03.04.2016

Südbahn-Wanderungen I: Semmering & Hohe Wand


ACTIVE
Text — Peter Backé



Endlich wieder Frühling! Höchste Zeit, die Wanderschuhe aus dem Keller zu holen, Rucksack und Wanderkleidung bereitzulegen und Tourenpläne für die bald beginnende Wandersaison zu schmieden. Wer gerne in den Bergen unterwegs ist, wälzt nun Wanderführer, schmökert in Internet-Tourenforen, studiert Landkarten und stellt sich Touren für die bevorstehende Wanderzeit zusammen. Kaum ist der Schnee in den Niederungen endgültig geschmolzen, stehen schon längere Spaziergänge auf dem Programm, und man fiebert der ersten richtigen Bergwanderung entgegen. Denn Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Und wohin soll es gehen, in der bevorstehenden Wandersaison? Fragt man Bergfreunde aus dem Großraum Wien nach ihren liebsten Tourengebieten, so werden neben dem Wienerwald besonders häufig die Hohe Wand, das Semmeringgebiet sowie der Schneeberg und die Rax genannt allesamt Bergregionen, die dem Wiener Alpenbogen zugerechnet werden, der sich aus dem südlichen Wiener Becken erhebt. Kein Wunder, denn diese Berggebiete sind von Wien aus leicht erreichbar, sie punkten mit abwechslungsreicher Landschaft und weisen ein breites Spektrum an Wandermöglichkeiten auf. Die Vielfalt der Tourenoptionen reicht vom mehr oder weniger ausgedehnten Spaziergang durch sanft gewellte Voralpenlandschaften bis hin zu hochalpinen Bergwanderungen auf die östlichsten 2000er der Alpen. Zum Glück lassen sich viele Ausgangspunkte für Touren am Wiener Alpenbogen problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln ansteuern. Denn eines ist all diesen Touren gemein: Sie sind Südbahn-Wanderungen. Erfolgt die Reise in die Berge mit dem Schnellzug, beginnt sie für Wanderer aus Wien am Hauptbahnhof oder in Meidling; Regionalzüge halten auch an weiteren Wiener Bahnhöfen. Ohne Stau und ohne Kolonnenverkehr. Ohne Umleitungen und ohne lästige Parkplatzsuche am Ausgangspunkt der Tour. So kann die Erholung bereits während der Anreise beginnen. Zwar dauert diese meist etwas länger als mit dem Auto, aber dafür lässt sich die Reisezeit auch viel besser nutzen. Ein gemütliches (zweites?) Frühstück, entspannte Gespräche und Fachsimpeleien mit anderen Wanderern, Lektüre der Tageszeitung, letzte Tourenvorbereitungen, noch ein Blick in den Wanderführer oder auf die Landkarte so vergeht die Anfahrt wie im Flug . Noch angenehmer ist nach der Tour die Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Entspannt lehnt man sich in seinem Sitz zurück, lässt die Wanderung Revue passieren und sich Richtung Wien zurückchauffieren. Oder man beginnt bereits auf der Heimreise mit der Planung der nächsten Wanderung. Ist man mit dem Schnellzug unterwegs, so lädt der Speisewagen zu einem Besuch ein. Weitere Vorteile der Öffi-Anreise: Streckenwanderungen sind leicht durchführbar, denn man muss ja nicht an den Ausgangspunkt der Wanderung zurückkehren. Wer seine Touren gut plant, kann auch mehrere mögliche Touren-Endpunkte ins Auge fassen und dann unterwegs nach Lust und Laune entscheiden, ob die Wanderung eher kürzer oder doch länger ausfallen soll.

Semmeringbahn (c) Peter Backé

Verbleibt als Herausforderung die Tourenauswahl. Angesichts der Fülle der Tourenmöglichkeiten stellt sich die Frage: Welche der vielen Tourenziele sind besonders lohnend? Eine letztgültige Antwort darauf gibt es natürlich nicht zu unterschiedlich sind die jeweiligen persönlichen Vorlieben der outdoorbegeisterten Wiener und Niederösterreicher. Dennoch gibt es im weiteren Umkreis von Wien eine Reihe von Wanderungen und Bergtouren, die wohl die meisten Öffi-Wanderer wärmstens empfehlen würden und diese seien im Folgenden kurz vorgestellt. Beginnen wir unseren Streifzug durch die schönsten Wandermöglichkeiten am Wiener Alpenbogen im April und Mai. Für den Einstieg in die neue Wandersaison bieten sich mittlere Höhenlagen an. Während auf den höheren Bergen noch Schnee liegt, finden sich etwa am Semmering oder auf der Hohen Wand bereits ideale Wanderbedingungen.

Maria Schutz (c) Peter Backé

Entscheiden wir uns für eine Wanderung im Semmeringgebiet, so stellt schon die Anreise ein Erlebnis der besonderen Art dar. Nicht ohne Grund gehört die Semmeringbahn, die erste Alpenbahn der Eisenbahngeschichte, zum UNESCO-Weltkulturerbe. Natur und Technik bilden hier ein besonders harmonisches Ganzes. Am besten erschließt sich dieses Gesamtkunstwerk auf dem Semmering-Bahnwanderweg, der von Mürzzuschlag auf die Semmering-Passhöhe hinauf und weiter über Breitenstein nach Payerbach bzw. nach Gloggnitz führt. Die landschaftlich reizvolle Wanderroute verläuft zumeist in der Nähe der Bahnstrecke, passiert etliche sehenswerte historische Gebäude (wie etwa das ehemalige Südbahnhotel, das Kurhaus, die Burgruine Klamm oder das Gloggnitzer Schloss), zahlreiche Viadukte der Bahnlinie und bekannte Aussichtspunkte wie zum Beispiel den 20 Schilling-Blick. Der Bahnwanderweg lässt sich auch abschnittsweise von einem Bahnhof zum nächsten absolvieren. Sehr ansprechend ist weiters die Wanderung von Payerbach über den Kreuzberg nach Breitenstein, am höchsten Punkt lädt die Speckbacher Hütte zu einer Einkehr ein.

Der Zwanzigschilling Blick (c) Peter Backé

Gipfelstürmer erwandern die Waldberge des Semmeringgebietes. Besondere Erwähnung verdient hier der Sonnwendstein, der nicht nur mit der gipfelnahen Pollereshütte (Sonnenterrasse!), sondern auch mit einer prachtvollen Aussicht ins südliche Wiener Becken und bis zum Neusiedlersee und in die ungarische Tiefebene aufwarten kann. Der benachbarte Erzkogel hingegen bietet ebenso wie der etwas weiter westlich liegende Hirschenkogel (Aussichtswarte) einen besonders schönen Blick nach Westen, der über Mürz- und Murtal hinweg bis zu den Seetaler Alpen und den Niederen Tauern reicht. Auf mehreren Wegen ist vom Semmering aus der Pinkenkogel erreichbar (bewirtschaftete Hütte am Gipfel). Von Spital am Semmering lässt sich die reizvolle Kampalpe erwandern. Mürzzuschlag ist Ausgangspunkt für Wanderungen auf die Große Scheibe (Scheibenhütte) und den Kreuzschober. Ab Mai lädt das Stuhleck, die höchste Erhebung der Fischbacher Alpen und damit ein Aussichtsberg der Sonderklasse, zu einem Besuch ein besonders schön ist die Überschreitung von Spital oder von Steinhaus nach Mürzzuschlag. Als Tagestour ist dies eine recht ausgiebige Angelegenheit. Wer es gemütlicher mag, teilt diese Bergwanderung auf zwei Tage auf und nächtigt im Alois Günter-Haus, das auf dem Gipfel des Stuhlecks steht.

Blick auf Schneeberg & Rax (c) Peter Backé

Die Fahrzeiten von Wien zu den Ausgangs- und Endpunkten der Touren rund um den Semmering bewegen sich zwischen einer und anderthalb Stunden. Besonders bequem und flott sind dabei die direkten Schnellzugverbindungen zum Bahnhof Semmering (täglich fünf bis sieben Züge je Richtung) und nach Mürzzuschlag (Stundentakt). Seit Dezember 2015 sind auch die steirischen Bahnhöfe der Semmeringstrecke Steinhaus und Spital an Wochenenden und Feiertagen wieder recht gut per Zug erreichbar eine Verbesserung, die Bahnwanderer besonders freuen wird. Busverbindungen von Gloggnitz und von Mürzzuschlag auf den Semmering runden das Öffi-Angebot in der Region ab.

Auf der Hohen Wand (c) Peter Backé

Wer felsiges Ambiente schätzt, ist auf der Hohen Wand bestens aufgehoben. Denn die Hohe Wand, ein Hochplateau westlich von Wiener Neustadt, bricht vor allem nach Süden mit mächtigen Felswänden steil ab. Die Anreise in diese Tourenregion erfolgt bis Wiener Neustadt mit der Südbahn, weiter geht es mit dem Regionalzug Richtung Puchberg am Schneeberg zu den südlichen bzw. Richtung Gutenstein zu den nordseitigen Anstiegen auf die Hohe Wand. Die wichtigsten Bahnhöfe für Wanderungen auf die Hohe Wand sind Unterhöflein sowie die Bahnhaltestellen in Grünbach bzw. Waldegg-Dürnbach, Waldegg, Oberpiesting und Dreistetten. (Außerdem gibt es von Wiener Neustadt auch Busverbindungen zum Fuß der Hohen Wand.)

Aufstieg zur Hohen Wand (c) Peter Backé

    Von einfachen Wanderwegen bis zu anspruchsvollen versicherten Steigen reicht hier das Angebot für Wanderer und Bergsteiger. Besonders empfehlenswert sind die leichten versicherten Steige auf der Südseite der Hohen Wand (Wagnersteig, Springlessteig, Völlerin, Hanselsteig). Versierte Klettersteiggeher nehmen hingegen den anspruchsvollen ÖGV-Steig in Angriff. Noch schwieriger sind Wildenauer- und HTL-Steig, deren Begehung ausgezeichnete Kletterfertigkeiten und große Erfahrung im alpinen Gelände erfordert. Neben den Standardanstiegen auf die Hohe Wand gibt es auch etliche einsame Steiglein, die zumeist mit roten Punkten markiert sind. Wer in die stille Welt dieser Steige eintauchen möchte, dem sei der Köberlgrat oder der Neue Mackiesteig ans Herz gelegt.

Ein richtiger Kletterer (c) Peter Backé

Auf der Hochfläche der Hohen Wand lädt eine Vielzahl gastlicher Hütten zur Einkehr ein. Sehr lohnend ist auch ein Besuch des Aussichtsturms (beim Naturparkstüberl) und der Skywalk-Aussichtsterasse (in der Nähe des Gasthaus Postl). Wer einfach nur die Seele baumeln lassen will, lässt sich auf einem der zahlreichen Wiesenflecken nahe der Wandabbrüche nieder und genießt die Aussicht auf die weit unterhalb liegenden Dörfer, Wiesen und Felder der Neuen Welt. Auf der Nordseite der Hohen Wand sind die Kleine und die Große Klause (leichte versicherte Steige) besonders beliebt, ambitionierte Klettersteiggeher versuchen sich (im Aufstieg) am Währinger Steig. Auch die Einhornhöhle (geöffnet im Sommerhalbjahr an Sonn- und Feiertagen) lohnt einen Besuch. Sehr reizvoll sind Überschreitungen der Hohen Wand. Dabei wandert man von einem Bahnhof der Puchberger Bahn zu einer Haltestelle der Gutensteiner Bahn oder genauso gut in die Gegenrichtung. So lernt man den gesamten Bergstock besonders gut kennen.

Nachmittagssonne am Appelgrat (Hohe Wand) (c) Peter Backé

Auch im Juni, Juli und August lassen sich all diese Wanderungen gut durchführen, sofern es nicht zu heiß ist. Und sofern jetzt nicht höhere Ziele locken. Welche hochalpinen Touren am Ostrand der Alpen die wohl schönsten sind, erfahren Sie kommende Woche im zweiten Teil dieses Beitrags. Hinweis: Aufgrund von Sanierungsarbeiten an der Semmering-Weltkulturerbe-Strecke werden heuer bis Anfang Mai die Regionalzüge zwischen Payerbach-Reichenau und Mürzzuschlag im Schienenersatzverkehr geführt. Außerdem werden zwischen Wr. Neustadt und Mürzzuschlag von 30. März 2016 bis 21. April 2016 alle Schnellzüge im Schienenersatzverkehr geführt. Auch der Bahnwanderweg ist auf niederösterreichischer Seite abschnittsweise gesperrt (für Details siehe unter www.oebb.at) Weitere Tipps & Informationen Gutes Wetter erhöht das Wandervergnügen. Schlechtes Wetter stellt ein Risiko dar und erhöht die Gesamtschwierigkeit jeder Wanderung und Bergtour erheblich. Wählen Sie daher Wanderregionen aus, für die am Tag Ihrer Tour gutes Wanderwetter prognostiziert ist. Ausrüstung für Wanderungen in mittleren Höhenlagen: Feste Wanderschuhe mit Profilsohle, warme, regendichte Kleidung, Haube und Handschuhe, Sonnenkappe, Sonnencreme, Erste Hilfe-Set, Proviant, Getränke. Auf leichten versicherten Steigen empfiehlt sich ein Helm zum Schutz bei Steinschlag, auf Klettersteigen mittlerer und höherer Schwierigkeit eine komplette Klettersteigausrüstung (Helm, Gurt, KS-Set). Die Begehung dieser Steige erfordert Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Wenn Sie sich nicht sicher sind, wie viel Zeit Sie für die hier empfohlenen Wanderungen benötigen: Suchen Sie sich Touren mit mehreren Rückfahrt-Verbindungen aus und peilen Sie die vorletzte (oder eine frühere) Verbindung des Tages für die Heimreise an. Wenn nötig, können Sie so mühelos auf die eine spätere Verbindung umdisponieren, und kommen so sicher und stressfrei wieder nach Hause.      
 
 
 
 

Peter Backé
geboren 1960, ist seit seiner Kindheit in den Ostalpen, in den letzten Jahren vermehrt auch in den Bergen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas unterwegs. Er ist Autor des Buches „Mit Bahn und Bus in die Wiener Hausberge“ (Rother Verlag). Beruflich ist er in leitender Position in der Volkswirtschaftlichen Hauptabteilung der Oesterreichischen Nationalbank tätig.
Weitere Stories

INS GRÜNE
Salzburgerland Almsommer
 
MOBILITÄT
Erstklassig unterwegs
 
LIFESTYLE
Zugstars
 
LIFESTYLE
Ein Wirtshaus wie im Bilderbuch