08.05.2016

Sylt: Großes Herz, weiter Horizont


TRAVEL
Text — Jasmin Kreulitsch



Es gibt Reiseziele, über die hat man einfach Vorurteile. Sylt ist eines davon. Zu exklusiv, zu elegant, zu exaltiert. Doch dann stand ich zwischen Weststrand und Wattenmeer und warf erleichtert jedes Vorurteil in die raue Nordsee. Das mit Sylt und mir, das war Liebe auf den ersten Blick - und ich kam nicht umhin, mein Herz für diese magische Insel zu öffnen. Kein Wunder, schließlich lautet der friesische Wahlspruch der Insulaner "Rüm hart - klaar kiming": "Großes Herz - weiter Horizont."

Ich war am anderen Ende der Welt und sah die Sonne über der afrikanischen Steppe untergehen. Ich stand am nördlichsten Zipfel Schottlands und staunte in der Abenddämmerung über den dort sehr typischen himbeerroten Himmel. Ich trank Sundowner in angesagten Rooftopbars in Dubai und Singapur und hatte das Glück, einen Sonnenuntergang in den gigantischen Berglandschaften Nepals zu bewundern. Aber kein Sonnenuntergang hat mich mehr berührt als jenes farbenprächtige Naturschauspiel am Strand von Westerland auf Sylt. Sylt, das bedeutet in Zahlen: Die Insel dehnt sich von Norden nach Süden auf 38 Kilometern aus, an ihrer breitesten Stelle misst sie 12,6 Kilometer, an ihrer schmälsten lediglich 320 Meter. Das macht die viertgrößte Insel Deutschlands überschaubar und man braucht nur wenige Tage, um Sylt rundherum zu entdecken. Am besten startet man in Westerland; hier kommen nicht nur die Züge vom Festland an, hier ist auch das Herz der Insel, wenn die Stadt auch nur rund 9.000 Einwohner hat. Doch kaum wird es Sommer, strömen Tausende Urlauber zur Sommerfrische auf die Insel, heute wie damals. Bekannt als die "deutschen Hamptons" oder das "Saint-Tropez des Nordens" war Sylt immer schon beliebt: Schauspiellegende Marlene Dietrich und Komponist Richard Strauss kamen ebenso hierher wie die Literaten Max Frisch, Theodor Storm und Thomas Mann. Markenzeichen der Insel sind die rund 20.000 Strandkörbe in blau-weiß, die jedem Strand hier das typische Aussehen verleihen und wo Urlauber in den wärmeren Monaten wie in einem Mini-Wohnzimmer den Tag verbringen.

Romantisch: Der Sonnnuntergang auf Sylt kommt in besonders intensiven Farben daher. (c) Jasmin Kreulitsch Romantisch: Der Sonnnuntergang auf Sylt kommt in besonders intensiven Farben daher. (c) Jasmin Kreulitsch



Süß: Die Nachspeisen im "Sunset Beach" fallen in die Kategorie "dessert with a view." (c) Jasmin Kreulitsch Süß: Die Nachspeisen im "Sunset Beach" fallen in die Kategorie "dessert with a view." (c) Jasmin Kreulitsch

Warm ist übrigens relativ: Selbst im Sommer gibt es hier nur eine durchschnittliche Temperatur von 18 Grad, auch das Wasser der Nordsee ist ordentlich frisch mit 17 bis 19 Grad. Da kühlt man sich fast lieber in einem der Strandlokale bei einem Hugo ( 7) ab, zum Beispiel im  Sunset Beach (Brandenburger Str. 15) hoch über den Dünen, wo man in Westerland den schönsten Blick über den Weststrand hat. Die  Badezeit (Dünenstr. 3) wenige Meter weiter war einst ein Milchkurhaus, heute gibt s hier Partys und DJs und die Karotten-Orangen-Suppe mit Nordseekrabben ( 6,50) wärmt einen bei Schietwetter. Wer auf der Strandpromenade unterwegs ist, muss unbedingt bis zum Aussichtspunkt Himmelsleiter (Schützenstraße 22) spazieren: Erklimmt man die 26 Meter auf der Holztreppe, hat man wirklich das Gefühl, in den Himmel zu steigen - und zudem das perfekte Fotomotiv gefunden: Der Blick über den 40 kilometerlangen Weststrand wirkt unendlich!

Typisch: Die blau-weißen Strandkörbe prägen das Bild von Sylt. (c) Jasmin Kreulitsch Typisch: Die blau-weißen Strandkörbe prägen das Bild von Sylt. (c) Jasmin Kreulitsch

In Westerland findet man auch die besten Shops für Mitbringsel, die den besonderen Twist haben. Das Label  Inselkind (Stephanstr. 8) startete beispielsweise als Kinderlabel, heute gibt s auch lässige Hoodies, T-Shirts oder Schmuck mal mit Möwenprint, mal mit dem Sylter Motto: "Rüm hart, klaar kiming". Nur wenige Meter entfernt ist der süße Shop Min Söl (Wilhelmstr. 5): Von Taschen über Schmuck bis hin zu Accessoires und Interieur gibt es hier nur Sachen, die von der Insel stammen oder Sylt-Bezug haben, vieles davon Einzelteile oder nachhaltig gefertigte Produkte. Süßschnäbel schauen unbedingt im  Café Wien (Strandstr. 13) vorbei: Hier gibt es einen Shop der Sylter Schokoladenmanufaktur, die auf der Insel das ist, was bei uns die Firma Zotter ist. Tipp: die Sorte Salzkaramell mit Cashews ( 3,50). Und wer Sylter Spezialitäten mitnehmen mag, der wird im Gosch Markt (Friedrichstr. 26) fündig und kauft Sylter Matjes (400 g, 11,50) oder Rote Grütze (400 g, 4,90).

Trendy: Shoppen kann man überall auf der Insel gut. ((c) Jasmin Kreulitsch Trendy: Shoppen kann man überall auf der Insel gut. ((c) Jasmin Kreulitsch



Das perfekte Mitbringsel von Min Söl (c) Jasmin Kreulitsch Das perfekte Mitbringsel von Min Söl (c) Jasmin Kreulitsch



Zuckersüß: Die Schokoladen der Sylter Schokoladenmanufaktur gibt es in unzähligen Sorten. (c) Jasmin Kreulitsch Zuckersüß: Die Schokoladen der Sylter Schokoladenmanufaktur gibt es in unzähligen Sorten. (c) Jasmin Kreulitsch

Jetzt wird es aber Zeit für eine Inseltour und den Besuch des Ortes, der auf Sylt die größten Klischees bedient. Mit dem Bus dauert es gerade mal 15 Minuten bis nach Kampen, das als besonders exklusiv und exaltiert gilt. Ob Porsche oder Ferrari: Jedes zweite Auto hier verströmt Luxus pur und der Champagner fließt durchaus in Strömen, wenn hier auf dem berühmten Strönwai gefeiert wird, auch bekannt als Whiskymeile. Hier sind aber nicht nur die Lieblingslokale der Sylter Szene wie der  Pony Club (Strönwai 6) und das  Gogärtchen (Strönwai 12), hier reihen sich auch die Läden von High-Class-Designer wie Louis Vuitton, Hermès, Tod s, Burberry, Bottega Veneta, Chopard oder Bulgari aneinander.

Luxeriös: Der Sylter Shop von Louis Vuitton ist weltweit das einzige Geschäft in einem reetgedeckten Haus. (c) Jasmin Kreulitsch Luxuriös: Der Sylter Shop von Louis Vuitton ist weltweit das einzige Geschäft in einem reetgedeckten Haus. (c) Jasmin Kreulitsch



Magisch: Railaxed-Autorin Jasmin Kreulitsch genießt die Aussicht von der Uwe-Düne. Magisch: Railaxed-Autorin Jasmin Kreulitsch genießt die Aussicht von der Uwe-Düne.

Shoppen ist hier aber nicht Pflicht, keine Sorge: Es genügt völlig, den Strönwai entlangzuschlendern, die Luxuslabels in den malerischen reetgedeckten Häusern zu bestaunen - und dann festzustellen, dass es nur wenige Meter benötigt, um Schickimicki gegen Naturwunder zu tauschen. Denn am Ende des Strönwai steht man plötzlich in einer hügeligen Dünenlandschaft und sieht in der Ferne den höchsten Punkt der Insel: die Uwe-Düne. Man spaziert über knirschende Holzbretter und zwischen Heidekraut und den typischen pinken Sylter Rosen zu einer Treppe, die über 109 Stufen auf 52,5 Metern Höhe führt. Oben angekommen hat man ein umwerfendes Panorama über die Insel - zum Meer hin ebenso wie zum berühmten Leuchtturm von Kampen. Der wird übrigens Christian genannt weil die meisten dänischen Könige so hießen. Tipp: Weiter nach Osten spazieren zum Roten Kliff bei Kampen: Bei Sonnenuntergang verfärbt sich die 30 Meter hohe Felswand rot, daher auch der Name der Klippe.

Zauberhaft: Der Leuchtturm in Kampen steht in einer hügeligen Dünenlandschaft. (c) Yasmin Kreulitsch Zauberhaft: Der Leuchtturm in Kampen steht in einer hügeligen Dünenlandschaft. (c) Jasmin Kreulitsch



Farbenfroh: Der Sonnenuntergang am Roten Kliff in Kampen ist besonders farbenfroh. (c) Yasmin Kreulitsch Farbenfroh: Der Sonnenuntergang am Roten Kliff in Kampen ist besonders farbenfroh. (c) Jasmin Kreulitsch

Weiter geht es in den Norden der Insel, wo sich am Sylter Ellebogen bei List die schmalste Stelle der Insel befindet und das Meer des Weststrands und das Wattenmeer der Ostseite aneinandertreffen. Über eine Privatstraße (Maut: 5) fährt man bis an den nördlichsten Punkt der Insel und befindet sich plötzlich zwischen Heidelandschaft, Wildvögeln und Schafen. Auf dem Weg kommt man an den Sylter Wanderdünen vorbei, deren Sandhügel stets in Bewegung sind: Selber darf man leider nicht darauf wandern, denn das machen die Dünen von ganz alleine: Bis zu vier Meter pro Jahr wandern sie nach Osten!

Sandig: Die Sylter Wanderdünen bewegn sich vier Meter im Jahr in Richtung Osten. (c) Jasmin Kreulitsch) Sandig: Die Sylter Wanderdünen bewegn sich vier Meter im Jahr in Richtung Osten. (c) Jasmin Kreulitsch)

Am Ellebogen angekommen wähnt man sich dann in einer anderen Welt: Butterweicher weißer Sand und türkisblaues Wasser wirken wie von der Karibik ins Friesland transferiert! Einziger Wehrmutstropfen: Schwimmen ist hier streng verboten, da die Strömungen lebensgefährlich sind! Zum Trost geht es dafür in die  Sylter Eismanufaktur (Dünenstr. 3) in List, in der nur Zutaten von der Insel genutzt werden. Am besten schmeckt das Salzkaramell-Eis (1 Kugel 1,50), das mit Sylter Meersalz zubereitet wird. Das gibt s in vielen Läden auf der Insel zu kaufen, die  Sylter Meersalz Manufaktur (Hafenst. 2) ist aber gleich in der Nähe.

Karibisch: Wie aus dem Bilderbuch wirkt der Strand am Sylter Ellebogen. (c) Jasmin Kreulitsch Karibisch: Wie aus dem Bilderbuch wirkt der Strand am Sylter Ellebogen. (c) Jasmin Kreulitsch



Lecker: Das Eis der Sylter Eismanufaktur schmeckt unwiderstehlich. (c) Jasmin Kreulitsch Lecker: Das Eis der Sylter Eismanufaktur schmeckt unwiderstehlich. (c) Jasmin Kreulitsch



Meersalz gibt´s in der Sylter Salzmanufaktur (c) Jasmin Kreulitsch Meersalz gibt´s in der Sylter Meersalzmanufaktur (c) Jasmin Kreulitsch

Die Ostseite der Insel mit dem Wattenmeer, seit 2009 Teil des UNESCO-Weltnaturerbes, ist aber mindestens ebenso schön. Alle sechs Stunden ändert sich die Tide und das Wasser weicht zurück. Dann hat man die Gelegenheit, durch das Watt zu wandern, doch Vorsicht: Nur mit einem Wattführer losziehen (Termine je nach Tide auf www.schutzstation-wattenmeer.de)! Das kilometerweite Watt versinkt rasch in Regen und Seenebel, und die Flut kommt schneller, als man denkt. Wer das Watt gerne mit Shopping verbinden möchte, fährt am besten nach Keitum. Der kleine Ort entwickelt sich mehr und mehr zum neuen Hotspot, vor allem Kunsthandwerk wird hier groß geschrieben. Wer eine Stärkung braucht, geht zu Fisch-Fiete (Weidemannweg 3) und kostet Fischfrikadellen ( 8,90) oder ein Fischbrötchen to go mit Häkele (Matjestatar), Heringssalat, Räucheraal, Matjes oder Krabben ( 4). Apropos Fisch: Die schönste und nördlichste! Fischbude Deutschlands ist Gosch am Kliff (Dünenstraße 17a) in Wenningstedt-Braderup.

Endlos: Selbst bei Regen kann sich das Watt auf Sylt sehen lassen. (c) Jasmin Kreulitsch Endlos: Selbst bei Regen kann sich das Watt auf Sylt sehen lassen. (c) Jasmin Kreulitsch

Was auf Sylt aber mindestens genauso wichtig ist wie die Fischbrötchen sind die vielen Strandlokale rund um die Insel. In Rantum ist die legendäre  Sansibar (Hörnumer Str.), die vor 40 Jahren als Strandkiosk begann und heute ein In-Treff ist, wo täglich Hunderte Gäste eintrudeln; es kann sogar sein, dass Moderator Günther Jauch am Nebentisch sitzt, der in Hörnum eines der reetgedeckten Häuser besitzt. Nicht weit entfernt ist das  Samoa Seepferdchen (Hörnumer Str. 70) in Rantum. Auf der Sonnenterrasse sitzt man in Strandkörben direkt an den Dünen mit Blick auf die Nordsee und isst dazu teure Spezialitäten wie die Seezunge ( 44) oder günstige Klassiker wie Matjes nach Hausfrauen-Art mit roten Zwiebeln und Bratkartoffeln ( 8,50). Wer dann abends auch am Strand ein maritimes Ambiente genießen möchte, fährt am besten wieder in die Gegend von Kampen. Das  La Grande Plage (Riperstig) thront auf Holzpfählen 8,5 Meter über den Dünen und der Sonnenuntergang ist wie aus dem Bilderbuch! Und da ist er schon wieder, dieser eine Moment, der die Insel in ihr ganz besonderes Licht hüllt und mein Herz weit, weit öffnet. "Rüm hart - klaar kiming" eben.

Kulinarisch: Im Samoer Seepferdchen gibt es tolle Fischgerichte. (c) Jasmin Kreulitsch Kulinarisch: Im Samoer Seepferdchen gibt es tolle Fischgerichte. (c) Jasmin Kreulitsch



Vornehm: In Hörnum stehen die schönsten und teuersten reetgedeckten Häuser der Insel. (c) Jasmin Kreulitsch Vornehm: In Hörnum stehen die schönsten und teuersten reetgedeckten Häuser der Insel. (c) Jasmin Kreulitsch

 
 
 
 
 

Jasmin Kreulitsch
Freie Autorin. Blattmacherin. Kolumnistin. Reisejournalistin. In Klagenfurt aufgewachsen, in Wien studiert, in Berlin ausgebildet. Zählt konsequent die Tage von einer Reise zur nächsten und hat ihren Koffer immer bereit, um darüber zu schreiben, warum es sich lohnt, die Welt zu entdecken.
Weitere Stories

LIFESTYLE
Eisenbahnerwirt vom Feinsten
 
LIFESTYLE
Bahn im Buch
 
MOBILITÄT
Das Bike aus Holz
 
LIFESTYLE
Zugstars