18.12.2016

Silvester in Hamburg


AUSFLUGSZIELE
Autor — Kristoffer Nagel



Meine Beziehung zu Silvester ist etwas ambivalent. Das Fest an sich wird jedes Jahr freudig erwartet. Der Druck etwas ganz Besonderes zu erleben ist hoch. Zwischen den verschiedenen Einladungen am Silvesterabend zu entscheiden, scheint schier unmöglich. Deswegen belohnen wir uns jedes Jahr mit einem Neujahrsgeschenk und verbringen die Feiertage auswärts. Damit fahren wir ziemlich gut. Im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich mit dem Nachtzug in eine auserwählte Stadt Europas. Dieses Mal wählen wir Hamburg, schließlich soll die Hansestadt einiges zu bieten haben. Für uns tun sich schnell einige Highlights auf.

30.Dezember. Moin Moin! Einen Tag vor der großen Feier fahren wir frühmorgens in Hamburg ein. Schließlich wollen wir die backsteinerne Stadt noch etwas erkunden, bevor sie im Ausnahmezustand der Festivitäten versinkt. Wir entledigen uns unseres Gepäcks in unserer Unterkunft, dem "Generator Hostel", welches direkt neben dem Hauptbahnhof gelegen ist. Nach einer kleinen Stärkung wandern wir stadteinwärts und erkunden bei einem Rundgang klassische Sehenswürdigkeiten wie das geschichtsträchtige Chilehaus, den romantischen Jungfernstieg und die Nikolaifleet im Amsterdamer Stil.

 

31.Dezember. Wir lassen es erstmal ruhig angehen, bevor wir uns in Schale werfen und in die frühe Dämmerung hinaus spazieren. Wir treffen uns mit Bekannten zum gemeinsamen Abendessen. "Kofookoo" heißt das Lokal unserer Wahl und ist bekannt für exzellentes Sushi und ist Hamburgs erstes All-you-can-eat-Restaurant mit Ipad-Bestellung! Ziemlich futuristisch, aber auch ein ziemlich großer Unterhaltungsfaktor. 24,90 Euro kostet das Vergnügen, exklusive Getränke. Zehnmal darf man maximal nachbestellen, jedes Mal bis zu fünf Speisen. Das Lokal erfasst 180 Sitzplätze und erstreckt sich über zwei Ebenen in der Rindermarkthalle. Ein wahres Spektakel. Sogar an Schuhcreme und Brillenputztücher auf den WCs wurde gedacht. Mit großen Augen bestaunen wir die kleinen Speisen, die auf IPad Bestellung an unseren Tisch gebracht werden. Algensalat, Suppe, Lammkoteletts - alles exquisit zubereitet. Wir sind zufrieden.



rindermarkthalle_kofookoo-foto2 "Kofookoo" in der Rindermarkthalle (c) http://www.rindermarkthalle-stpauli.de/geschaefte/gastronomie-2/

Unsere Bekannten entscheiden sich, den restlichen Abend in der SkylineBar "20up" im 20.Stock des "Empire Riverside Hotels" zu verbringen. Sie hatten sich im voraus ein Ticket für die Feier dort zugelegt. Für 160 Euro genießt man dort Sitzgelegenheiten, Cocktails und Häppchen, sowie eine Tanzfläche und einen guten Ausblick auf die Stadt.



Bar 20 up im Empire Riverside Hamburg (c) Raike Kommunikation Bar "20 up" im Empire Riverside Hamburg (c) Raike Kommunikation

Wir wollen jedoch lieber ungebunden sein und uns noch etwas in der Stadt herumtreiben. Für die mitternächtliche Feuerwerkskulisse, wollen wir in den Schanzenpark. Die Landebrücken beim Hafen sind zum Brechen gefüllt, der Jungfernstieg ebenso und die Außenalster zu weit weg von unserem späteren Ziel, einem Club im Schanzenviertel. Bei der Erhöhung am Wasserturm beim Schanzenpark rechnen wir uns allerdings Chancen aus. Hamburg lässt sich nicht lumpen. Das Feuerwerk erstreckt sich kilometerweit, sowohl über die Stadt, als auch über das Wasser hinweg.



park_hamburg Silvester im Schanzenpark (c) Malina Nwobuonwor

Nachdem wir uns etwas satt gesehen haben und ziemlich durchgefroren sind, machen wir uns noch auf den Weg zu einem Tanzclub namens "Kleiner Donner". Der überschaubare Laden öffnet seine Pforten für knapp 200 Feierfreudige und verlangt pro Person um die 10 Euro Eintritt. Das Publikum ist entspannt, Musikliebhaber und Tanzbegeisterte kommen auf ihre Kosten. Einen Schwerpunkt setzt der "Kleine Donner" auf die Hamburger HipHop-Szene. Ganz nach dem Motto "die Nacht ist jung", wird hier bis in die Morgenstunden gemeinsam gefeiert.

 

1.Jänner. Uns dürstet nach Vitaminen und einem Frühstück à la Chia Samen und Granola-Yogurt. Nach dieser langen Nacht könnten wir auch zu einem der netten Kaffeehäuser in die Innenstadt schlendern. Allerdings gibt es da auch den gesunden Frühstück-Bestellservice "Ombak Bagus Bowls". Eine willkommene Abwechslung, will man trotz Hunger noch nicht all zu weit wandern.
Gestärkt und voller neuer Lebensenergie machen wir uns auf in die Speicherstadt. Dieser hundertjährige Lagerhallenkomplex ist UNESCO-Welterbe und der weltgrößte zusammenhängende Komplex seinesgleichen. Die ehrwürdigen Gebäude, umgeben von stillem Wasser, bilden ein ganz besonderes Idyll. Wilhelminische Backsteingotik, bizarre Giebel und Türmchen, die sich in den Kanälen, Fleeten genannt, spiegeln. Die Lagerhäuser sind auf Eichenpfählen erbaut und können über die Fleeten auch mit Schiffen angesteuert werden. Fleetenfahrten kann man als Besucher von den Landungsbrücken von St.Pauli aus unternehmen.



(c) Malina Nwoabuonwor (c) Malina Nwoabuonwor



Speicherstadt Hamburg (c) Malina Nwabuonwor Speicherstadt Hamburg (c) Malina Nwabuonwor

Wir sind jedoch aus einem ganz anderen Grund hier. Wir wollen ins Miniatur Wunderland! Dafür und auch aufgrund der Kälte schwänzen wir sogar die feierliche erste Mittagsandacht des Jahres in der Michaelis Kirche, welche uns ebenso empfohlen wurde. Das Miniatur Wunderland ist eine nachgebaute Modellwelt. In einem Gebäude der Speicherstadt befindet sich diese schier unglaubliche Ansammlung von 15,4 Kilometern Gleisen im Maßstab 1:87. Winzig kleine Menschen und Tiere gehen friedlich ihren Tätigkeiten in den verschiedensten Gegenden der Welt nach. Über mehrere Stockwerke hinweg bestaunen wir diesen Riesenspielplatz für Erwachsene, auf welchem über 1.040 gesteuerte Züge verkehren. Keine Frage, dass wir gleich nach unserem Nachtzug "Hamburg-Wien" Ausschau halten.



Miniaturwonderland (c) Malina Nwobuonwor Miniaturwunderland (c) Malina Nwobuonwor



Miniaturwonderland (c) Malina Nwobuonwor Miniaturwunderland (c) Malina Nwobuonwor

Da uns schon wieder der Hunger plagt und wir uns am Neujahrstag einen romantischen Restaurantbesuch gönnen wollen, entscheiden wir zwischen zwei Restaurants mit gutem Ruf in Speicherstadt-Nähe. Das "Neni", welches seinen Ursprung in Wien hat, ist unter den zwei Favoriten. Hafen- und Fischgerichte vereinen sich hier mit den Klassikern aus Nahost. Das Restaurant ist uns außerdem wegen der verspielten und stilsicheren Einrichtung zu Ohren gekommen. Letztendlich gehen wir aber doch zu "Cantinetta". "Extravaganz in der Speicherstadt", so wird uns dieser Laden empfohlen. Wir bereuen die Entscheidung keineswegs. Immerhin hat das Restaurant, welches im Stil der 50er Jahre gehalten ist, wahre Gaumenfreuden zu bieten. Das Aushängeschild der Karte ist wohl der sechzig Stunden geschmorte Schaufelbug vom Rind mit Gnocchi und toskanischem Schmorgemüse. Das Ambiente, die Speisen und auch der "Rum on the Rocks" bekommen von uns fünf Sterne!



Nicht nur Gaumenschmaus sondern auch ein Augenschmaus das Essen in der Cantinetta(c)magazin.althoffhotels.com/moin-moin-es-gruesst-die-speicherstadt-hamburg/ Nicht nur Gaumenschmaus sondern auch ein Augenschmaus - das Essen in der Cantinetta (c) magazin.althoffhotels.com/moin-moin-es-gruesst-die-speicherstadt-hamburg/

Unser Verdauungsspaziergang führt uns durch die geschmackvoll beleuchtete Hafenstadt, hinunter zum Hamburger Hafen. Wir wandern dem Elbufer entlang, mit Blick auf das König der Löwen Musical Zelt. Wir schlendern vorbei an den Landungsbrücken und dem alten Fischmarkt bis zu der architektonischen Sehenswürdigkeit Dockland. Vom Dach des Gebäudes genießen wir den Ausblick über den Hafen und atmen klare, kühle Seeluft ein.



Abendstimmung am Hafen (c) Malina Nwobuonwor Abendstimmung am Hafen (c) Malina Nwobuonwor

2. Jänner. Bevor wir die Heimfahrt antreten, treiben wir uns noch einen Tag im Hamburger Stadtviertel St. Pauli herum. Bekannt ist St. Pauli für das Rotlichtmilieu und die Reeperbahn. Ein Muss ist für uns jedoch das St. Pauli Theater. Hier heißt es nämlich: hereinspaziert in Hamburgs älteste Kulturstätte. Seit 1841 beherbergt dieses schöne, denkmalgeschützte Gebäude dieses Privattheater. Das Programm ist vielfältig und bietet von Musiktheater à la Broadway bis zu hochklassigem Kabarett so gut wie alles.
Nach der Vorstellung wollen wir noch nicht nach Hause, zu Groß ist der Abschiedsschmerz von Hamburg. Da wir allerdings auch nicht genau wissen, wo wir auf der Reeperbahn hinsollten, nehmen wir lieber den Ratschlag von Freunden wahr und steuern eine Bar namens "Hong Kong Hotel" an.



Hongkong Bar (c) Malina Nwabuonwor "Hongkong Bar" - Treffpunkt für chinesische Seeleute (c) Malina Nwabuonwor

Hier auf der Reeperbahn existierte bis in die 1930er Deutschlands einzig wahres "Chinatown". Während des Nationalsozialismus wurde das Viertel zerstört. Geblieben ist nur eine Bar. Die Hong Kong Bar von Chong Tin Lam. Der Geruch von Soja, Ingwer und Exotik ist längst gewichen, doch alte Geschichten leben hoch in dieser Bar. Die Bar soll Stammkneipe für chinesische Seeleute und trotz Kriegszeiten reger Treffpunkt für die chinesische Gemeinschaft gewesen sein, erklärt uns die heutige Besitzerin, Nachfahrin des Lokalgründers. Die wilde Vergangenheit sind heute nur noch alte Sagen, aber geschichtlich Spannung pur. Irgendwann wird es schwer zwischen Erzählung und Wahrheit zu unterscheiden, so verrückt sind manche Anekdoten. Eine Aussage können wir jedoch mit Sicherheit bestätigen: den besten Schnaps in St.Pauli serviert die "Hong-Kong Bar".

Wir nehmen bis in die späten Abendstunden hinein Abschied von Hamburg. Ein gelungener Übergang ins neue Jahr und ein kulinarisch und kulturell äußerst bereichernder Urlaub liegt bald hinter uns.



Immer wieder gut - Fischbrötchen (c) Malina Nwabuonwor Immer wieder gut - Fischbrötchen (c) Malina Nwabuonwor

 

 

 
 
 
 

Kristoffer Nagel
Lebemann und reiselustiger Regisseur hat sich dem Bewegtbild verschrieben und bloggt außerdem auf der Website vomsuchenundfinden.com über nahe und ferne Länder, sowie spannende Geschichten.
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