13.11.2016

Auf den Spuren der Thüringer Weihnachtsgurke


TRAVEL
Text — Gerhard Liebenberger



Bunter Glasschmuck, Christbäume auf öffentlichen Plätzen und so manches bekannte Weihnachtslied haben in Thüringen ihren Anfang. Der Besuch der stimmungsvollen Adventmärkte macht eine Winterreise durch Thüringen zum einmaligen Erlebnis. Der Duft der gerösteten Nüsse liegt in der Luft, Lichter glitzern auf Marktständen und in so manchem Weihnachtsbaum ist eine Gurke versteckt. Kein Scherz! Die Weihnachtsgurke gehört zu den vielen Weihnachtstraditionen, die aus Thüringen stammen.

Beim Aufstieg zur Wartburg reißt der Nebel auf, die Sonne blitzt durch den Dunst. Eine mystische Stimmung, perfekt für einen historischen Weihnachtsmarkt. Je näher ich zum Eingang in den Burghof komme desto deutlicher ist die mittelalterliche Musik zu hören. Auf der Wartburg scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Feuer flackert an manchen Stellen und einige Händler zeigen schon fast vergessene Handwerkskünste. Kerzenzieher, Glasbläser, Steinmetze und Kräuterfrauen bieten ihre Waren feil. Und Stephan von der Wartburg ruft mich gleich für einen Schwatz und ein heißes Getränk zu seinem Stand. Hinter dem scheinbar rauen Gesellen mit Lederschürze und dicker Fellmütze verbirgt sich ein lustiger Kerl, der stets einen Scherz auf den Lippen hat. Neben uns hat ein Chor Weihnachtslieder angestimmt. O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! , wer kennt diese bekannte Melodie nicht? Der Text des Weihnachtsliedes stammt aus Thüringen. Der Dichter und Weimarer Waisenvater Johannes Daniel Falk gab der Melodie des italienischen Marienlieds die deutsche Textfassung.

Stephan von der Wartburg (c) Gerhard Liebenberger Stephan von der Wartburg (c) Gerhard Liebenberger



Die Warthburg in Eisenach (c) Gerhard Liebenberger Die Warthburg in Eisenach (c) Gerhard Liebenberger

Bei einer Weihnachtsreise nach Thüringen darf ein Besuch in Weimar nicht fehlen.  Mit einem wärmenden Glühwein in der Hand stehe ich am Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus und blicke gespannt auf den Glockenturm.  Jeweils zur vollen Stunde spielt das Glockenspiel aus Meißner Porzellan verschiedene Weihnachtslieder. Oh du fröhliche erklingt am Nachmittag zwischen 15 und 19 Uhr.

Goethe-Schiller Denkmal Weimar (c) Gerhard Liebenberger Goethe-Schiller Denkmal Weimar (c) Gerhard Liebenberger

Am Rathausplatz in Weimar, dort wo ich gerade dem Glockenspiel lausche, stellte der Buchhändler Hoffmann vor genau 201 Jahren den ersten öffentlichen Weihnachtsbaum vor seinem Geschäft auf. Er wollte damit weniger gut situierten Kindern eine Freude bereiten. Es dauerte noch fast hundert Jahre bis es üblich wurde in jeder Wohnstube zu Weihnachten ein Christbaum zu schmücken. Der Legende nach stellte Mitte des 19. Jahrhunderts ein Glasbläser erstmals Christbaumschmuck aus Glas her. Er konnte sich teure Winterfrüchte wie Walnüsse und Äpfel nicht leisten. Darum fertigte er farbige Kugeln aus Glas und schmückte damit seinen Weihnachtsbaum.

Christbaumschmuck aus der Glashütte Lauscha (c) Gerhard Liebenberger Christbaumschmuck aus der Glashütte Lauscha (c) Gerhard Liebenberger

Wissenschaftlich belegen lässt sich die Legende in genau dieser Form nicht. Aber unabhängig davon trat die Christbaumkugel im Jahr 1880 von Thüringen aus ihren Siegeszug um die Welt an. Heute sind die bunten Kugeln und Figuren vom Christbaum nicht mehr wegzudenken. Besonders handgemachter Schmuck ist sehr begehrt. Unter anderem am kleinen Hügel an der Unterseite der Kugel und an der Bruchstelle unter der Kappe ist erkennbar, dass es sich beim Christbaumschmuck um Handarbeit handelt.

Glashüüte Lauscha (c) Gerhard Liebenberger Glashüüte Lauscha (c) Gerhard Liebenberger

Woher dieser Nippel und die Bruchstelle stammen erfahre ich in der Farbglashütte in Lauscha. Dort werden heute noch in traditionellen Verfahren Glasprodukte und Christbaumschmuck aus Glas hergestellt. Wer sich s zutraut kann sogar seine eigene Christbaumkugel aus Glas blasen. Beim Schmücken des Weihnachtsbaumes sind derzeit Silber, Weiss und Pastelltöne besonders beliebt. Ein Schmuck bleibt allerdings immer grün: Die Gurke. Sie darf in keinem Thüringer Weihnachtsbaum fehlen und ist zwischen den grünen Zweigen gut getarnt. Jenes Kind, das sie als erstes findet, bekommt ein Extrageschenk oder darf sein Weihnachtsgeschenk als erstes auspacken.

Die Thüringer Weihnachtsgurke (c) Gerhard Liebenberger Die Thüringer Weihnachtsgurke (c) Gerhard Liebenberger

Diese lustige Tradition wird auch außerhalb Thüringens immer beliebter. An Weihnachtsschmuck-Ständen am Adventmarkt darf das grüne Gemüse aus Glas nicht fehlen. Am Domplatz in Erfurt erleben Gäste den Bummel zwischen Stände mit Dekorationen, Geschenkideen und Leckereien in einer besonderen Kulisse. Der Erfurter Weihnachtsmarkt zählt zu den schönsten Weihnachtsmärkten in Mitteleuropa. In der Mitte des Platzes glitzern der festlich geschmückte Weihnachtsbaum und die Weihnachtspyramide, der beeindruckend beleuchtete Dom macht für mich das Wow-Gefühl perfekt.

Der Weihnachtsmarkt am Domplatz in Erfurt (c) Gerhard Liebenberger Der Weihnachtsmarkt am Domplatz in Erfurt (c) Gerhard Liebenberger

Einen tollen Überblick über den Markt und die Stadt bietet eine Fahrt mit dem Weihnachtsriesenrad. Für wenige Sekunden entfliehe ich dem Stimmengewirr am Markt. Die kleine Gondel fährt vorbei an den imposanten Mauern des Doms immer weiter hinauf, der eisige Wind pfeift im Gestänge des Riesenrads. Von der Spitze ist für kurze Zeit der Blick über die Altstadt von Erfurt frei, dann verliert die Gondel wieder an Höhe. Stimmen und Musik vom Weihnachtsmarkt werden wieder lauter und bald sind auch die gebrannten Mandeln wieder zu riechen. Dann führt mein Weg nochmals zum Stand mit dem Weihnachtsschmuck, ich kaufe zum Abschied original Thüringer Weihnachtsschmuck. Dieses Jahr ziert erstmals auch meinen Christbaum eine Weihnachtsgurke.
 
 
 
 

Gerhard Liebenberger
geb. 1978 in Bruck/Mur, ist Reisender aus Leidenschaft: Meist alleine mit Rucksack und bevorzugt mit der Eisenbahn. Über seine Reisen, die ihn u.a. durch Sibirien, China, Japan und Indien führten, berichtet er in den Blogs andersreisen und schienenreisen. Auf Leinwand begeistert aktuell die Multivisions-Show „Süd Indien – Ein Bahn-Reise-Abenteuer“.
Weitere Stories

SERVICE
Oberösterreich an einem Tag entdecken
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Gasthaus Weiserhof
 
TRAVEL
Wandern zwischen Burgen und Heurigen
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Events im Sommer