01.02.2015

Mit "We love music, you know" nach München


TRAVEL
Text — Gabriela Zuna-Kratky



Waren Sie schon einmal im eigenen Wagen eingesperrt? Mir passierte das vor einigen Monaten. Die Verriegelung meines neuen Autos schaltete auf stur , so dass mich der Pannendienst befreien musste. Und nun? In München wartete eine wichtige Besprechung und der Wagen war im Krankenhaus . Also Bahn! Mit hängender Zunge und eilig herbeigerufenem Taxi ging es zum Westbahnhof. Wie wird es werden? Zug überfüllt, Drängerei beim Einsteigen?

Oder mit Nichts dergleichen, alles kommod, am Schalter und beim Einsteigen. Außerdem: Bahnatmosphäre, das Feeling eines großen Bahnhofs. Ein wenig anders als bei mir im Museum. Wo ja auch Loks vor allem historische freilich stehen und auch Sisis Salonwagen , der die Besucher und auch mich fasziniert.Assoziationen bei Abfahrtspfiff und der Ausfahrt: Mit der Bahn in die Ferne, irgendwohin in den Süden; der Mythos Bahn; Orientexpress und Le Train Bleu. Hercule Poirot ermittelt. Unversehens bin ich eingeschlafen. Als der Schaffner kommt, kann ich ihm bloß eine Karte nach München vorweisen, nicht Istanbul, nicht Deauville oder Nizza. Ich fahre nicht nach Abbazia oder Venedig. Keine Ferienreise, sondern Arbeit. Ich muss mich noch vorbereiten. Das wollte ich eigentlich im Hotel erledigen, aber da ich gerade so gemütlich im Coupé sitze statt in diesem pflichtvergessenen Auto, kann ich das gleich hier besorgen und wenn ich fertig damit bin, greife ich zu einem Buch, zwar nicht von Agatha Christie, aber ein Krimi immerhin. Schon Linz. Eine japanische Familie steigt zu. Ist das der Railjet? Ja, gewiss. Als dann der Schaffner kommt, zeigt sich, dass es der falsche Railjet ist. Die Familie wollte nach Wien. We love music, you know. Naja, müssen sie eben bis Salzburg. Ich rate ihnen, die Gelegenheit zu nützen und die Stadt zu besichtigen. Mozart, you know. Sie erzählen mir von Prag und anderen Stationen ihrer endlosen Reise. Sehr spannend, aber ich ziehe mich doch in den Speisewagen zurück.

Reiseimpressionen - (c) Rainer Hubert Reiseimpressionen - (c) Rainer Hubert

Ruhig in die Landschaft schauen. In Salzburg auf den Moment warten, wo jenseits des Flusses die Festung sichtbar wird. Kurz danach, schon in Deutschland, kann man eine Villa sehen, die eine Kuppel für ein Riesenfernrohr hat. Und dass die hier so viele Sonnenkollektoren auf den Dächern haben! Mehr als bei uns? Jetzt kann ich zurück ins Abteil und lesen, wie dieser Kommissar weiter ermittelt. Kurz vor München wird der Täter gefasst. Ich erledige noch einige Telefonate und bespreche mit einem Mitarbeiter die Idee, doch eine Ausstellung über die historischen Züge bei uns im Technischen Museum zu machen über den Blauen Express oder die Transsibirische Eisenbahn oder den Orientexpress.

Hofsalonwagen - (c) TMW Hofsalonwagen - (c) TMW

Eine langweilige Geschäftsreise nach München? Eigentlich nicht. Die Zeit ist verflogen und nach der Besprechung werde ich  - als Abschluss einer gemütlichen und zugleich nachdenklichen Reise mit der Bahn, die ich meinem streikenden Auto verdanke - noch ein bisschen München genießen.

Deutsches Museum - Museumsinsel - (c) by Max-k muc Deutsches Museum - Museumsinsel - (c) by Max-k muc

Zum Beispiel mit einem Besuch  im Deutschen Museum  zum Austausch mit den KollegenInnen - das ist für mich keine Pflicht, sondern immer ein inspirierendes Vergnügen. Oder bei einer Pause in meinem Münchner Lieblingslokal: dem Augustinerbräu, nicht weit vom Bahnhof und mit einem Ambiente, das auch Poirot geschätzt hätte.
 
 
 
 

Gabriela Zuna-Kratky
ist Direktorin des Technischen Museums in Wien. In der neuen Dauerausstellung "Von A nach B" beleuchtet das Team des TMW auf über  3.000 m² mit rund 800 Exponaten alle Facetten der Mobilität.
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