Erlebnis Bahnfahren

Semmeringerbahn
Kultur & Natur


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN SOMMER 2018
Text — Janina Lebiszczak

Steigungen, Berghänge, Viadukte und eine beeindruckende Geschichte: Das Weltkulturerbe Semmeringbahn fasziniert seit über 160 Jahren Reisende aus aller Welt – auf nur 41 Kilometern.

 

Den steirischen Dichter Peter Rosegger – Liebling von Kaiser Franz Joseph I. – muss fast der Schlag getroffen haben: „Auf der eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus!“ So beschrieb er seine erste „Begegnung“ mit der Semmeringbahn. Im Fin de Siècle waren die Menschen Geschwindigkeiten über 30 km/h nicht gewohnt – die Engländer waren der Bahnreise anfangs gegenüber sogar so skeptisch, dass sie glaubten, sie würde eine Gehirnerkrankung, das „Delirium furiosum“, hervorrufen. Vielleicht haben die Briten auch Carl von Ghega von ihren Ängsten erzählt: Der spätere Baudirektor erhielt 1841 den Auftrag, die Semmeringquerung zu planen. Dazu erkundete er in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten dortige Wagnisse und projektierte gleich drei Varianten, die er dem Generaldirektor der Staatsbahnen vorlegte. Der fiel fast vom Hocker: Damals galten Tunnelbauten mit so viel Gebirgsüberdeckung als kaum beherrschbar.

Seiner Zeit voraus

Doch Ghega war ein Visionär, der mit nur 17 Jahren bereits sein Doktorat der Technik erhielt. Die Strecke wurde geplant, als es für die vorgesehenen Steigungen noch gar keine geeigneten Lokomotiven gab.
Historisch: Die Semmeringbahn wurde 1998 als weltweit erste Bahnstrecke zum Weltkulturerbe erklärt und zierte einst den 20-Schilling-Schein.

 

 


„Man sollte nie mit dem Auto über den Semmering fahren. Die Gebirgslandschaft wird durch die Eisenbahnstrecke erst sichtbar.“


Heimito von Doderer


 

 

 

Der Pionier, der 1851 auch in den Ritterstand erhoben wurde, setzte sich gegen seine Gegner durch, die eine solche Strecke nur als Zahnradbahn oder mit Seilzügen für durchführbar hielten: Ein Dampflok sollte es werden – und was für eine! Der Geniestreich gelang: 1854 konnte die erste Gebirgsbahn der Welt für den Personenverkehr freigegeben werden. Seitdem hat die nur 41 km lange Strecke, die den Semmering mit dem niederösterreichischen Gloggnitz und Mürzzuschlag in der Steiermark verbindet, nichts an Faszination eingebüßt. Wohlhabende Wiener entdeckten rasch die Sommerfrische für sich und erbauten in unberührter Natur prachtvolle Villen. Auch die Künstler kamen: Arthur Schnitzler schrieb hier sein Drama „Das weite Land“; er sowie Peter Altenberg, Karl Kraus und Heimito von Doderer machten aus dem Semmering einen Salon des Geistes. Auch heute sind der Zauberberg und die vielen Aussichtspunkte entlang des berühmten Bahnwanderwegs ein beliebtes Ziel zu jeder Jahreszeit.

Für immer.

Mit der Erklärung zum „Welterbe der Menschheit“ steht die Semmeringbahn seit 1998 unter dem Schutz der internationalen Staatengemeinschaft und wird regelmäßig generalsaniert. Denn neben täglich 180 Zügen setzt vor allem die Witterung der Strecke zu. Das Kartnerkogel-Viadukt musste sogar originalgetreu restauriert werden – um dem Kulturgut gerecht zu werden, wurden die Gesimssteine gesäubert, restauriert und dann wieder in der richtigen Reihenfolge auf ihrem ursprünglichen Platz eingesetzt. Die Mühe lohnt sich: Die legendäre Semmeringbahn wird noch viele Generationen in ihrem Bann halten.
Lesenswert


Der offizielle Führer heißt „UNESCO Weltkulturerbe Semmeringbahn“ (Kral Verlag) und umfasst die bedeutendsten Bauwerke und ihre umgebende Landschaft.

Das handliche Buch vermittelt auch Wanderern wertvolle Infor­mationen.

 

Strecken Highlights

Gloggnitz
Die „Stadt in den Bergen“ wurde urkundlich erstmals 1094 erwähnt. Im ehemaligen Kloster tanzen heute Hochzeitsgäste. Ausflugstipp: Die Kapelle Maria Taferl ist sagenumwoben.

Payerbach-Reichenau
Inmitten der Zauberberge liegt der malerische Ausgangspunkt für viele Unternehmungen. Ausflugstipps: die Höllentalbahn nach Hirschwang und das Sisi-Schloss Rudolfsvilla.

Semmering
Das ehemalige Südbahnhotel galt einst als Treffpunkt des österreichischen Hochadels. Vom 30.06. bis 02.09. dient es gemeinsam mit dem Kurhaus als atemberaubende Bühne für den Kultur.Sommer.Semmering 2018.

Mürzzuschlag
Kleinod mit Natur und Kultur, reich an historischen Bauwerken und ideal für Sportfans. Ausflugstipp: das Brahmsmuseum mit dem restaurierten Streicher-Flügel des Meisters.

 


Credits: © Foto: Niederösterreich-Werbung / Michael Liebert; Wiener Alpen / Franz Zwickl; Illustration: Gina Müller, carolineseidler.com;