16.10.2016

Unterwegs am Ostseeradweg von Lübeck bis Stralsund


ACTIVE
Text — Irene Hanappi



Lübeck: Der erste Gang führt nicht vom Bahnhof zu Thomas Mann und auch nicht zu Niedeck in die Marzipan-Hochburg, sondern ins Kaufhaus Karstadt. Bestseller dieser Tage ist die Regenhosen in Größe Medium war gerade noch eine einzige zu haben. Dazu die Gamaschen und dann noch das Regencape... Meine Wahl fiel auf Gelb. Warum nicht die Sonne heraufbeschwören? Dunkelblau, grau und schwarz...diese Farben beansprucht zur Zeit der Himmel für sich.

Herzlich willkommen als letzte Gäste der Familie Buddenbrook! heißt es in der Mengstraße 4. Die Beletage des schön restaurierten Giebelhauses diente den Großeltern des Dichters als Wohnung und ihm selbst dann als realistische Vorlage zur Beschreibung der Buddenbrook-Räume. Heute schafft eine Rauminstallation eine authentische Wie-Damals-Atmosphäre. Auch wenn sich die Bangigkeit angesichts der Wettervorhersage nicht wegleugnen lässt: Eine Radtour sagt man nicht einfach ab! Ein erster Trost beim Verlassen der Stadt: Der Regen fällt nicht als Guß oder Schwall vom Himmel, sondern als feuchtglänzender Film, der die Luft reinigt und die Farben auffrischt. Das Barockschloss Gross Schwansee empfängt uns in Rosarot: Es wird gerade Hochzeit gefeiert wird und die im Kreis aufgestellten Gäste entlassen jeder einen Luftballon in den Himmel. Die gesamte Anlage wurde getreu der historischen Vorlage restauriert. Viele Details, wie die Stuckdecken in den Gesellschaftsräumen, sind noch erhalten. In der Küche des Herrenhauses befindet sich das Restaurant, da trinken wir unseren Nachmittagskaffee.

Schloss Gross Schwansee (c) www.schwansee.de Schloss Gross Schwansee (c) www.schwansee.de

Erste Erkenntnis an diesem Tag: Auch das flache Land kann einem Einiges abverlangen. Vor allem, wenn der Wind weht und der Boden manchmal sandig und manchmal matschig ist. Zweite Erkenntnis: der Regen stört beim Radeln nicht. Eigentlich sind ihm ja nur Wangen und Lippen ausgesetzt, und wenn die Zunge hin und wieder einen Wassertropfen einfängt, erspart man sich das Trinken. Was den Regen noch sympathisch macht: Er fegt die Straßen leer und auch die Radwege. Über weite Strecken sind wir allein. Links vom Weg rauscht das Meer und rechts davon der Wald.

Die Großsteingräber bei Rerik (c) Irene Hanappi Die Großsteingräber bei Rerik (c) Irene Hanappi

In Boltenhagen ist es nicht schwer ein Quartier zu finden. Wir entscheiden uns für das Bauernhaus , ein strohgedecktes Schmuckkästchen aus dem Jahre 1803 umgeben von bunter Blumenpracht. Boltenhagen ist das zweitälteste Ostseebad und schon 1838 übernachteten die Gäste in solchen schornsteinlosen Katen . Am Ortsrand erstreckt sich entlang der Dünen eine schattige Promenade, die nur von Spaziergängern und Radfahrer frequentiert wird. Die Villen, die sich hier in angemessenen Abstand aneinanderreihen, würden gut in einen Thomas Mann Film passen. An ihrer äußeren Silhouette hat sich kaum etwas verändert. Und auch die Rhododendronhecken sind wohl noch die gleichen. Die Strecke verläuft weiter abseits der Straße. Hier ist das Land weit, die Natur spürbar nah, der Strand kilometerlang und das Meer unendlich. Eichen-, Birken- und Linden-Alleen als einzige Dominanten im flachen Land... Rapsfelder, die sich bis zum Meer hinziehen und dann abrupt mit der Felswand enden...Ein Schwan vor dramatisch verfärbtem Gewitter-Himmel im Haff, wie das der Küste vorgelagerte Brackwasser genannt wird.

Rapsfelder, Baumalleen und der weite Horizont (c) Irene Hanappi Rapsfelder, Baumalleen und der weite Horizont (c) Irene Hanappi

Anders als erwartet, steigt die Stimmung mit jedem Kilometer. Lachen beim Durchfahren einer Wasserlache. Lachen auch in der Tittentasterstraße, wie ganz offiziell durch ein Straßenschild dokumentiert, die Knutsch-Ecke von Wismar heißt. Wismar, die Weltkulturerbe Stadt hat viele kleine sympathische Lokale.

Schilfgedeckte Schifferkirche in Ahrenshoop (c) Irene Hanappi Schilfgedeckte Schifferkirche in Ahrenshoop (c) Irene Hanappi

Irgendwann im Laufe des Tages hört der Regen auf und das erzeugt Glücksgefühle, so stark wie kein Sundowner im Süden sie erzeugen könnte. Die Seebrücke in Kühlungsborn verwandelt sich da in die Engelsbucht von Nizza die Apfelschorle perlt am Gaumen wie ein kühler Schluck Veuve Clicquot. So Fisch wie noch nie, heißt das Motto in der Boje, dem Strandrestaurant von Graal-Müritz. Knusprig gebratene Rotbarschfilets mit Wirsing und Überraschung! ein Grüner Veltliner aus dem Kamptal warten versteckt hinter den Dünen. Gegen 20 Uhr fallen die letzten Sonnenstrahlen des Tages hier ein und der Gastgarten neben dem kleinen Kiosk verströmt tatsächlich so etwas wie Heurigenatmosphäre. Schöner kann ein Tag am Strand oder im Sattel eines Fahrrades eigentlich nicht zu Ende gehen.

Die Strandkörbe mit wetterfestem Stoffbezug gibt es bereits seit 1882 an der Ostsee (c) Irene Hanappi Die Strandkörbe mit wetterfestem Stoffbezug gibt es bereits seit 1882 an der Ostsee (c) Irene Hanappi

Albert Einstein schreibt 1919 aus Ahrenshoop, das wir am nächsten Tag erreichen: Hier ist es wundervoll, kein Telephon, keine Verpflichtung, absolute Ruhe.... Ich liege am Gestade wie ein Krokodil, lasse mich von der Sonne braten, sehe nie eine Zeitung und pfeife auf die sogenannte Welt .

Yachthafen in Ahrenshoop (c) Irene Hanappi Yachthafen in Ahrenshoop (c) Irene Hanappi

Wir tun es ihm gleich. Über weite Strecken sind nur die Vögel unsere Begleiter. Kein Motorenlärm tagelang! Strahlsund kommt uns dann vor wie eine Metropole. Der Besuch im Ozeaneum bietet zum Abschluss noch einmal einen umfassenden Überblick über Bodden, Haff, Wanderdünen und die ganze Tierwelt in und an der Ostsee.

Vor dem Rathaus im Stralsund (c) Irene Hanappi Vor dem Rathaus im Stralsund (c) Irene Hanappi



Das Ozeanum mit "Bewohnern" (c) Irene Hanappi Das Ozeanum mit "Bewohnern" (c) Irene Hanappi

Schön! Danach Stärkung im Fischkutter Free Willy , einer Imbissstube am Wasser. Hering, Heilbutt, Dorsch, Butterfisch und Flunder räuchert der Wirt im Ofen selbst und serviert sie als Fingerfood. Alle Nuancen von rauchig über salzig bis hin zu bitter-herb erschließen sich einem da am Gaumen. Dann empfiehlt Willy uns noch seine Fisch-Soljanka, eine feurige Ostsee-Bouillabaisse mit viel Paprika und Gemüse. Sie wird gern an kalten Tagen gelöffelt, erzählt er. Wir winken ab. Denn heute scheint ja in Strahlsund die Sonne.

Geräucherter Butterfisch bei Free Willy in Stralsund (c) Irene Hanappi Geräucherter Butterfisch bei Free Willy in Stralsund (c) Irene Hanappi

 
 
 
 

Irene Hanappi
ist Reisejournalistin. Sie schreibt für „Die Presse“, „Der Feinschmecker“, „Der Standard“ uva. Sie hat Reiseführer zu Pressburg, Brünn, Prag und Linz (alle im Falter Verlag) verfasst.
Weitere Stories

SERVICE
Oberösterreich an einem Tag entdecken
 
TRAVEL
Wandern zwischen Burgen und Heurigen
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Gasthaus Weiserhof
 
SERVICE
Tipps für Bahnreisen mit Kindern