22.05.2016

Dem Lauf des Wassers folgen


ACTIVE
Text — Sabine Weyrer



In 43 Etappen führt der Alpe Adria Trail durch die Regionen Kärnten, Slowenien und Friaul Julisch Venetien. Etappe Sieben verspricht dabei magische Einblicke in die faszinierende Groppensteinschlucht im Mölltal und hält am Ende eine köstliche kulinarische Spezialität bereit.

Noch heute kann man sich auf die Spuren der alten Säumerwege begeben, die von Mallnitz hinüber in das Gasteinertal führen. Zu Zeiten der Römer waren diese Pfade eine unerlässliche Verbindung in den Norden und Grundlage für den Saumhandel. So fand das Salz aus den Salinen den Weg in den Süden und Wein wurde gemeinsam mit anderen Waren auf schweren Fuhrwerken über den Tauern in das Gasteinertal gekarrt. Erst 1909 wurde die Tauernbahn eröffnet. Mit dieser Anbindung an den internationalen Bahnverkehr verbesserte sich die Erreichbarkeit von Mallnitz wesentlich. Der Tourismus hielt Einzug in das Tal, Wanderer und Naturliebhaber sind bis heute gleichermaßen fasziniert von dem Charme des malerischen Bergsteigerdorfes. Hier am Bahnhof von Mallnitz nach meiner Anreise mit dem Zug beginnt auch mein heutiges Abenteuer. Gemeinsam mit Nationalparkranger Ron Kapteyn will ich eine Etappe des Alpe-Adria-Trails begehen. Wer sich nun denkt: Nein, der Name Kapteyn klingt nicht gerade einheimisch, behält recht. Ron kommt ursprünglich aus Holland, hat sich jedoch auf seinen Reisen nach Kärnten mehr und mehr in die unverfälschte Landschaft verliebt und zog kurzerhand vor 11 Jahren mit Sack und Pack ins Mölltal. Zu keiner Stunde hat er diesen Schritt bis jetzt bereut.

Ron zog vor 11 Jahren mit Sack und Pack von Holland ins Mölltal (c) Sabine Weyrer Ron zog vor 11 Jahren mit Sack und Pack von Holland ins Mölltal (c) Sabine Weyrer

Verständlich. Aber zurück zum Trail: Vom Fuße des Großglockners führt der Weitwanderweg in 43 Etappen durch die Berg- und Seenlandschaft Kärntens und über dessen Grenzen hinweg weiter nach Italien und Slowenien an die azurblaue Adria. Soweit gehen wir heute natürlich nicht, aber bis nach Obervellach sollten wir es schon schaffen. So wird der Rucksack geschultert, die Wanderschuhe geschnürt und losmarschiert. Gemeinsam machen wir uns auf zum ersten Naturjuwel auf der Etappe, dem Stappitzer See.

Der Stappitzer See, ein Relikt aus der letzten Eiszeit (c) Sabine Weyrer Der Stappitzer See, ein Relikt aus der letzten Eiszeit (c) Sabine Weyrer

Dieses wertvolle Kleinod liegt in der Außenzone des Nationalparks Hohe Tauern und ist ein Relikt aus der letzten Eiszeit. Durch seine Lage gilt er als ideale Raststation für zahlreiche Zugvögel. Auf einer eigens eingerichteten Beobachtungswarte kann dieses Naturschauspiel besonders eindrucksvoll erlebt werden. Schwindelfrei zu sein schadet nicht Anschließend führt uns der Trail hinab zur Rabischschlucht. Ron erklärt die Entstehung: Ein riesiger Felssturz vom Gipfel des Auernig ließ am Ende der Eiszeit gewaltige Steinbrocken den Berg hinabdonnern. Über die Jahre grub sich der Mallnitzbach tief in diese Gesteinsmassen ein. Daraus bildete sich die Schlucht. Was Ron mir in wenigen Minuten erzählt, dauerte in der Natur hingegen Jahrtausende von Jahren.

In der Rabischschlucht bieten Aussichtsplattformen tolle Einblicke (c) Sabine Weyrer In der Rabischschlucht bieten Aussichtsplattformen tolle Einblicke (c) Sabine Weyrer

Nicht so lange hingegen dauert unser Weg zum Gasthof Zur guten Quelle , wo wir uns eine kurze Pause gönnen. Während ich mich mit einem Getränk erfrische, plaudert Ron schon wieder aus dem Nähkästchen: Die Kräuter für die Speisen hier wachsen rund um uns herum, der Wirt sammelt sie in freier Wildbahn. Wilder Oregano, Basilikum, an warmen Hängen findest du sie alle, du musst nur die Augen offenhalten. Na dann, nichts wie weiter, denn das nächste Highlight, die Groppensteinschlucht wartet schon. Auf einer Länge von 2,5 Kilometern wandert man über spektakuläre Steiganlagen, die teilweise bis zu 40 Meter hoch über dem glasklaren Wasser liegen. Stromschnellen und tosende Wasserfälle bilden ein atemberaubendes Schauspiel. Erbaut wurde die Weganlage durch die Schlucht vor sechs Jahren, Ron war maßgeblich daran beteiligt und kennt die Schlucht daher in- und auswendig Dennoch sagt er: Die Schlucht ist niemals gleich. Sie ändert täglich, ja stündlich ihre Farben, ihre Wasserkraft, ihre Stimmung. Es ist jedes Mal aufs Neue ein beeindruckendes Naturschauspiel und ein Kraftort.

40 Meter hoch führt die Steiganlage über mächtige Wasserfälle hinweg (c) sabine Weyrer 40 Meter hoch führt die Steiganlage über mächtige Wasserfälle hinweg (c) Sabine Weyrer



Wegweiser geben die Richtung vor, nur nicht dem Dösener Bach (dahinter) (c) Sabine Weyrer Wegweiser geben die Richtung vor, nur nicht dem Dösener Bach (dahinter) (c) Sabine Weyrer

Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht nur dem Wasser selbst, auch der Flora und Fauna sollte man Beachtung schenken. So wachsen hier seltene Orchideen und die Waldrebe. Im Frühjahr ist die Schlucht ein Vogelparadies für Wasseramsel, Bachfink, Zaunkönig, Tannenmeise und vielen anderen Arten. Auch der seltene Feuersalamander dreht hier gerne seine Runden.

Verschiedenste Pflanzen zieren den Weg, wie hier die Kuckucksblume (c) Sabine Weyrer Verschiedenste Pflanzen zieren den Weg, wie hier die Kuckucksblume (c) Sabine Weyrer

Den Endpunkt markiert schließlich ein historischer Mautturm, wo auch heute ein kleines Eintrittsgeld (6 Euro) für die Instandhaltung und Wartung der Schlucht kassiert wird.

Der Weg ist das Ziel (c) Sabine Weyrer Der Weg ist das Ziel (c) Sabine Weyrer

Der Alpe-Adria-Trail ist somit im Tal angelangt und wir wandern weiter nach Obervellach zum Zielpunkt der heutigen Etappe. Dort wartet noch eine ganz besondere Köstlichkeit aus der Region auf uns. Ein g sunder Genuss: Der Alpenlachs aus Obervellach Im Oberstbergmeisteramt, einem 500 Jahre altem Gebäude im Dorfkern, dürfen wir nämlich den berühmten Obervellacher Alpenlachs verkosten. Dabei handelt es sich dabei um eine Saiblingsart, die sich von allen Lachsfischen am weitesten in den Norden des Eismeeres vorwagt.

Nach der Wanderung folgt eine Stärkung im Oberstbergmeisteramt (c) Sabine Weyrer Nach der Wanderung folgt eine Stärkung im Oberstbergmeisteramt (c) Sabine Weyrer



Frischer Alpenlachs aus Obervellach mit einem Glas Alpenlachswein (c) Sabine Weyrer Frischer Alpenlachs aus Obervellach mit einem Glas Alpenlachswein (c) Sabine Weyrer

In Obervellach findet der Eismeer-Saibling mit dem klaren, sauberen und kalten Bergquellwasser ideale Bedingungen vor, um als köstlicher Speisefisch seinen Genießern Freude zu bereiten. Darüber hinaus weist er höchste Anteile an den gesunden und wichtigen Omega-3-Fettsäuren auf. Dazu ein Glas Alpenlachswein und schließlich drängt sich in mir zu Recht die Frage auf: Ja, kann man denn eine Wanderung noch genussvoller ausklingen lassen als hier? Nein, ich glaube nicht.
 
 
 
 

Sabine Weyrer
eine Kärntnerin mit Leib und Seele: Geboren 1986 in Friesach, auf-gewachsen in Glödnitz, mittlerweile am Fuße der Burg Hochosterwitz sesshaft geworden. Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften in Klagenfurt. Als freie Journalistin, Texterin und Bloggerin  unterwegs. Naturmensch, Bergfreak und Feinschmecker.
Weitere Stories

LIFESTYLE
Eisenbahnerwirt vom Feinsten
 
ABENTEUER
Transsibirische Eisenbahn
 
STÄDTETRIPS
Städteportrait Zürich
 
INS GRÜNE
Salzburgerland Almsommer