wahl-Tessiner bis zu seine Tod 1962. Das Alpine und das Südliche, genau das ist es, was die Region ausmacht. Die Grenze lässt sich hier ganz einfach ziehen: Kommt man mit dem ÖBB Nightjet  von Wien, Salzburg oder Innsbruck in Zürich an, dauert es nur 2 Stunden 8 Minuten, bis man das Tessin erreicht. Schon vorher staunt man über den Wechsel des Klimas und der Landschaften, eben jener Grenze des Alpinen und Südlichen: Nach 17 Jahren Bauzeit saust man seit Dezember 2016 durch den neuen Gotthard-Tunnel gen Süden, dem längsten Eisenbahntunnel der Welt. Kommt man nach 57 Kilometern im Tessin an, ist die Landschaft eine andere und man staunt über einen leuchtenderen Himmel, mildere Temperaturen und die ersten Palmen, die man erspäht, während der Zug weiter in Richtung Locarno tuckert.  

Willkommen in Locarno (c) Jasmin Kreulitsch Willkommen in Locarno (c) Jasmin Kreulitsch



Palmen im Winter? In Locarno völlig normal, wie hier in der Via dei Palme. (c) Jasmin Kreulitsch Palmen im Winter? In Locarno völlig normal, wie hier in der Via dei Palme. (c) Jasmin Kreulitsch

Je näher man Locarno kommt, desto mehr Palmen säumen das Ufer des Lago Maggiore, an den der Ort sich sanft bettet. Auch Zitronenbäume wachsen hier, kein Wunder, denn Locarno gilt als nördlichste Ort mit einem mediterranem Klima. Das ist auch der Zauber, der einen hier sofort erfasst: Eigentlich weiß man, dass es Jänner, Februar oder März ist, aber man fühlt sich wie im Frühling und kann seinen Espresso in der wärmenden Wintersonne unter Palmen an der Seepromenade schlürfen, während der Blick zu schneebedeckten Berggipfeln schweift.

Die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso thront über Locarno (c) Jasmin Kreulitsch Die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso thront über Locarno (c) Jasmin Kreulitsch

Über Locarno liegt der heilige Berg der Madonna del Sasso Orselina, einer der bedeutendsten religiösen und historischen Plätze im Kanton Tessin. Die Wallfahrtskirche thront auf einem imposanten Felsvorsprung, der Blick ins Tal raubt einem schier den Atem. Nach oben geht es entweder zu Fuß oder mit der Standseilbahn von Locarno-Madonna del Sasso.

Direkt bei der Station Cardada wartet im Restaurant eine tolle Aussicht   und ein guter Kaffee (c) Jasmin Kreulitsch Direkt bei der Station Cardada wartet im Restaurant eine tolle Aussicht und ein guter Kaffee (c) Jasmin Kreulitsch

Wer Locarno von noch weiter oben bestaunen will, fährt an der Talstation von Orselina-Cardada-Cimetta  noch weiter hoch. Es dauert fünf Minuten, bis man den 1.340 Meter hohen Berg Cardada erreicht und den Blick auf den Lago Maggiore und die umliegenden Alpengipfel schweifen lassen kann. Wer früh morgens nach oben gondelt, hat im Winter das 360-Grad-Panorama auf der geologischen Beobachtungsstation ganz für sich alleine!

Die Altstadt von Locarno bezaubert mit schmalen Gassen, pastellfarbene Fassaden   und Palmen, was sonst? (c) Jasmin Kreulitsch Die Altstadt von Locarno bezaubert mit schmalen Gassen, pastellfarbene Fassaden und Palmen, was sonst? (c) Jasmin Kreulitsch

Im Tal angekommen geht es dann in die malerische Altstadt, durch schmale, hügelige Straßen, pastellfarbene Fassaden und hübsche Arkaden. Locarno ist klein, übersichtlich und perfekt zu Fuß zu erkunden, zum Beispiel die autofreie Piazza Grande, die Traditionskaufhäuser Globus (Largo Franco Zorzi 6) und Manor (Piazza Grande 2) oder die Boutique Il Labirinto (Via Cittadella 16). Ein Stückchen über der Stadt liegt das Hotel Belvedere (Via ai Monti della Trinità 44, 6600 Locarno): Die Zimmer (Doppelzimmer ab ca. 200) haben einen hübschen Blick auf den See und Gäste bekommen kostenlos das Ticino Ticket, mit dem man im gesamten Tessin den öffentlichen Verkehr frei nutzen kann und zu verschiedenen Freizeiteinrichtungen vergünstigte Eintritte bekommt.

Willkommen in Lugano! (c) Jasmin Kreulitsch Willkommen in Lugano! (c) Jasmin Kreulitsch

Von Locarno dauert es nicht mal eine Stunde, bis man Lugano erreicht, der nächste Ort im Tessin, der mit einer bezaubernden Lage am Wasser überzeugt, diesmal allerdings am Luganersee. Hier ist alles ein bisschen größer, städtischer und hektischer, das mediterrane Klima im Winter lullt einen aber auch hier sofort ein.

Shopping ist in der Via Nassa geradezu Pflicht! (c) Jasmin Kreulitsch Shopping ist in der Via Nassa geradezu Pflicht! (c) Jasmin Kreulitsch

Wer in Locarno nur die kleine Einkaufstour machte, wird in Lugano glänzende Augen bekommen: Im Herzen der Altstadt reiht sich in der Via Nassa ein Designershop an den nächsten, aber auch Banken und Casinos sind hier enorm stark vertreten. Aber auch das ist kein Wunder: Lugano ist nach Zürich und Genf der drittgrößte Finanzplatz der Schweiz!

Bitte stehen bleiben und kosten: die süßen Versuchungen im  Grand Café al Porto . (c) Jasmin Kreulitsch Bitte stehen bleiben und kosten: die süßen Versuchungen im Grand Café al Porto . (c) Jasmin Kreulitsch

Die Pause macht man am besten im Grand Café al Porto (Via Pessina 3, 6900 Lugano): Das Traditions-Café eröffnete bereits 1803 und war seit jeher Treffpunkt von Politikern, Literaten und Künstlern; heute schlürft man Espresso und verkostet hausgemachte Mehlspeisen oder kauft das beste Mitbringsel, das mit italienischem Touch daherkommt: die luftig-leichten Panettone, entweder tradizionale oder als Panettone Nostrano mit Nüssen, Mandeln, Marillen, Feigen und Kirschen.

Lugano vom Wasser aus gesehen. (c) Jasmin Kreulitsch Lugano vom Wasser aus gesehen. (c) Jasmin Kreulitsch



Room with a view: Die Zimmer im Hotel  Splendide Royal  sind nicht nur umwerfend schön, sie haben auch einen tollen Blick auf den See. (c) Jasmin Kreulitsch Room with a view: Die Zimmer im Hotel Splendide Royal sind nicht nur umwerfend schön, sie haben auch einen tollen Blick auf den See. (c) Jasmin Kreulitsch

 

Auch das Abendessen im Restaurant des Hotel  Splendide Royal  ist eine Wucht! (c) Jasmin Kreulitsch Auch das Abendessen im Restaurant des Hotel Splendide Royal ist eine Wucht! (c) Jasmin Kreulitsch

An der Promenade in Richtung Ortsteil Paradiso reihen sich herrschaftliche Häuser aneinander, in vielen befinden sich alteingesessene Hotels. Das schönste unter ihnen ist das Splendide Royal (Riva Antonio Caccia 7, 6900 Lugano), das heuer 130 Jahre alt wird. Das 5-Sterne-Haus hat zwar seinen Preis (Doppelzimmer ab ca. 350), dafür aber einen unfassbar tollen Service und ein familiäres Ambiente: Das kommt auch daher, dass es seit besagten 130 Jahren erst fünf Direktoren gab: Treue und Werte werden hier ganz groß geschrieben.

Railaxed-Autorin Jasmin Kreulitsch blickt auf den Monte Bré. (c) Jasmin Kreulitsch Railaxed-Autorin Jasmin Kreulitsch blickt auf den Monte Bré. (c) Jasmin Kreulitsch

Jetzt geht es aber auch hier nach oben, denn Lugano hat zwei Hausberge, den San Salvatore und den Monte Bré. Letzteren erreicht man per Bus oder Bergbahn und freut sich dann nicht nur über einen tollen Blick, sondern auch über das mittelalterliche Dörfchen Bré, das früher wie heute Künstler anzog. Im Winter ist das Dorf beinahe menschenleer und man kann in Ruhe treppauf und treppab über die schmalen Gassen schlendern und staunen, denn viele Künstler haben hier ihre Objekte entlang eines Rundwegs postiert.

Klein, putzig, idyllisch: das Dorf Bré.(c) Jasmin Kreulitsch Klein, putzig, idyllisch: das Dorf Bré.(c) Jasmin Kreulitsch



Objekte entlang des Künstlerpfades in Bré. (c) Jasmin Kreulitsch Objekte entlang des Künstlerpfades in Bré. (c) Jasmin Kreulitsch

Doch Bré ist nicht das einzige Dörfchen im Tessin, das voller Charme ist, auch das nahe gelegene Gandria ist einen Besuch wert. Wer will, fährt von Bré zurück nach Lugano und spaziert entlang des Sentiero dell'olivo , dem 3,3 Kilometer langen Olivenweg, der zwischen Gandria und Castagnola durch Wälder und Olivenhaine führt.

Der Olivenweg führt durch Wälder und Olivenhaine. (c) Jasmin Kreulitsch Der Olivenweg führt durch Wälder und Olivenhaine. (c) Jasmin Kreulitsch



Oder man wandert vom Monte Bré hinunter nach Gandria   (c) Jasmin Kreulitsch Oder man wandert vom Monte Bré hinunter nach Gandria (c) Jasmin Kreulitsch



  und hat einen tollen Blick auf den See! (c) Jasmin Kreulitsch und hat einen tollen Blick auf den See! (c) Jasmin Kreulitsch

Eine Alternative führt zwar über die ein oder andere steile Treppe und manch schmalen Pfad, ist aber auch ein kleines Abenteuer: Wenn man vom Dörfchen Bré einfach bergab spaziert (Weg ist ausgeschildert), wird man mit einem umwerfenden Blick auf den Luganersee belohnt und kommt nach ca. 1,5 Stunden in Gandria an. Das putzige Fischerdorf führt über unzählige Treppen und verwinkelte Gässchen und hat einen ganz besonderen Bonus: Es ist verkehrsfrei!

Willkommen in Gandria (c) Jasmin Kreulitsch Willkommen in Gandria (c) Jasmin Kreulitsch



Im Winter fährt zwei Mal täglich ein Schiff von Gandria nach Lugano. (c) Jasmin Kreulitsch Im Winter fährt zwei Mal täglich ein Schiff von Gandria nach Lugano. (c) Jasmin Kreulitsch

Wer im Tessin zu Besuch ist, darf einen speziellen Ort nicht auslassen: Ascona, auch als "Perle des Lago Maggiore" bekannt, hat als Ferienort eine lange Tradition und liegt in einer sonnenbeschienenen Bucht. Die Uferpromenade ist für das Tessin einzigartige: Bunte Boote schaukeln im Wasser, Möwen ziehen ihre Kreise über dem türkisblauen Wasser und an der mit Palmen gesäumten Promenade reihen sich Restaurants, Cafés und Bars aneinander.

Die Seepromenade von Ascona lädt zum Schlendern ein (c) Jasmin Kreulitsch Die Seepromenade von Ascona lädt zum Schlendern ein (c) Jasmin Kreulitsch



Railaxed-Autorin Jasmin Kreulitsch an der Promenade von Ascona.(c) Jasmin Kreulitsch Railaxed-Autorin Jasmin Kreulitsch an der Promenade von Ascona.(c) Jasmin Kreulitsch

Hier treffen sich Einheimische und Touristen gleichermaßen, zum Beispiel in der Osteria Nostrana (Piazza Giuseppe Motta, 6612 Ascona), wo die Pizza zwar nicht güstig (ab ca. 20), aber am knusprigsten in Ascona ist. Wenn man dann in der Wintersonne sitzt, in seine Pizza beißt und den Blick über den klaren See und die üppigen Berge gleiten lässt, dann versteht man die Worte von Hermen Hesse erst so richtig: "Das Land ist wunderbar reich und schön, und vom Alpinen bis ganz Südlichen ist alles da."  
 
 
 
 

Jasmin Kreulitsch
Freie Autorin. Blattmacherin. Kolumnistin. Reisejournalistin. In Klagenfurt aufgewachsen, in Wien studiert, in Berlin ausgebildet. Zählt konsequent die Tage von einer Reise zur nächsten und hat ihren Koffer immer bereit, um darüber zu schreiben, warum es sich lohnt, die Welt zu entdecken.
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