03.07.2016

Nationalpark Donau-Auen: Ade Zivilisation, Servus Natur


ACTIVE
Text — Christina Rademacher



Den Dschungel durchstreifen, in unberührte Natur eintauchen und am großen Fluss die Zeit vorbeiströmen lassen. Wer in Haslau aus der S-Bahn steigt und in das grüne Dickicht des Nationalparks Donau-Auen eindringt, erlebt eine Verwandlung: Aus der Wiener Stadtfamilie wird ein Forscherteam auf Expedition.

Gerade noch saßen wir im Zug, fragten uns, wozu eigentlich die Unmengen silberglänzender Rohre der Raffinerie Schwechat benötigt werden und bestaunten beim Blick durch die Fenster auf der anderen Seite das ewige Wunder, dass große Maschinen abheben und fliegen können. Nachdem sich die S 7 am Flughafen geleert hat, bleiben nicht mehr allzu viele Fahrgäste übrig, die in Haslau aussteigen könnten. Auf dem Weg von der Bahnhaltestelle zum eigentlich nicht vorhandenen Ortszentrum sehen wir am nordwestlichen Horizont die zarten Miniaturen, zu denen die Türme und Hochhäuser Wiens geschrumpft sind. Ade Zivilisation, Servus Natur!

Miniatur-Wien am Horizont (c) Christina Rademacher Miniatur-Wien am Horizont (c) Christina Rademacher

Beim Infopunkt an der Haslauer Hauptstraße versorgen wir uns mit einem Folder über den Themenweg Der Bienenfresser im Au-Dschungel und ersten Fakten über den Nationalpark. Weil wir den Weg in umgekehrter Richtung gehen, um im Anschluss ein Picknick am Donaustrand zu machen, sind Pfadfinder-Qualitäten gefragt. Spielplatz und Aussichtsplattform mit Blick bis zum Hundsheimer Berg sind noch leicht zu finden.

Aussichtsplattform mit Blick auf Hundsheimer Berg (c) Christina Rademacher Aussichtsplattform mit Blick auf Hundsheimer Berg (c) Christina Rademacher

An der Brutwand des Bienenfressers, eines farbenprächtigen Zugvogels, der zumindest auf den Porträts an den Wänden des Beobachtungspunkt präsent ist, wären wir jedoch beinahe vorbeigegangen. Und nachdem wir vom Schotterweg links ab in den Auwald gebogen sind, umstellen uns plötzlich grüne Wände. Wo sich Lianen von den Bäumen bis hinunter zum Boden winden, Misteln wie Faultiere in den Wipfeln kleben und Brennnesseln ihre spitzen Zungen nach nackten Unterschenkeln ausstrecken, hat das Grün die erste Abzweigung nach rechts glatt verschlungen.

Expedition in die Brennnesseln (c) Christina Rademacher Expedition in die Brennnesseln (c) Christina Rademacher

Im Frühling macht dieser Naturlehrpfad jenseits aller Stationen vor allem eines klar: Mit welcher Macht sich die Pflanzen Terrain erobern, wenn man sie nur lässt. Von allen Seiten bedrängen sie ein Holzregal, in dem ein Kasten auf Knopfdruck zwitschert wie die Vögel im Wald, und auch das Wildschweinimitat wenige Meter weiter ist im frischen Grün so gut getarnt, dass es Jäger nicht fürchten muss.

Gut getarntes Wildschweinimitat (c) Christina Rademacher Gut getarntes Wildschweinimitat (c) Christina Rademacher

Vorbei an einem Tümpel, einem Picknickplatz mit Sitzgelegenheiten aus Baumstämmen, denen trotz tropischer Wärme noch die Feuchtigkeit des Winters innewohnt, und einem Altarm, an dem ein Baum mit Hochwassermarken die gewalttätige Seite der Natur aufzeigt, gelangen wir an den Fuß der Geländestufe, die Haslau und seine Nachbarorte auf natürliche Weise vor dem Hochwasser der Donau schützt. Rechts der Traverse üben sich drei Schwäne im Synchronputzen, links einige Fische im Synchronschwimmen.

Baum mit Hochwassermarken (c) Christina Rademacher Baum mit Hochwassermarken (c) Christina Rademacher

Am Treppelweg angekommen biegen wir links ab und gehen dort am Donaustrand vor Anker, wo seit kurzem auch die Uferfähre Haslau Orth abfährt. Wer Lust auf weitere Aktivitäten hat, setzt mit dem kleinen Katamaran schräg über die Donau, um den Nationalpark am anderen Ufer vom Wasser aus zu erkunden, entweder mit einer hölzernen Tschaike, einem Schiffstyp, der einst als Militärschiff die habsburgische Donauflotte verstärkte, oder mit einem modernen Schlauchboot. Während sich die Tschaike heute mit Motorkraft Flusskilometer erkämpft, müssen die Teilnehmer der Gummibootexkursion selbst in einen Altarm paddeln. Als Lohn werden nicht nur die Armmuskeln, sondern auch die Sinne gestärkt.

Schlauchbootexkursion in den Nationalpark (c) Christina Rademacher Schlauchbootexkursion in den Nationalpark (c) Christina Rademacher

Dabei sollte man für ungewohnte Gerüche offen sein: Ranger Peter Trampota, der 1984 die Besetzung der Hainburger Au mitgeplant und umgesetzt hat und damit zu denen gehört, denen wir die Existenz des Nationalparks verdanken, reibt seiner Mannschaft gern einmal Castoreum, auch Bibergeil genannt, unter die Nase, indem er sein Paddel in ein kleines, harmlos aussehendes Häufchen Erde am Ufer sticht und zwecks Geruchsprobe herumreicht. Den vergangenen Appetit weckt er anschließend wieder, indem er seiner skeptisch dreinschauenden Gruppe empfiehlt, die Blu?ten von Brennnesseln zu probieren. Während er beherzt einen Stängel abbricht, zwicken Erwachsene und Kinder, die noch die unerwünschten Begegnungen vom Vormittag im Kopf und die Quaddel an den Beinen haben, vorsichtig eine Blüte ab und schieben sie sich noch vorsichtiger in den Mund. Weiß man, ob es nicht doch brennt? Doch die knusprige Blu?te schmeckt nur etwas wu?rzig. Wer zu faul ist für derlei Experimente und auch für eine Wanderung vom Uferhaus zum Nationalparkzentrum in Schloss Orth, von wo aus (gelegentlich) ein Bus zurück in die Hauptstadt fährt, bleibt einfach am Donaustrand zwischen Haslau und Maria Ellend liegen und philosophiert über die unterschiedlichen Schiffstypen: die phlegmatische Tschaike, die anderen Schiffen so gut wie möglich aus dem Weg geht; den cholerischen Twin City Liner, der aggressiv durch das Wasser pflügt; die heitere Uferfähre, die pfiffig die Strömung ausnutzt; und das melancholische Frachtschiff, das dem Wasser jeden Meter stromaufwärts abringt. Wer auch dazu zu träge ist, lässt Kiesel über das Wasser springen, fischt eine vorbei treibende Bierdose aus der Strömung oder lässt sich von ihrem Rauschen zu einem Nickerchen überreden.

Flusskreuzfahrtschiff auf der Donau (c) Christina Rademacher Flusskreuzfahrtschiff auf der Donau (c) Christina Rademacher



Kieselwerfen am Donaustrand (c) Christina Rademacher Kieselwerfen am Donaustrand (c) Christina Rademacher

Wenn es Zeit für die Rückkehr in die Zivilisation ist, wird aus der faulen Familie wieder ein Forscherteam, das den Weg durch den Auendschungel zur Bahnhaltestelle Maria Ellend finden muss. Zuerst gilt es, ein paar hundert Meter stromaufwärts die Abzweigung aufzuspüren, die zwischen hochbeinigen Fischerhütten wiederum den Altarm quert. Ein startender Reiher schwebt wie ein Vorbote auf den Flughafen in Schwechat über die Traverse, auch wenn es ein Kranich ist, den eine große deutsche Fluggesellschaft seit mehr als 50 Jahren als Markenbild in den Himmel trägt. Uns bringt die S-Bahn wieder zurück nach Wien, nachdem wir die Geländestufe erklommen und den verschlafenen Wallfahrtsort durchquert haben. Das Forscherteam lassen wir unten in der Wildnis zurück. Dort kann es sich ja von Brennnesselblüten und Fischen ernähren, bis wir die nächste Dschungelexpedition starten.
 
 
 
 

Christina Rademacher
ist Expertin für (ent)spannende Streifzüge durch Wien und Niederösterreich. Dabei ist die Journalistin prinzipiell ohne Auto unterwegs, denn nachdenken und schreiben lässt sich nirgendwo besser als in der Bahn. Auf diese Weise sind schon einige Bücher entstanden, zum Beispiel „Vom Hinterhof in den Himmel: 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien“, „Auf den Spuren von Prunk & Pomp: Unterwegs zu den schönsten Schlössern in und um Wien“ und „Unterwegs zwischen Wien und Bratislava: Genussvoll durch Marchfeld und Donauauen“. Zuletzt erschienen: „Pilger für einen Tag: Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern“.  
Weitere Stories

STÄDTETRIPS
Im Osten viel Neues
 
LIFESTYLE
Zugstars
 
MOBILITÄT
Das grüne Erlebnis
 
ABENTEUER
Höhenrausch & Glücksgefühle