Interview

Diva auf
Entdeckungsreise


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN SOMMER 2018
Text — Nikolaus Prokop
Fotos - Katharina Stögmüller

Mit ihrem Album „From Vienna With Love“ unternimmt Conchita eine große Forschungsreise und wandelt auf den Spuren der legendären Diven der Musikgeschichte.

 

Mit deinem Projekt „From Vienna With Love” ist bei dir gleich in doppelter Hinsicht eine spektakuläre neue Sache im Gange: Zum einen hast du dir keine Geringeren als die Wiener Symphoniker als orchestrale Begleiter zur Seite geholt, und zum anderen wandelst du musikalisch auf den Spuren der ganz großen Diven der Musikgeschichte wie Barbra Streisand, Shirley Bassey oder Céline Dion. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Zusammenarbeit?

Conchita: Die Wiener Symphoniker und ich sind einander erstmals bei der Eröffnung der Wiener Festwochen im Mai des letzten Jahres begegnet. Und irgendwie dürften wir uns ein bisserl ineinander verliebt haben, denn wir haben dann mit der gemeinsamen Arbeit am Konzept zu diesem Projekt recht schnell gestartet. Ich habe dabei angemerkt, dass, wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dieses Album sozusagen mein persönliches Fantasie-Traumalbum werden sollte. Und für viele wird es vermutlich genau das Album sein, das man sich von mir gleich nach dem Song Contest erwartet hätte – aber es ist gut, dass ich mir damit ein wenig Zeit gelassen habe und es erst jetzt nachreiche. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit, um entsprechend zu reifen. Denn ich habe mit der größten Ehrfurcht eines festgestellt: Einen Barbra Streisand-Song wie „The Way We Were“, der für den gleichnamigen Film mit Streisand in der Hauptrolle einen Oscar für den besten Titelsong gewann, vorzuschlagen, ist die eine Sache. Dann im Studio zu stehen und ihn zu singen, ist eine ganz andere. Ich hatte, als ich mich diesen Songs mit großem Respekt und einiger Nervosität, aber natürlich auch mit großer Freude nach und nach genähert habe, einen großen Aha-Effekt und begriff: Okay, also deshalb sind diese Frauen Weltstars.

Conchita


ist die Kunstfigur des österreichischen Sängers und Travestiekünstlers Thomas „Tom“ Neuwirth (* 6. November 1988 in Gmunden). Im Mai 2014 wurde sie als Conchita Wurst Sieger des 59. Eurovision Song Contests in Kopenhagen.

Das neue Album From Vienna With Love wird ab Oktober 2018 erhältlich sein.

 




„Als ich an den Songs dieser großen Diven zu arbeiten begann, dachte ich mir ehrfürchtig: Wie kann jemand nur so unfair viel Talent haben?“

Conchita


 

Nun ja, auch du bist ja nicht gerade weltweit eine Unbekannte – auch wenn deine Karriere vielleicht noch nicht fünfzig Jahre andauert.

Conchita: Trotzdem war ich auch kurz mal persönlich fast beleidigt und dachte mir: Wie kann jemand nur so unfair viel Talent haben? Allein wenn man Barbra Streisand summen hört – das Summen ist beim Singen das Schwierigste. Man muss mit ganz wenig Volumen arbeiten und trotzdem den Ton exakt treffen. Einfach fantastisch, wie sie das macht. Ich hatte mir da jedenfalls eine sehr, sehr hohe Latte gelegt, musste so manche Grenzen überwinden und habe, indem ich mich einerseits respektvoll vor den Originalversionen dieser Songs verneige und ihnen anderseits natürlich auch meine sehr persönliche Note verleihe, unheimlich viel dazugelernt. Wie viel, wird man am 20. 10. erstmals live im Wiener Konzerthaus hören können. Denn live sind diese Songs, die manchmal eine klassische oder auch sehr filigrane Stimmlage erfordern, eine Herausforderung, der man einfach mit der größten Bewunderung begegnen muss. Und es hat mich viel harte Arbeit gekostet, sie zu meistern.

Welche Songauswahl wird man auf deinem neuen Album versammelt hören?

Conchita: Alles dazu will ich natürlich noch nicht verraten, sonst wäre es ja keine Überraschung. Aber neben „The Way We Were“ wird es zum Beispiel auch eine Version von „Rise Like a Phoenix“ geben, die man in dieser Weise noch nicht kennt, auch im Hinblick auf den Text. Der Song Contest limitiert einen ja auf maximal drei Minuten, die neue Version ist also sozusagen die Extended Version oder der Director's Cut des Songs, wenn man so will. „I'm Kissing You“ von Des'ree wird mit dabei sein und auch „Get Here“, den Oleta Adams Anfang der 1990er zum Hit gemacht hat und den ich meinem Vocalcoach Monika Ballwein zu verdanken habe.

 

 


 
 

 

 

Es wird auch einen eigenen Song namens „Have I Ever Been In Love“ geben, in dem ich ein wenig persönliche Bilanz über mein Liebesleben ziehe und über manche Begegnungen in meinem Leben nachdenke, die von Bedeutung waren – ein Song, den ich gemeinsam mit Steve Anderson, dem musikalischen Leiter von Kylie Minogue, geschrieben habe. Hinter Kylie Minogue bin ich übrigens mal im Flugzeug von Nizza nach London gesessen und hab' sie heimlich von hinten wie ein Verrückter angestarrt – aber um sie anzusprechen, war ich viel zu schüchtern (lacht).

Hattest du auch im Zug schon ähnlich prominente Reisebegegnungen?

Conchita: Zugfahren ist für mich vor allem eine sehr prägende Erinnerung aus meiner Jugend. Ich bin ja bereits mit 14 von daheim ausgezogen, um in Graz im Internat in die Schule zu gehen – schon alleine die Zugfahrt von meinem Heimatort Bad Mitterndorf, einer kleinen obersteirischen Dreitausend-Einwohner-Gemeinde, in die Stadt ist mir damals wie eine Reise in die große weite Welt vorgekommen. Das erste Mal alleine in Graz zu sein, war ein riesengroßes Wow-Erlebnis. Im Zug habe ich damals in einer für mich sehr wichtigen Jugendphase viel Zeit verbracht, mit Freunden lange Gespräche geführt, auf den letzten Drücker noch schnell Hausaufgaben gemacht, heimlich auf der Zugtoilette geraucht ... (lacht)

Da du vom Aufbruch in die große, weite Welt und in neue, wichtige Lebensphasen sprichst: Du hast ja mit deinem Auftritt beim Song Contest nicht nur für großes Aufsehen gesorgt, sondern auch Menschen Mut gemacht, mehr denn je zu ihrem Anderssein, zur Einzigartigkeit ihrer Identität zu stehen. Welche Worte würdest du diesen Menschen am liebsten ins Tagebuch ihrer Lebensreise schreiben?

Conchita: Wir haben nur dieses eine einzige Leben, und damit ist über unsere Reise auf diesem Planeten bereits sehr viel gesagt. Deshalb hat es, so schwer es auch manchmal sein mag, keinen Sinn, Angst davor zu haben, man selbst zu sein. Es bringt null, ein Leben zu führen, das zwar anderen gefällt, aber nicht einem selbst. Und deshalb darf die Angst, was eventuell das Umfeld zu den eigenen Entscheidungen, zur eigenen Wahl einer Lebensweise sagt, keine Rolle spielen. Für jeden gibt es Menschen, die einen genau so lieben, wie man ist. Ganz egal, ob man das Glück hat, diese Menschen in der eigenen Familie zu finden oder ob man sich dazu in die Welt hinauswagen muss – der Mut, zu sich selbst zu stehen, ist das Wichtigste im Leben, es ist das, was zählt.

 

From Vienna
With Love


Im Oktober 2018 veröffentlichen Conchita und die Wiener Symphoniker eine Weltpremiere: Ihre erste gemeinsame CD mit einer sehr persönlichen Auswahl von Balladenhits der großen Diven der Musikgeschichte, von Barbra Streisand über Shirley Bassey oder Celine Dion bis zu Alanis Morissette und vielen mehr. Die große Live- Premiere: am 20.10. im Wiener Konzerthaus.
conchitawurst.com



 

Credits: © Foto: Markus Morianz / TNRB ;