SCHWEIZ

GRÜZI
miteinander!


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN SOMMER 2018
Text — Nikolaus Prokop

City-Hopping ist in der Schweiz dank kurzer Entfernungen ein flottes Vergnügen – und zwischen stillen Seen und steilen Berggipfeln ein beeindruckendes Erlebnis.

 

Die Schweiz ist bekanntermaßen ein recht kleines Land. So klein, dass sie bequem in eine Brieftasche passt – z. B. in Form des Swiss Travel Passes. Denn dieses clevere All-in-one-Ticket bietet die Möglichkeit, die gesamte Schweiz mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Pauschalpreis zu erkunden.Seine besonderen Qualitäten spielt der Swiss Travel Pass allerdings nicht etwa nur durch das attra­ktive Pauschalangebot aus, sondern auch durch die kurzen Entfernungen, die zum spontanen City-Hopping einladen. „Wer Lust hat, schnell mal von Zürich nach Basel auf einen Kaffee oder nach Bern zum Abendessen zu fahren, ist in knapp einer Stunde dort“, erzählt etwa Christoph Leu vom Swiss Travel System, dem umfassendsten öffentlichen Verkehrsnetz der Welt mit 29.000 Bahn-, Autobus- und Schiffskilometern in der gesamten Schweiz. „Bei nur ca. 350 km Länge und 220 km Breite kann man das gesamte Land im Nu kreuz und quer bereisen – von St. Gallen bis Genf in vier, von Basel nach Lugano in nur drei Stunden – und das ganz stressfrei, denn in alle Richtungen geht zumindest stündlich ein Zug.“ Wie kompakt und reisefreundlich die Schweiz tatsächlich ist, zeigt Leu bei einem gemeinsamen Spaziergang hinauf auf den Uetliberg: der Zürcher Hausberg, der von seiner futuristischen Aussichtswarte aus einen grandiosen Blick über die Stadt und weit hinaus ins ganze Land erschließt. An klaren, sonnigen Tagen wie diesen reicht der Blick über das Zürcher Seebecken bis zu den französischen Vogesen oder dem deutschen Schwarzwald. Auch das beeindruckende Alpenpanorama ist zum Greifen nahe und kann innerhalb von kurzer Zeit bequem per Bahn erreicht werden.

Entschleunigter Höhenrausch

Wie zum Beweis lande ich nur fünfundvierzig Zugminuten später in Luzern. Kaum ist ein Take-away-Cappuccino an Bord des InterRegio von Zürich gekippt, schon befinde ich mich in einem völlig anderen, nostalgisch angehauchten Paralleluniversum: inmitten der majestätischen Bergwelt des Vierwaldstättersees, über dessen verträumt dahinplätschernde Wogen mich kurz darauf die sechzig Meter lange „MS Winkelried“ in aller Gemächlichkeit trägt.


„Frau Gerolds Garten“ in Zürich-West: Das alte Industriegebiet ist längst zum hippen Trendquartier der Stadt geworden.

Der Lindenhof in Zürich – einst ein römisches Kastell, heute einer der beliebtesten Aussichtspunkte der Altstadt.

 



„Puls 5“ in Zürich: Die ehemalige Gießereihalle ist heute ein multifunktionelles Veranstaltungszentrum.




„Bei nur 350 km Länge und 220 km Breite kann man die gesamte Schweiz im Nu kreuz und quer bereisen.“

Christoph Leu, Swiss Travel System



Am Fuß der Rigi: die Schiffstation Vitznau, Anlegestelle moderner und historischer Schiffe am Vierwaldstättersee.

 

Swiss Travel System


Mit dem Zug die Schweiz entdecken: Mithilfe des Swiss Travel Systems können Sie Ihr Ticket individuell an Ihre Route und Ausflugsziele anpassen – und so ganz bequem quer durchs Land reisen. Buchbar bei allen ÖBB Ticketschaltern bei den ÖBB Reisebüros, beim ÖBB Kunden­service sowie online unter oebb.at

Alle Infos unter oebb.at/schweiz oder MySwitzerland.com/bahnreise

Elegant entschleunigt legt das stilvolle Panoramaschiff aus den 1960er Jahren in knapp einer Stunde die vierzehn Kilometer bis Vitznau am Fuß des Rigi-Massivs zurück. Von dort geht es steile 1.752 Höhenmeter auf den Gipfel hinauf – mit Europas ältester Bergbahn, der 1871 eröffneten Zahnradbahn Vitznau–Rigi Kulm. Denselben Weg über den See und hinauf über das als „Kaltbad“ bekannte Höhen-Mineralbad (heute ein topmodernes, von Stararchitekt Mario Botta entworfenes Spa) bis zur Bergspitze nahm vor 140 Jahren bereits Weltenbummler Mark Twain, allerdings noch per Dampfschiff und zu Fuß, so erzählt Tourguide Annelies Elmiger-Küttel, die beinahe ihr ganzes Leben mit der Bergbahn und deren Geschichte verbracht hat. Verewigt wurde der berühmte Schriftsteller prompt mit einem eigenen Wanderweg. Dass er auf dem Rigi-Gipfel gleich mehrmals erschöpft den Sonnenaufgang verschlief und dann hinab ins Tal sicherheitshalber die damals revolutionäre Bahn nahm, verschweigt die Gedenktafel zwar diskret. Für den Ausblick vom Gipfel fand Twain allerdings begeisterte Worte, die auch knapp eineinhalb Jahrhunderte später kaum an Gültigkeit zu übertreffen sind: „Einige Minuten waren wir tief ergriffen: Eine wogende, unendliche Anzahl weißer Zipfelmützen lag vor uns, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umflutet von der goldenen Pracht des Lichts, während die Dampfboote, welche drunten den See durchschnitten, in der Entfernung wie winziges Kinderspielzeug wirkten.“ Zurück in Luzern, bei einem Spaziergang mit Manuela Handermann, die als Tourismusspezialistin der Region die Stadt wie ihre Westentasche kennt, führt die Reise noch tiefer hinein ins Reich der historischen Legenden: Als Standort großer Söldnerheere, welche die Luzerner einst lukrativ für Herrscher in ganz Europa bereitstellten – zum Beispiel die Schweizer Garde des Vatikans –, war die Stadt im Mittelalter reich geworden. Heute weiß nahezu jede Straßenecke und jeder Pflasterstein eine Geschichte zu erzählen, etwa jene der weltberühmten, 650 Jahre alten Kapellbrücke: An ihr wurden im 17. Jhdt. die legendären Bildtafeln mit Szenen der Stadtgeschichte angebracht – angeblich, wie böse Zungen behaupten, um den damals zwar kriegerischen, aber kaum belesenen Einwohnern etwas Bildung beizubringen.

 


Das Luzerner Seebecken mit dem Pilatus im Hintergrund, auf dessen Gipfel die steilste Zahnradbahn der Welt führt.




Nach Zürich im 2-h-Takt: Ab Wien, St. Pölten, Linz und Salzburg werden bis zu sechs, ab Innsbruck beziehungsweise Vorarlberg sieben Verbindungen pro Tag angeboten. Ab Wien und Graz bringt Sie auch der ÖBB Nightjet über Nacht nach Zürich.

 


„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn?“


Johann Wolfgang von Goethe


 

Zukunft in Zürich-West

Zurück im modernen, mondänen Zürich – die Fahrt im InterRegio mutet beinahe wie eine Zeitreise retour in die Zukunft an – wartet bereits Asunción Reolon-Gonzáles auf mich. Schon vor Langem hat die gebürtige Spanierin die Schweiz zu ihrer zweiten Heimat gemacht. Heute begleitet sie mich auf einem langen Stadtbummel, der uns von der Promenade des Zürichsees über die idyllischen Altstadt-Gässchen des Niederdorfs bis ins Trendquartier Zürich-West führt. Vom farbenfrohen, derzeit in Renovierung befindlichen Architekturjuwel des 1967 nahe am Seeufer errichteten „Pavillon Le Corbusier“ spazieren wir über das „Cabaret Voltaire“, in dem Anfang des 20. Jhdts. die Dadaisten die Kunst und Literatur der Moderne radikal revolutionierten, bis zum Freitag-Containerturm, dem modernen Wahrzeichen, das als Shop eines längst zur Kultmarke avancierten Taschen­herstellers inmitten von graffitiübersäten alten Fabrikbauten aufragt. Hier, im ehemaligen Industrieviertel, werden alte Brauereisilos in neue Bars umgewandelt und stillgelegte Gießereien in multifunktionelle Eventzentren, allerorts sprießen neben schicken Restaurants und Coffeeshops neue Kultur- und Designinitiativen aus den einstigen Fabrikarealen. Und zwischen hippen Vintage-Shops und Kunstgalerien hat sogar der Himmel in Zürich-West eine coole Zweitadresse gefunden: Im „Jenseits“ im ehemaligen Eisenbahnviadukt bietet die katholische Kantonskirche ein höchst relaxtes Angebot völlig abseits des Gewohnten an, mit Caffè Latte und Co-Working-Space, Yoga und Meditation, Konzerten und #metoo-Diskussionsrunden. Zukunft schreibt man eben in der Schweiz mit „Z“ wie Zürich-West.

 


Die älteste Bergbahn Europas: Die 1871 eröffnete Zahnradbahn Vitznau– Rigi Kulm legt von der Talstation über 1.300 Höhenmeter zurück.


Credits: © Fotos: Switzerland Tourism / ST / swiss-image.ch / Gian Marco Castelberg & Maurice Haas; Switzerland Tourism / swiss-image.ch / Christoph Schuerpf; Switzerland Tourism / Andre Meier; Adobe Stock / djama; Gaudenz Danuser; Pilatus-Bahnen AG / swiss-image.ch  / Urs Wys
 
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