18.01.2015

Dobré ráno, Praho! - Guten Morgen, Prag!


TRAVEL
Text — Eva Buzzi



   

Menschen frönen ja oft den seltsamsten Hobbys: vom Sammeln von Feuerlöschern oder Korkenziehern über Handyweitwurf bis hin zum Eisschwimmen ist alles erlaubt, was gefällt.

Ich zum Beispiel unternehme leidenschaftlich gerne Spaziergänge im Morgengrauen... Früher war das eher dem Umstand des sehr späten bzw. frühmorgendlichen nach Hause-Kommens geschuldet; heutzutage treibt mich die Lust auf die Erforschung  einer schlafenden Stadt zur Unzeit aus den Federn. Mit dem nicht unerheblichen Vorteil, dass ich mich im Gegensatz zu vergangenen Zeiten an das Erlebte und Gesehene noch lange erinnere Gerade eine Stadt wie Prag zeigt sich kurz vor Sonnenaufgang von einer zauberhaften, fast verwunschenen Seite. Von links und rechts der menschenleeren Gässchen grüßen die berühmten Hauszeichen, die die Jahrhunderte überdauert haben und noch heute bisweilen von der ursprünglichen Bedeutung des jeweiligen Hauses erzählen. So betrieb der Besitzer des Hauses U t?í p tros? ( Zu den 3 Straußen ) einen schwunghaften Handel mit Federn, während  der Name Zu den drei  Geigen   an die Augsburger Geigenbauerdynastie Edlinger erinnert.   Eher im Dunkeln bleibt die Bedeutung des Namens Osel u kolébky ( Zum Wiegenesel ) in der Nähe des Altstädter Ringes, den man um diese unchristliche Uhrzeit unbedingt einmal gesehen haben sollte. Wo sonst den lieben langen Tag Keiler amerikanische Studenten in Bierkeller schleppen, Straßenhändler chinesisches Pressglas als böhmisches Kristall anpreisen und hektische Fremdenführer die ihnen anvertrauten Gruppen Fähnchen wedelnd über den prächtigen Platz  zerren, herrscht jetzt in dieser frühen Stunde himmlische Ruhe. Jetzt ist die einzige Tageszeit, in der man ohne Geschubse und Geschiebe  durch die Karlova Richtung Moldau schlendern kann. Man sollte auch in aller Ruhe eine weitere Besonderheit Prags bewundern: die mosaikartig ausgelegten Pflastersteine, die nicht nur Prunkhöfe, sondern auch die ganz normalen Gehsteige zieren. Tschechische Pflasterer waren für ihre Kunst und Kreativität im gesamten Habsburger Reich berühmt.

Prager Pflastersteine - (c) Eva Buzzi Prager Pflastersteine - (c) Eva Buzzi

Schön langsam wird es heller, Zeit, um über die menschenleere Karlsbrücke Richtung Kleinseite (Mala Strana) zu spazieren. Der Blick von der Brücke auf den majestätischen Hradschin ist immer wieder atemberaubend, man kann  schon verstehen, wieso der in Prag allgegenwärtige Habsburger Rudolf II diese Residenz der eher tristen Hofburg in Wien vorgezogen hat. Über die Nerudova mit ihren prächtigen Barockfassaden gehts direkt auf das Schloss, um von dort die ersten Sonnenstrahlen über der Goldenen Stadt zu genießen.  Hier wird auch klar, wie Prag zu seinem zweiten Beinamen Stadt der 1000 Türme gekommen ist:  überall recken, strecken, ducken und kauern sich Türme und Türmchen aller Stile, Farben, Formen und Größen. In diese Tradition reiht sich nahtlos ein architektonisches Kunstwerk aus dem Jetzt und Heute, das von hier oben gut zu sehen ist. 1996 schufen Frank Gehry und Vlado Miluni? mit dem Tan?ící d?m , dem Tanzenden Haus , eines der beeindruckendsten dekonstruktivistischen Gebäude der Welt.  Auch zärtlich Ginger und Fred genannt, war der Entwurf und Bau ein Herzensanliegen von Václav Havel.    

Abstieg vom Hradschin (c) Eva Buzzi + Ginger und Fred (c) Chosovi Abstieg vom Hradschin (c) Eva Buzzi + Ginger und Fred (c) Chosovi

Langsam erwacht die Stadt: beim Abstieg vom Hradschin öffnen überall die kleinen Lädchen und Handwerksbetriebe. Zeit für einen Espresso in einem der großartigen Prager Cafés. Ich sag´s ja ungern, aber ein Café Slavia oder ein Café Orient (im kubistischen Haus Zur schwarzen Madonna ) schlagen die meisten Wiener Kaffeehäuser um Längen.   Der Tag kann also beginnen . Obwohl man das Beste wahrscheinlich schon hinter sich hat. 792
 
 
 
 

Eva Buzzi
ist als Geschäftsführerin der ÖBB Rail Tours nicht nur berufsbedingt leidenschaftliche Bahnfahrerin -  juveniles Interrail dürfte fürs Leben prägen.
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